Verunglückte Anmerkungen zur Musiktherapie

Verunglückte Anmerkungen zur Musiktherapie

Deutschlands ehemaliger Literaturpapst, Marcel Reich-Ranicki, gab unter vielen anderen auch zwei Sammlungen seiner eigenen Buchkritiken heraus. Die eine trägt den Titel Lauter Lobreden die andere Lauter Verrisse. Beide sind etwa gleich umfangreich und zum gleichen Preis auf dem Markt erschienen. Auch, um sich des Vorwurfs zu erwehren, er würde Literatur am liebsten verreißen, wies Reich-Ranicki später darauf hin, dass der zweite Band mehr als doppelt so oft verkauft wurde wie sein positives Pendant. Es gibt die Freude am Verriss. Auch das Negative hat – gerade in den Augen des Publikums – seine Legitimation.

Warum nun diese umständliche Einleitung? Die Bücher, die ich im Laufe der Jahre in diesem Blog besprochen haben, kamen alle mit der Schulnote drei oder besser davon. Das verdankt sich vor allem der Tatsache, dass ich ja Empfehlung geben möchte, was zu lesen sich tatsächlich lohnt. Anders als in der Literatur ist bei Fachbüchern leichter begründbar, warum sie ihr Ziel nicht erreicht haben. Nun flatterte mir etwas auf den Schreibtisch, was vom Eigenanspruch her unbedingt gelesen werden möchte, und dennoch bestenfalls sehr spezifisch weiterempfohlen werden kann. Im Interesse der subjektiven Wahrheitsfindung hat der Verriss auch hier mal seinen Platz. Die Rede ist von:

Wormit et al.: Musiktherapie in der geriatrischen Pflege.
Ein Praxisleitfaden.
Ernst Reinhardt Verlag München. 2020.

Im Vorwort heißt es: „Der Leser kann einzelne Kapitel im Sinne von Fachartikeln oder auch systematisch interessengelenkt lesen.“ Bei einem „Praxisleitfaden“ sollte von Beginn an glasklar sein, wer ihn denn für seine Praxis brauchen könnte. Der Musiktherapeut, der Seniorenheimbewohner? Dessen Angehörige? Die Heimleitung? Das Pflegepersonal? Na ja, im Prinzip wendet sich das Buch – ohne es zu sagen – je nach Kapitel an alle. Aber die professionelle Lesergruppe der Musiktherapeuten hat einen komplett anderen Wissenshintergrund als gutwillige Angehörige, die meinen, dass Muttern doch zuhause immer gerne Elvis aufgelegt habe. Das Buch versucht niemanden direkt anzusprechen und ist so auch für niemanden eine „praktische“ Hilfe. Die von unterschiedlichen Autoren (-paarungen) verfassten acht Kapitel differieren in Sprache und vorausgesetztem Wissen weit möglichst. Im Kapitel 4 (Wissenschaftliche Perspektiven zu Musiktherapie mit älteren Menschen) stolpert man alle paar Zeilen über in Klammern gesetzte Literaturhinweise. In Kapitel 5 (Der Musiktherapeut) werden psychologische Basics wie Gesprächstechniken angesprochen. Mit diesen aber hat sich jeder Musiktherapeut – um den es ja laut Kapitelüberschrift hier geht – bereits in seiner Ausbildung intensiv beschäftigt. In Kapitel 6 (Musiktherapeutischer Interventionskatalog) endet jedes Unterkapitel sinnig mit „weiterführender Literatur“ und einem Alltagsbeispiel. Das Lektoriat hat qua Arbeitsverzicht oder Überforderung nicht einmal eine formale Homogenisierung dieser Bausteine gewagt. Aber auch inhaltlich ist Kopfschüttteln angezeigt: In Kapitel 5 wird intensiv dazu geraten, die Patienten möglichst in ihrer je eigenen Musikwelt abzuholen. Sehr schön! Aber am Ende des Kapitels wird unter „Weiterführende Literatur“ auf eine Liedsammlung der Evangelischen Heimstiftung aus dem Jahr 2002 verwiesen. Mein Gott! Die Menschen, die heute in Seniorenheime einziehen, sind mit Bill Haley, den Beatles und den Stones groß geworden. Die mit dem Kufsteinlied und den Caprifischern: das waren ihre Eltern! In Kapitel 8 (Zusammenfassung und Ausblick) wird zwar darauf hingewiesen, dass mit dem Einrücken der 68-er Generation der Musikgeschmack wohl ändern könnte. Aber hallo! Rudi Dutschke, einer der Väter der 68-er Bewegung war Jahrgang 1940. Teile der 68er sind längst in den Heimen angekommen, aber keiner der Autoren dieses Buches scheint dies mitbekommen zu haben.  Also ein Reader mit sehr heterogenen Beiträgen, die mühsam von Vorwort und Zusammenfassung gerahmt werden. Sicher, auf die eine oder andere Weise wird die Musiknutzung im alterstherapeutischen Umfeld positiv erläutert. Ob ihm dieser bescheidene Erkenntnisertrag nun 26,90 € wert ist, mag der geneigte Leser selbst entscheiden.

Pflegekontinent Deutschland

Pflegekontinent Deutschland

Spricht man das Wort „Pflege“ aus, muss man sich schon zusammennehmen, um mich gleich „-notstand“ dahinter zu setzen. Kein Monat, in dem nicht in den Nachrichten oder an anderer Stelle über fehlende Pflegekräfte, neu ausgebildete Pfleger, Pflege-Schlüssel, neue Gehälter für Pflegekräfte, Akademisierung der Pflege und dergleichen mehr berichtet und schwadroniert wird. Oft unterlegt mit Zahlen und Statistiken, die die Dramatik der Situation deutlich machen sollen. Wer jedoch nicht durch Angehörige oder den eigenen Pflegestatus dazu gezwungen ist, sich mit dem Thema zu beschäftigen, wird – auch aufgrund der abstrakten Beschreibungen oder Statistiken – eher zur Verdrängung neigen. So bleibt die Pflege ein merkwürdiges Objekt, das von außen betrachtet wird, aber trotz aller Panikzahlen die Mehrheit im Lande eher ungerührt lässt.

Gerda Blechner und ihrem Buch “Von wegen Überforderung“ ist es zu danken, dass man nun auch einen aussagekräftigen Blick in die Pflegebinnenwelt tätigen kann. Die studierte Ethnologin und Psychologen (Jahrgang 1937) berichtet über eine Vielzahl glaubhaft authentischer Geschichten und Ereignisse vom deutschen Pflegekontinent. Systematisch gibt sie Tipps für die möglichen Kommunikationssituationen mit Pflegeheimbewohnern Pflegern, Pflegeleitung und den verschiedenen Sorten privater, freundschaftlicher und auch ehrenamtlicher Besucher, mit denen man als Pflegeperson in Kontakt kommen kann. Und sie macht nicht den Fehler, nur die vermeintliche Blödheiten der andern anzuklagen: mit einem Selbsttest gibt sie dem Leser die Chance, eigene Schwächen und Eigenheiten bewusster kennen zu lernen und sein Kommunikationsverhalten (für die Begegnungen im Kontext Pflege) darauf abzustimmen. Sehr hilfreich sind auch ihre Auflistung von Kontraindikationen und Unverträglichkeiten verschiedener häufig vergebener „Altersmedikamente“. Diese haben ihren Nutzen natürlich auch jenseits der Pflege. Voller Inbrunst bringt sie hier den Kantschen Imperativ: „Wage es selbst zu denken!“ gegen die überbordende Medikamentierung durch Mediziner und Pharmaindustrie in Stellung. In ihrem burschikosen, gut lesbaren Schreibstil schießt die Autorin manchmal übers Ziel hinaus: so sind zum Beispiel mit Sicherheit nicht alle Pfleger aus Osteuropa von kommunistischer Kleinkariertheit geprägt. Ich selbst habe andere kennen gelernt. Auch manche Wortwahl wirkt ein Tick zu emotional, das hilft der Diskussion aber bestimmt weiter als mehr Statistiken. Ein aufmerksameres Lektorat hätte für einen eingängigen, sofort verständlichen Titel gesorgt, die hilfreichen Medikamententipps in eine bessere Layoutstruktur eingebunden und das Literaturverzeichnis durch Leerzeilen oder Einrückungen ebenfalls besser lesbar gemacht. Trotz dieser Oberflächenschäden eignet sich das Buch hervorragend als psychologisches Vademecum für all jene, die auf dem Deutschen Pflegekontinent zurecht kommen müssen.

Manuela Kinzel Verlag, ISBN 978-3-95544-093-0. 14 €.

Altern im Kloster – vielleicht vorbildlich

Altern im Kloster – vielleicht vorbildlich

Klöster bilden in gewisser Weise eine Avantgarde unserer Gesellschaft. Unsere – gemessen an den Herkömmlichkeiten – ungesunde demographische Entwicklung nehmen die Klöster dramatisch vorweg: fast kein Nachwuchs und immer weniger Bewohner führen zur Schliessung vieler Klosteranlagen. Dem kann man sich in stiller Demut beugen oder/und das Geschehen zum eigenen Forschungsobjekt erheben. So geschehen an der Philosophisch-Theologischen Hochschule Vallendar (PTHV). Die  Ordensgemeinschaft der Pallotiner lebt vor allem in Deutschland und Österreich. Die in Vallendar beheimatete Hochschule hat interessanter Weise zwei Fakultäten, eine theologische und eine pflegewissenschaftliche. In einem gemeinsamen Projekt wird momentan der Frage des guten Alterns in den 14 pallottinische Kommunitäten (Gemeinschaften) nachgegangen. Auch wenn erst Zwischenergebnisse vorliegen, dürften sie über den kleinen Kreis der Pallotiner hinaus Interesse finden. Denn Begrifflichkeiten wie „eingeschränkte Beweglichkeit“  oder „eingeschränktes Hörvermögen“ zeigen ja keine spezifisch katholische Problematik. Und die von den Bewohnern angemerkten positiven Aspekte ihres Zusammenlebens in klösterlicher Gemeinschaft sind durchaus auf unsere Gesamtgesellschaft übertragbar: man freut sich darüber,  im Alter nicht alleine sein zu müssen. Darüber hinaus werden die Sorge füreinander sowie die materielle Absicherung durch den Orden als sehr positiv bezeichnet. Die auseinander driftende Schere von immer höheren Mieten in den Ballungsgebieten und (trotz aller politischen Nebelkerzen) sinkendem Renteneinkommen legen gemeinsames Wohnen im Alter nachhaltig nahe. Im Juni sollen weitere Forschungsergebnisse veröffnelticht werden. Aber schon jetzt wird deutlich: Klostergemeinschaften haben Vorbildcharakter für die Frage nach dem richtigen Arrangement für ein zufriedenes Leben im hohen Alter.

Japan – so fern, so nah, so fern

Japan – so fern, so nah, so fern

In Europa spielt Deutschland in der Liga der ältesten Durschnittsbevölkerungen ganz vorne mit. Aber ganz weit weg gibt es ein Land mit durchschnittlich noch älteren Bürgern: Japan! Und Japan geht offensichtlich ganz andere Wege als wir bei der Bewältigung der demografischen Herausforderung. Traditionell ist Japan kein Einwanderungsland. Vielleicht ist es die Insellage, die das Gefühl des „Auf-sich-gestellt-Seins“ in das kulturelle Unterbewußtsein der Japaner eingeprägt hat. Jedenfalls gibt es dort kein Äquivalent zu den Polinnen, Kroatinnen oder Baltinnen, die bei uns in Seniorenwohnheimen oder im privaten Umfeld die Arbeiten verrichten, die Zuwendung geben, die nötig sind. Ohne sie hätte Deutschland ein gewaltiges Problem.

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In Japan wird mit Neugier und Fatalismus an Pflegerobotern geforscht. Viele von ihnen sind bereits im Einsatz. Ein denkbares Vorbild für uns, falls der Zustrom Pflegewilliger aus den Nachbarländern nicht anhalten sollte? Ob in persönlichen Gesprächen oder bei der Lektüre von Pflegeheimprospekten: wir sind (noch) sehr weit davon entfernt, Roboter als ernsthafte Lösungsoption für die Ressourcenkrise im Pflegebereich in Betracht zu ziehen. Ich vermute, dass dies auch mit einer unterschiedlichen Ausbildung des Schamgefühls bei Japanern und Mitteleuropäern zu tun hat. Der Gedanke, einen notwendigen Windelwechsel von einem Roboter erledigen zu lassen, erscheint uns so fremd wie den Japanern die Idee, diese heikle Aufgabe einem Menschen zu überlassen, der nicht einmal die eigene Sprache beherrscht. Der Roboter, die Maschine, ist dem einen ein Graus, dem anderen ein Segen. Erstaunlich, was für unterschiedliche Antworten verschiedene Kulturen auch noch in der Moderne auf existentielle Anforderungen des Menschen entwickeln!

Nackte Zahlen

Das Statistische Bundesamt stellt in der vergangenen Woche die neueste Pflegestatistik vor.  Aus den vielen Zahlen scheinen einige besonders interessant: Die Zahl der Menschen, die in Pflegeheimen wohnen (764.000), ist langsamer gewachsen als die der ambulant Gepflegten (1.860.000). Und unter diesen ist wiederum der Anteil jener, die durch Familienangehörige versorgt werden, erneut überproportional gestiegen. Das heisst, dass die von vielen Alarmisten ausgerufene Verkühlung des sozialen Miteinanders zumindest an dieser Stelle nichts als eine Legende ist.
Interessant finde ichauch, dass bei den Pflegediensten 62% Teilzeitkräfte arbeiten. Was auch immer man ggen die noch nicht vollständige gesellschaftliche Anerkennung dieser Berufsgruppe sagen kann, zumindest erlaubt sie offensichtlich vielen  eine familienfreundliche Arbeitsgestaltung. Schade, dass der Männeranteil nur 15% beträgt. Und dies angesichts der vielfach körperlich herausfordernden Arbeitsateile.

Imagepolitur für die Altenpflege

In der Wochenend-Ausgabe der Süddeutschen Zeitung (23./24. August) macht sich Professor Görres für eine Aufwertung der Ausbildung in der Altenpflege stark. Ein zentrales Thema, wenn man bedenkt, dass zwischen 300.000 und 500.000 zusätzliche Altenpfeger/innen in den kommenden 20 Jahren gebraucht werden. Die Schätzungen gehen noch ziemlich weit auseinander. Die japanische Lösung, vor allem auf Robotik-Unterstützung in der Pflege zu bauen, ist bei uns wohl kulturell kaum durchsetzbar. Also brauchen wir mehr menschliche Helfer, also muss der Beruf finanziell und qua Status attraktiver werden. Eine mögliche Karriereentwicklung gehört dazu. Aber lesen Sie selbst: auf diesen Seiten des Instituts ist das Interview veröffentlich. So erfreulich es ist, dass sich nun bereits mehrere Universitäten um die Akademisierung der Pflege kümmern und damit die Aufwertung des Berufsstandes betreiben, so bedauerlich ist die denglische Angeber-Fassade, die dafür aus der Taufe gehoben wurde: „Institut für Public Health und Pflegeforschung (IPP)“. Nun ja…

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