Durch den Winterregen strömen die Menschen zum imposanten Musentempel am Opernplatz: Pärchen um die 60, Kleingruppen zu viert oder fünft. Kein Schlips, keine Lederjacken, keine langen Kleider, keine bunten Netzstrumpfhosen. Freundlich unscheinbare Menschen aus der Mitte der Gesellschaft. Weißliche Dampfwolken umgeben die Raucher auf den Stufen vor dem Einlass. Gemächlich geht es die Treppen aufwärts. Im haltlos verkorksten, kantinenhaften Interieur des Wartesaals werden Sektchen, Weine und ein paar Flaschen Bier zum entspannten Warten genommen. Es ist voll. Laut Internet gab es noch eine einzige Karte. 70 Euro für einen Platz mittlerer Güte bilden ein natürliches Selektionsmittel, da spielen die Getränkepreise auch keine Rolle mehr. 90% des Publikums gehört dem erweiterten Generationskreis der Baby Boomer an. Als Roger Hodgson und Supertramp 1979 Breakfast in America, das erfolgreichste Album dieser Mainstream Popband veröffentlichten, waren die meisten Konzertbesucher also zwischen 10 und 30 Jahre alt. Diese Platte markiert den Zenit der Band. Auch wenn es später noch zwei, drei Songs gab, die es in die oberen Lagen der Charts schafften, war der Kernbestand an Liedern, mit denen Supertramp auf bedingte Ewigkeit hin assoziiert wird, bereits geschrieben. Zuallermeist von Roger Hodgson, dem Herz und Hirn der Band, komponiert – auch wenn Rick Davies einige Songs und Richard Palmer die meisten Texte für sich reklamieren kann. Hodgsons Falsettstimme wurde mit den Jahren immer mehr zum Erkennungszeichen von Supertramp. 1984 begann er seine Solokarriere, während Supertramp nach einem Schwenk in Richtung Jazz, Rock und R&B ohne große neue Erfolge weiter tourte. Die schöpferische Phase war abgeschlossen. Hodgson und Supertramp gingen getrennte Wege, verwalteten parallel den kreativen Kernbestand ihrer früheren Jahre.

Immer mal wieder eine alte Platte aufzulegen, macht Spaß – egal ob Bach, Miles Davis oder eben Supertramp. Aber jemanden live zu betrachten, der nun seit gut 30 Jahren seine früheren Ideen vorführt? Weniger Vorfreude als Unwohlsein bestimmt meine Gefühlswelt beim Eintritt in den schüsselhaften Saal. Ein musikalischer Hamster im Rad? Ein Zombie, der die Schöpfungskraft seiner ersten 30 Jahre immer wieder neu gegen die Anfeindungen der Zeitläufte in Stellung bringt? Ein idealistischer Meister, der sich und sein Publikum mit musikalisch beliebig reproduzierbaren Jugendgefühlen die Tür in eine stets bessere Welt öffnet? Der Abend wird es erweisen. Vielleicht.

Ein übersichtliches, fast bescheidenes Bühnenarrangement: zwei bambusähnliche Hecken im Hintergrund von wechselnden Lutschbonbonfarben beleuchtet. So stellt man sich den Innenraum eines Thai-Massagesalons in Unna oder Bad Schandau vor. Hinten – schön symmetrisch – Keyborder und Drummer, zentral vor ihnen der E-Bass, vorne links an der Bühnenrampe der Holzbläser mit Saxophonen, Piccoloflöte und anderem. Vorne rechts ein kleines, mit weißem Hemd und Weste bekleidetes Männchen mit irisierenden Bewegungen am ebenfalls weißen Keybord: Roger Hodgson. Die blonde Struwelmähne, die dünnen Beinchen, ja die ganze zarte Gestalt und der jungenhafte Schwung seiner Bewegungen zeigen auch hier, wie alterslos die Bühne einen halten kann. Ich habe kein Opernglas zur Hand, aber wie 65 sieht er wirklich nicht aus. Es folgen warme, freundliche Worte über Frankfurt und das deutsche Publikum als solchem. Roger ruft Vornamen auf, die ihm im Vorfeld ihre Musikwünsche zugemailt haben. „Oh, you are so shy“, bedauert er, wenn sich keiner meldet. Liebenswert. Das Publikum dankt ihm jede Erläuterung, warum gerade jetzt einer der „Kernbestandsongs“ zu spielen sei. School. Viele stehen auf. In den ersten Reihen gehen die Arme nach oben. Vor mir wiegt sich eine weiße, kurzärmelige Bluse im Takt. Neben ihr schlägt sich – nach einer gewissen Anlauffrist – der zugehörige Partner ohne jedes Rhythmusgefühl die Hände gegen die bejeansten Oberschenkel. Aktivität scheint gefragt. Hat man ja früher doch auch so gemacht. Der Klang von der Bühne ist voll und angenehm laut. Nicht zu viel des Guten. Gleiches gilt für den Scheinwerfereinsatz. Kaum Stroboskop, keine Nebelmaschine. Kein Chichi. Dreamer. Die Smartphonebildschirme wiegen sich im Takt. Feuerzeuge braucht man ja nicht mehr dafür. Die weiße Bluse vor mir ist wieder aufgestanden. Der Partner bleibt sitzen. Man kann es ja auch übertreiben. Nach zwei Stunden Programm und 15 Minuten Zugaben ist der Traum vorbei. Die Stimmung steigt bis ins gediegen Frenetische. Beim abschließenden Ausatmen und Entleeren des Saals sieht man viele Pärchen noch eine Weile in inniger Umarmung verweilen. Die Musik hat sie glücklich gemacht oder sie mit Glücksmomenten in der Vergangenheit kurzgeschlossen. Beseelte Gesichter laufen auf den Stufen abwärts. Der Realität entgegen. Roger Hodgson hat erfolgreich den Peter Pan gegeben. Er, der nicht alternde Junge, hat den allermeisten Besuchern für gut 140 Minuten einen herrlichen Besuch in ihrem persönlichen Neverland ermöglicht. Dafür sollte man eigentlich dankbar sein. Der Gedanke an Kitsch scheint wohl nur bei jenen auf, für die Supertramp noch nie eine Tür ins Zauberland geöffnet hat.