Selbstgemachtes Altern

Selbstgemachtes Altern

Gute Ernährung, viel Bewegung und soziale Kontakte: dass diese heilige Dreieinigkeit das Altern deutlich angenehmer machen kann, hat sich mittlerweile sehr weit herumgesprochen. Man reagiert darauf oder lässt es sein. Gut so. Aber nun kommt – oder besser gesagt: wird belegt – dass ein weiterer Faktor entscheidend über die Länge unseres Lebens mitbestimmt: unser Selbsbild im Alter. Befinden wir uns eher auf der skeptischen Seite und halten uns und anderen vor, was alles nicht mehr geht und funktioniert? Eher unproduktiv, weil wir so eine Abwärtsspirale bestätigen und beschleunigen. Wenn wir uns umgekehrt die guten Seiten des Alterns vor Augen halten, weniger Streß, mehr Zeit, mehr Erfahrung, gewachsene Souveränität oder was immer man sich auf der Habenseite notiert, setzen wir psychologisch eine positive Selbstbestätigung in Gang. Diese kann uns – so eine Studie aus dem Jahre 2002 von der Psychologin Becca Levy (Yale University) – bis zu 7,5 zusätzliche Lebensjahre  bescheren. Die Langzeitstudie belegte dies nicht nur statistisch, sondern auch mit neurologischen Fakten: Je schneller die Telomere (an den Chromosomenenden) sich verkürzen, desto zügiger eilt das Leben seinem Ende entgegen. Eine positive Sicht auf das eigene Altern kann den Verkürzungsprozess der Telomere nachweislich verlangsamen. Dieser Befund wurde nun durch eine neue Studie an der Uni Greifswald von der Tendenz her bestätigt. Entwicklungspsychologin und Alternsforscherin Susanne Wurm bilanziert »Für die Gesundheit und Langlebigkeit ist sowohl das Sich-jünger-Fühlen gut als auch eine generell positive Einstellung gegenüber dem Älterwerden«. Wenn es uns gelingt, beim Blick in den Spiegel das Positive zu erkennen, verlängern wir unser Auf-Erden-Sein.

Spiegelwahrheiten

Der Spiegel zeigt, was ich sehen möchte

Das Schöne ist, dass wir je nach Willenkraft und Glaube an den drei o.g. Klassikern der Altersverlangsamung arbeiten können. Alternativ können wir uns nun auf das „Umparken im Kopf“ konzentrieren. Ganz Mutige werden sich vielleicht in allen vier Bereichen engagieren. Sie werden mit selbstgeschenkten Jahren belohnt. Ich halte das für einen guten Deal.

Besser gebildet = später dement?

Besser gebildet = später dement?

Demenz ist eine Krankheit, der man bislang nur bedingt etwas entgegensetzen kann. Wenn wir das Gehirn als eine Art Muskel verstehen, ist regelmässiges Training sicher kein Fehler. Aber auch keine Garantie, keine Demenz zu bekommen. Ob studierte Menschen generell klügere Menschen sind, bezweifle ich stark. Jedoch legt nun eine Studie der Universität Umeå in Schweden (Spektrum deer Wissenschaft berichtet) nahe, dass Studierte tatsächlich mit höherer Wahrscheinlichkeit später Demenz bekommen als weniger Gebildete. Der aktive Aufbau von Wissen führt auch rein physisch zu einer größeren Wissensbasis. Der Abschmelzprozess wird „Hirnatrophie“ genannt. Dieser Verlust an Hirnvolumen geht sowohl mit normalen als auch mit krankhaften Alterungsprozessen (z.B. Demenz) einher. Mit dem Alter verkleinert sich das Volumen in Teilen der Großhirnrinde. Dasselbe galt für das Lern- und Gedächtniszentrum des Gehirns, den Hippocampus: Er schrumpfte um etwa 50 Kubikmillimeter pro Jahr, was rund ein Prozent seines Volumens ausmacht. Dieser Schrumpfungsprozess verläuft bei allen Menschen im Grunde gleich. Wer nun früher viel gelernt hat, hat einen größeren Vorrat, wird also auch bei identischer Abschmelzgeschwindigkeit noch mehr „Hirn“ haben als jene, die weniger gelernt haben. Also hat auch unnützes Lernen und Wissen zumindest im Alter seine positiven Seiten. Damit könnte man doch mal lernunwillige Studenten und -innen als „Extra-Lernmöhre“ zu locken versuchen.

Leuchtschrift: use your brain

Photo by Jesse Martini on Unsplash

 

 

Interdisziplinäre Forschung zum Altern

Interdisziplinäre Forschung zum Altern

Altern ist noch immer mit vielen Fragezeichen versehen

Ein Blick und viele Fragen                 Bild von Gerd Altmann auf Pixabay

Wir kennen das: jede Fakultät hat ein paar nette oder auch wertvolle Tips zur Hand, wie man mit dem Altern besser fertig werden kann. Sozialbeziehungen, gesundes Essen, Bewegung. Tausenmal gehört – na ja, manches wird ja auch berücksichtigt. Aber oft genug greifen die verschiedenen Tips nicht ineinander, sondern stehen sich gegenseitig im Weg. Denken Sie nur an den Besuch von zwei Fachärzten. Im Alter  wird dieser selten ohne neue Medikamentierungstips vonstatten gehen. Aber ob diese Medikamente tatsächlich friktionsfrei miteinander kombinierbar sind? Im glücklichen Fall wird sich die Apothekerin der Sache annehmen – wenn man sie darum bittet. Aber oft genug – auch immer noch in Seniorenheimen – wird alles geschluckt.: oft werden dadurch aus zwei Problemstellen drei. Die Medikamene lösen im unbedachten Miteinander Streß im ohnehin geschwächten Immunsystem aus. Die Akteure im Forschungsfeld Altern sprechen bislang auch nur selten miteinander. Interdisziplinarität ist eine schwierige Sache. Jeder muss was von seinem Kuchen abgeben und sich mit Neuem beschäftigen. Dabei ist nun gerade das Altern – nicht nur der körperliche Alterungsprozess – ein Feld für viele Fakultäten. In Hallean der Saale  hat man dies nun auch für sich entdeckt. Dort wurde das Interdisziplinäre Zentrum für Altern (Halle) – IZAH – gegründet. Die Medizin scheint zwar – nach der Zahl der Beteiligten zu urteilen – die Oberhand zu behalten. Aber eine ganze Reihe ander Fakultäten ist tatsächlich auch beteiligt. Von großen Erkenntniserfolgen ist noch nichts zu lesen, aber das mag ja noch kommen. Das Altern gibt allemal genügend Rätsel auf, um interdisziplinären Forschergruppen genügend Material an die Hand zu geben.

Altern und Robotik

Corona hat viele, viele Nachteile für unser aller Leben, aber es gibt – wenn man genau hinschaut – auch ein paar Lichtpunkte: so hat man heutzutage die Chance, interessante Konferenzen und Begegnungen in Echtzeit mitzuverfolgen. Früher hätte man hinreisen müssen oder sich mit einem – wenn überhaupt erstellten – späteren Videoprotokoll zufrieden geben müssen. Die Körberstiftung zeigt morgen abend (4.11., 19.00 Uhr) im Livestream eine Diskussion rund um das Thema Altern und Robotik. Sami Haddadi, ein Pionier auf dem Feld der Robotik erprobt im innovativen Geriatronik-Zentrum der Technischen Universität München in Garmisch-Patenkirchen, was Robotik und Künstliche Intelligenz für gutes und selbstbestimmtes Leben im Alter schon heute leisten und morgen leisten könnten. Hier kann man sich einwählen.

Kant und die Ratgeber

Kant und die Ratgeber

Innerhalb einer Woche sind mir zwei Meldungen von Studien zum Problemfeld Alkoholkonsum in den Blick gekommen. Da es nicht um eine ganz spezielle Meldung geht, sondern um die Anmaßung, mit der die allermeisten Ratgeber ihre Nutzer zu Abhängigen, ja zu Opfern machen, erspare ich mir hier die Quellenangabe. Schon früher wusste man: „Glaube keiner Statistik, die Du nicht selbst gefälscht hast!“ Dennoch ist es verlockend, die zentralen Botschaften von Studien – zumal universitären – zu glauben. Die Mittel von Logik und Nachprüfbarkeit sind natürlich dem Aberglauben und der nächtlichen Krötenschau oder Ähnlichem überlegen, aber dennoch haben eben auch Statistiken ihre Tücken. Man kann durch das Werlassen von Rahmenbedingungen Ergebnisse in einem helleren (eindeutigeren) Licht erscheinen lassen als sie das eigentlich verdient haben. So las ich, dass bereits 1 Gramm Alkoholzufuhr  pro Tag zu einer Alterung des menschlchen Gehirns von exakt 11 Minuten führt.  Man mag sich natürlich fragen, wie man bei noch arbeitenden Gehirnen diese 11 Minuten nachweisen kann. Egal, ein paar Tage später kamen erfreulichere Neuigkeiten: nicht übertriebener Alkoholkonsum führt im Alter zu besseren Reaktionszeiten unseres Gehirns als ihn – statistisch – Nicht-Alkohol-Trinkende erreichen. Wenn es um eine mediengerechte Botschaft dieser Studie ginge, könnte sie wohl so lauten: „Leichter Alkoholkonsum schützt vor Alzheimer“. Hoch die Tassen? Nein, angesichts von hunderten und aberhunderten von Ratgebern und Studien könnte man sich fragen, warum man nun gerade derjenigen, die einem heute via TV oder Zeitung vor Augen kommt, glauben sollte. Und damit wären wir bei Kant. „Wage Dich Deines eigenen Verstandes zu bedienen!“ Diese Forderung gilt in Zeiten der medial vermittelten Überfülle von Informationen genauso wie zu Zeiten, da man nur eine oder zwei Quellen zur Verfügung hatte. Die Verantwortung, sich als Individuum zu sehen und Entscheidungen nach wohlabgewogenen Dialogen mit den inneren Stimmen (in unserem Beispiel: der Weinliebhaber, der Altersängstliche, der Vorsichtige, der soziale Trinker, der Selbstgewisse, etc.) zu treffen, ist unser zentrales Recht – und vielleicht sogar Pflicht – als selbstbestimmte Geschöpfe.

Handgeschrieben "Ratgeber"

Die vermeintliche Sicherheit

Schon als Kind machte mich der medial geführte Kampf zwischen Butter- und Margarineindustrie kirre: Jede Seite behauptete, ihre Produkte wären der Garant für Gesundheit und Wohlbefinden. Meine Eltern kamen zu dem weisen, ja salomonischen Schluß, dass morgens Butter und abends Margarine aufs Brot kam. Vielleicht ist dieser Weg, die Mitte zwischen den verfeindeten und mit Akribie argumentierenden Positionen zu suchen, noch immer der beste. Jürgen Habermas hat einmal formuliert: Wahrheit entsteht im Dialog. Vielleicht sind wir ganz gut beraten, wenn wir zu jeder Studie und zu jedem Ratgeber zunächst eine konträre Meinung, ein anders argumentierendes Studienpapier suchen, bevor wir uns entscheiden. Kants Definition der Aufklärung, „Der Auszug aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit“, bleibt für uns alle eine lichte Forderung – auch im Umgang mit Ratgebern.

Verunglückte Anmerkungen zur Musiktherapie

Verunglückte Anmerkungen zur Musiktherapie

Deutschlands ehemaliger Literaturpapst, Marcel Reich-Ranicki, gab unter vielen anderen auch zwei Sammlungen seiner eigenen Buchkritiken heraus. Die eine trägt den Titel Lauter Lobreden die andere Lauter Verrisse. Beide sind etwa gleich umfangreich und zum gleichen Preis auf dem Markt erschienen. Auch, um sich des Vorwurfs zu erwehren, er würde Literatur am liebsten verreißen, wies Reich-Ranicki später darauf hin, dass der zweite Band mehr als doppelt so oft verkauft wurde wie sein positives Pendant. Es gibt die Freude am Verriss. Auch das Negative hat – gerade in den Augen des Publikums – seine Legitimation.

Warum nun diese umständliche Einleitung? Die Bücher, die ich im Laufe der Jahre in diesem Blog besprochen haben, kamen alle mit der Schulnote drei oder besser davon. Das verdankt sich vor allem der Tatsache, dass ich ja Empfehlung geben möchte, was zu lesen sich tatsächlich lohnt. Anders als in der Literatur ist bei Fachbüchern leichter begründbar, warum sie ihr Ziel nicht erreicht haben. Nun flatterte mir etwas auf den Schreibtisch, was vom Eigenanspruch her unbedingt gelesen werden möchte, und dennoch bestenfalls sehr spezifisch weiterempfohlen werden kann. Im Interesse der subjektiven Wahrheitsfindung hat der Verriss auch hier mal seinen Platz. Die Rede ist von:

Wormit et al.: Musiktherapie in der geriatrischen Pflege.
Ein Praxisleitfaden.
Ernst Reinhardt Verlag München. 2020.

Im Vorwort heißt es: „Der Leser kann einzelne Kapitel im Sinne von Fachartikeln oder auch systematisch interessengelenkt lesen.“ Bei einem „Praxisleitfaden“ sollte von Beginn an glasklar sein, wer ihn denn für seine Praxis brauchen könnte. Der Musiktherapeut, der Seniorenheimbewohner? Dessen Angehörige? Die Heimleitung? Das Pflegepersonal? Na ja, im Prinzip wendet sich das Buch – ohne es zu sagen – je nach Kapitel an alle. Aber die professionelle Lesergruppe der Musiktherapeuten hat einen komplett anderen Wissenshintergrund als gutwillige Angehörige, die meinen, dass Muttern doch zuhause immer gerne Elvis aufgelegt habe. Das Buch versucht niemanden direkt anzusprechen und ist so auch für niemanden eine „praktische“ Hilfe. Die von unterschiedlichen Autoren (-paarungen) verfassten acht Kapitel differieren in Sprache und vorausgesetztem Wissen weit möglichst. Im Kapitel 4 (Wissenschaftliche Perspektiven zu Musiktherapie mit älteren Menschen) stolpert man alle paar Zeilen über in Klammern gesetzte Literaturhinweise. In Kapitel 5 (Der Musiktherapeut) werden psychologische Basics wie Gesprächstechniken angesprochen. Mit diesen aber hat sich jeder Musiktherapeut – um den es ja laut Kapitelüberschrift hier geht – bereits in seiner Ausbildung intensiv beschäftigt. In Kapitel 6 (Musiktherapeutischer Interventionskatalog) endet jedes Unterkapitel sinnig mit „weiterführender Literatur“ und einem Alltagsbeispiel. Das Lektoriat hat qua Arbeitsverzicht oder Überforderung nicht einmal eine formale Homogenisierung dieser Bausteine gewagt. Aber auch inhaltlich ist Kopfschüttteln angezeigt: In Kapitel 5 wird intensiv dazu geraten, die Patienten möglichst in ihrer je eigenen Musikwelt abzuholen. Sehr schön! Aber am Ende des Kapitels wird unter „Weiterführende Literatur“ auf eine Liedsammlung der Evangelischen Heimstiftung aus dem Jahr 2002 verwiesen. Mein Gott! Die Menschen, die heute in Seniorenheime einziehen, sind mit Bill Haley, den Beatles und den Stones groß geworden. Die mit dem Kufsteinlied und den Caprifischern: das waren ihre Eltern! In Kapitel 8 (Zusammenfassung und Ausblick) wird zwar darauf hingewiesen, dass mit dem Einrücken der 68-er Generation der Musikgeschmack wohl ändern könnte. Aber hallo! Rudi Dutschke, einer der Väter der 68-er Bewegung war Jahrgang 1940. Teile der 68er sind längst in den Heimen angekommen, aber keiner der Autoren dieses Buches scheint dies mitbekommen zu haben.  Also ein Reader mit sehr heterogenen Beiträgen, die mühsam von Vorwort und Zusammenfassung gerahmt werden. Sicher, auf die eine oder andere Weise wird die Musiknutzung im alterstherapeutischen Umfeld positiv erläutert. Ob ihm dieser bescheidene Erkenntnisertrag nun 26,90 € wert ist, mag der geneigte Leser selbst entscheiden.

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