Nachdenken über das Alter

Nachdenken über das Alter

Wenn man mal ehrlich ist: der Tod ist das einzig Gewisse im Alter. Um ihn auf Distanz zu halten, sind ganze Industrien in Sachen Ernährung, Bewegung und Bespaßung für uns tätig. Und sie haben Erfolg: der „dessen Name nicht genannt werden darf“, der Tod, bleibt tabuisiert. Sein finaler Auftritt ist sicher. Unabänderlich.Was soll man dann noch darüber reden? Nur wenigen fällt da noch etwas zu ein. Wer sein individuelles Verdrängungsprogramm mal kurz aussetzen will, um wenigstens ein paar schwerer wiegende Gedanken zum Ableben zu überdenken, dem kann ich nur Odeo Marquards Büchlein ans Herz legen.Der frühere Chef der deutschen Universitätsphilosophie ist – leider auch er – vor ein paar Jahren verstorben. Der Reclam Verlag – bei dem Marquard bevorzugt publizierte – hat eine verdienstvolle Auswahl seiner altersbezogenen Texte mit einem sehr persönlichen Interview angereichert. Aus meiner Sicht eine der best denkbaren Pausen im Verdrängungsdauerlauf.

Was man noch zu sagen hätte…

Was man noch zu sagen hätte…

Als vor elf Jahren dieser Blog sein Netzleben begann, war „Altern“ noch ein kauziges Thema, eher ein Un-Thema. Heute kann man Altern durchaus mit dem Schmuckadjektiv „sexy“ versehen. Kein Tag vergeht, an dem nicht irgendein Halb- oder Vollpromi etwas über seine Haare, sein erschlaffendes Gewebe, seine veränderten Ess- und Bewegungsgewohnheiten zum Besten gibt. Und alle Welt scheint interessiert. Warum? Weil die dickste Stelle in unserer demogrphischen Rübe mit den Babyboomerjahrgängen mittlerweile über die 50 hochgerutscht ist. Eine alternde Gesellschaft verändert ganz natürlich ihre Interessenschwerpunkte.  Die klassich dritte Lebensphase, das Alter, wurde geteilt. Im ersten Teil, der mittlerweile bis an die 80 Jahre reicht, ist eine neue Kernzielgruppe entstanden. Von Seniorenreisen (die nicht mehr so heißen) über Gerätschaften, die früher nur in Satinärhäusern zu kaufen waren, bis zu speziellen Kochbüchern und Mobilisierungskursen haben sich ganz Industriezweige einen neuen Markt mit noch überwiegend gut finanzierten Kunden erschlossen. Um das, was danach kommt, hüllt sich auch heute noch weitgehendes Schweigen. Hospiz und Sterben bleiben weitflächig tabuisiert.

ISBN-13:9783961114375

 

Mit einem ausgesprochen hilfreichen Buch ist Margarete Buhl der Brückenschlag zwischen erstem und zweiten Alter glungen. „Mach es Deinen Nachfahren leicht, mit Deinem Tod zurecht zu kommen!“ könnte man ihr Credo überschreiben. Es ist eine Anleitung für die letzten Hausaufgaben, die wir hier auf Erden zu machen haben. Besser und einfacher, wenn wir uns früher dransetzen. Später könnte es in und um uns zu dunkel dafür sein. Sie rät zur Beschäftigung mit dem eigenen Tod. Nicht um seiner selbst Willen, sondern um jenen, die trauernd zurückbleiben, das Schwere möglichst leicht zu machen. Und sie hat Recht damit: Wer sich je um einen Nachlaß kümmern musste, ahnt wie hilfreich es wäre, wenn man von Beerdigungszeremonie über Testament und Nachlaßfotos bis zu Bank- und Finanzierungsmodalitäten alles gut geordnet vorfinden würde. Meist ist das aber nicht der Fall. Wer das gut zu lesende (angenehme Schriftgröße, kurze Absätze, einfache Sprache) Buch „Vorkehrungen, Erinnerungen, Nachlass“ durchgearbeitet hat, weiß, dass er seinen Lieben nach dem eigenen Tod das Leben so leicht wie möglich gemacht hat. Es ist für (fast) alles gesorgt. Das beruhigt. Die Autorin fragt einen nach Versicherungsnummern und Kindheitserinnerungen – und all dem anderen, was für die Nachfahren von Belang sein könnte. Sie gibt dem Leser freie Zeilen, um alles zu notieren. Wer mal versucht hat, eine Patientenverfügung oder für den Demenzfall eine Betreuungsverfügung zu erstellen, wird sich über die sehr direkte und zielführende Unterstützung dieses Buches freuen. Auch Kompliziertes lässt sich einfach formulieren. Schlimmstenfalls sagt uns Frau Buhl, an wen wir uns wenden sollten, um auch Schwieriges zum Abschluß bringen zu können. Ich bin kein Freund des anschleimenden IKEA-Geduzes, aber Margarete Buhl versteht es, einen mit ihrer gezielt einfachen Sprache so anzurühren, so zu motivieren, dass in Ihrem  „Du“ ein warmer, aufrufender Ton mitschwingt. Daher nimmt man sich zumindest sofort vor, möglichst bald die letzten Hausaufgaben in Angriff zu nehmen. Ich werde dem Buch einen bevorzugten, auffälligen Platz in meinen Regalen einräumen.