Pflegekontinent Deutschland

Pflegekontinent Deutschland

Spricht man das Wort „Pflege“ aus, muss man sich schon zusammennehmen, um mich gleich „-notstand“ dahinter zu setzen. Kein Monat, in dem nicht in den Nachrichten oder an anderer Stelle über fehlende Pflegekräfte, neu ausgebildete Pfleger, Pflege-Schlüssel, neue Gehälter für Pflegekräfte, Akademisierung der Pflege und dergleichen mehr berichtet und schwadroniert wird. Oft unterlegt mit Zahlen und Statistiken, die die Dramatik der Situation deutlich machen sollen. Wer jedoch nicht durch Angehörige oder den eigenen Pflegestatus dazu gezwungen ist, sich mit dem Thema zu beschäftigen, wird – auch aufgrund der abstrakten Beschreibungen oder Statistiken – eher zur Verdrängung neigen. So bleibt die Pflege ein merkwürdiges Objekt, das von außen betrachtet wird, aber trotz aller Panikzahlen die Mehrheit im Lande eher ungerührt lässt.

Gerda Blechner und ihrem Buch “Von wegen Überforderung“ ist es zu danken, dass man nun auch einen aussagekräftigen Blick in die Pflegebinnenwelt tätigen kann. Die studierte Ethnologin und Psychologen (Jahrgang 1937) berichtet über eine Vielzahl glaubhaft authentischer Geschichten und Ereignisse vom deutschen Pflegekontinent. Systematisch gibt sie Tipps für die möglichen Kommunikationssituationen mit Pflegeheimbewohnern Pflegern, Pflegeleitung und den verschiedenen Sorten privater, freundschaftlicher und auch ehrenamtlicher Besucher, mit denen man als Pflegeperson in Kontakt kommen kann. Und sie macht nicht den Fehler, nur die vermeintliche Blödheiten der andern anzuklagen: mit einem Selbsttest gibt sie dem Leser die Chance, eigene Schwächen und Eigenheiten bewusster kennen zu lernen und sein Kommunikationsverhalten (für die Begegnungen im Kontext Pflege) darauf abzustimmen. Sehr hilfreich sind auch ihre Auflistung von Kontraindikationen und Unverträglichkeiten verschiedener häufig vergebener „Altersmedikamente“. Diese haben ihren Nutzen natürlich auch jenseits der Pflege. Voller Inbrunst bringt sie hier den Kantschen Imperativ: „Wage es selbst zu denken!“ gegen die überbordende Medikamentierung durch Mediziner und Pharmaindustrie in Stellung. In ihrem burschikosen, gut lesbaren Schreibstil schießt die Autorin manchmal übers Ziel hinaus: so sind zum Beispiel mit Sicherheit nicht alle Pfleger aus Osteuropa von kommunistischer Kleinkariertheit geprägt. Ich selbst habe andere kennen gelernt. Auch manche Wortwahl wirkt ein Tick zu emotional, das hilft der Diskussion aber bestimmt weiter als mehr Statistiken. Ein aufmerksameres Lektorat hätte für einen eingängigen, sofort verständlichen Titel gesorgt, die hilfreichen Medikamententipps in eine bessere Layoutstruktur eingebunden und das Literaturverzeichnis durch Leerzeilen oder Einrückungen ebenfalls besser lesbar gemacht. Trotz dieser Oberflächenschäden eignet sich das Buch hervorragend als psychologisches Vademecum für all jene, die innerhalb des Deutschen Pflegekontinents zurecht kommen müssen.

Manuela Kinzel Verlag, ISBN 978-3-95544-093-0. 14 €.

Selbst ist der Demenzbekämpfer

Selbst ist der Demenzbekämpfer

Gerald Hüther, gleichermassen geschätzter wie umstrittener Neurobiologe – hat aus einem seiner Lieblingsvortragsthemen ein Buch gemacht.

Er sieht in Sachen Alzheimer die Eigenverantwortung und nicht den klassischen Reperatur- und Medikamentenbetrieb unseres Kranken- bzw. Gesundheitssystems in der Verantwortung. Zunächst einmal macht dieser Ansatz aus uns als potentiellen Opfern der Demenz aktive Widersacher und Gegner. „Wehret den Anfängen!“. Für mich klingt das animierender als der passive Ruf nach dem Onkel Doktor, der es richten möge. Aber Hüther hat auch einen Beleg: die mittlerweile bekannte „Nonnenstudie“ des Epidemologen David Snowdon. Für die Studie wurden hunderte von Gehirnen entschlafener Nonnen analysiert. Allesamt in hohem bis sehr hohem Alter verstorben. Bei allen waren degenerative Prozesse und Plague erkennbar, die gemeinhin als neurologischer Befund für Alzheimer betrachtet werden. Jedoch zeigte keine der untersuchten 678 Nonnen zu Lebzeiten Symptome der Krankheit. Nicht nur Hüthers These lautet nun: der aktive Lebensstil und die Einbindung in eine Welt, die verstehbar, gestaltbar und irgendwie sinnvoll erschien, führte zu einem neuroplastischen Umbau des Gehirns, das auch ohne die befallenen Areale demenzfrei arbeiten konnte. Auch wenn die Generalaussage ein Tick zu optimistisch formuliert sein mag, so ist uns doch damit geholfen, eigenständig auf ein Leben in einer gestaltbaren und sinnvollen Umgebung hinzuarbeiten.

Ewigkeit ist abgesagt

In jüngerer Zeit wurde die Maximalisierung der Lebenszeit in vielen Gazetten erneut thematisiert. Hinzu kamen Berichte von neuen Einfrieroptionen für Verstorbene in den USA. Das Ziel ist schon altbekannt: die Herrschaften möchten aufgetaut werden, wenn die Wissenschaft endlich das Geheimnis des ewige Lebens entschlüsselt hat. Von Seiten der Proceedings der Nationalen Akademie der Wissenschaften (hier zitiert) gibt es nun einen herben Rückschlag für die Unsterblichkeitsjäger: Mathematisch betrachtet ist die Ewigkeit – zumindest hier auf Erden – mit unseren Zellen nicht machbar. Mit dem Alter verlieren immer mehr Zellen ihre Funktion und parallel wachsen Krebszellen immer schneller heran. Man kann sich theoretisch nur den einen oder den anderen Weg aussuchen. Zum Tod führen beide. „(…) einige unserer Zellen wachsen wie verrückt. Was wir zeigen, ist, dass dies eine doppelte Bindung bildet – ein catch-22. Wenn Sie diese schlecht funktionierenden, trägen Zellen loswerden, dann können Krebszellen sich vermehren, und wenn Sie diese Krebszellen loszuwerden oder zu verlangsamen, dann können sich träge Zellen ansammeln “ berichtete Paul Nelson, Hauptautor der Studie. Versuche, durch Radikaldiäten den Aufwuchs von Krebszellen quasi auszuhungern, ist – zumindest bei Rhesusaffen – duchaus ein gewisser Erfolg beschieden. Aber wer bitte will seine letzten Jahre auf Kosten penetranten Hungergefühls verlängern?

Altern im Kloster – vielleicht vorbildlich

Altern im Kloster – vielleicht vorbildlich

Klöster bilden in gewisser Weise eine Avantgarde unserer Gesellschaft. Unsere – gemessen an den Herkömmlichkeiten – ungesunde demographische Entwicklung nehmen die Klöster dramatisch vorweg: fast kein Nachwuchs und immer weniger Bewohner führen zur Schliessung vieler Klosteranlagen. Dem kann man sich in stiller Demut beugen oder/und das Geschehen zum eigenen Forschungsobjekt erheben. So geschehen an der Philosophisch-Theologischen Hochschule Vallendar (PTHV). Die  Ordensgemeinschaft der Pallotiner lebt vor allem in Deutschland und Österreich. Die in Vallendar beheimatete Hochschule hat interessanter Weise zwei Fakultäten, eine theologische und eine pflegewissenschaftliche. In einem gemeinsamen Projekt wird momentan der Frage des guten Alterns in den 14 pallottinische Kommunitäten (Gemeinschaften) nachgegangen. Auch wenn erst Zwischenergebnisse vorliegen, dürften sie über den kleinen Kreis der Pallotiner hinaus Interesse finden. Denn Begrifflichkeiten wie „eingeschränkte Beweglichkeit“  oder „eingeschränktes Hörvermögen“ zeigen ja keine spezifisch katholische Problematik. Und die von den Bewohnern angemerkten positiven Aspekte ihres Zusammenlebens in klösterlicher Gemeinschaft sind durchaus auf unsere Gesamtgesellschaft übertragbar: man freut sich darüber,  im Alter nicht alleine sein zu müssen. Darüber hinaus werden die Sorge füreinander sowie die materielle Absicherung durch den Orden als sehr positiv bezeichnet. Die auseinander driftende Schere von immer höheren Mieten in den Ballungsgebieten und (trotz aller politischen Nebelkerzen) sinkendem Renteneinkommen legen gemeinsames Wohnen im Alter nachhaltig nahe. Im Juni sollen weitere Forschungsergebnisse veröffnelticht werden. Aber schon jetzt wird deutlich: Klostergemeinschaften haben Vorbildcharakter für die Frage nach dem richtigen Arrangement für ein zufriedenes Leben im hohen Alter.

Dunkelheit des Winters

Dunkelheit des Winters

Wenn man nicht gerade in Freiburg im Breisgau lebt, braucht es schon viel Phantasie, um das, was uns draussen umgibt, als „Frühling“ zu titulieren. Dennoch bin ich erleichtert, dass die Tage wieder früher anfangen und abends der Zeitpunkt des Lichteinschaltens später und später eintritt. Es scheint mir eine interessante Frage zu sein, ob der ältere Mensch mehr Vitamin D braucht und deshalb das Ende der dunklen Jahreszeit frenetischer herbeisehnt als jüngere Leute? Oder welche Alternativursachen benennbar sind? Sicherlich habe ich keinen repräsentativen Zugriff auf die sich mit dem Alter wandelnde Leidensfähigkeit hinsichtlich der winterlichen Dunkelheit, aber sowohl Selbstbetrachtung wie Gespräche im Umfeld bestätigen die Grundthese: zunehmendes Alter führt zu wachender Abneigung gegen die Winterdunkelheit!

Noch winterlich, aber immerhin zu sehen: Die Sonne!

Vorsätze

Neues Jahr – neue Vorsätze. Welch alter Hut! Der Forschung nach wird der Großteil aller Vorsätze bereits innerhalb der ersten zwei Wochen des neuen Jahres gebrochen. Wer weiß, auf welcher Datenbasis solche Theorien gedeihen? Aber das Scheitern kann man im privaten Umfeld doch oft beobachten. Wobei Ältere – meiner Wahrnehmung nach – das neue Jahr seltener zu Kampfansagen gegen sich selber nutzen als Jüngere. Das Ganze hat mit dem Thema „Altern“ auch nur wenig zu tun. Aber die Ratgeberbranche  und einschlägige Zeitschriften kommen in diesen Tagen besonders gern mit Tips daher, was man mehr oder weniger tun sollte, um glücklich zu altern. Dabei geht es ja um das Komplexeste überhaupt: unser Leben! Die Annahme, einzelne Änderungen in unserem Verhaltensrepertoire könnten Lebenszeit und -qualität steigern, scheint mir zeimlich…na sagen wir „engstirnig“ zu sein. Natürlich schadet es nicht, seine sozialen Beziehungen zu pflegen oder mehr Sport zu machen oder bewußter zu essen usw. Aber die letzte Zigarette oder das „letzte Glas im Stehen“ sind keine Kippschalter, mit denen das Leben in Richtung länger und besser gepuscht wird. Wer meint, mehr vom späten Leben haben zu wollen, muss sich auf einen immer wieder neu aufflackernden Vielfrontenkrieg gegen Gewohnheiten, Faulheit und Desinteresse einstellen. Ohne Prinzipienreiterei. Dann kann das Ganze durchaus Spaß machen – und auch erfolgreich werden. „Kann“ wohlgemerkt.