Tja, die Alten sind einfach nicht mehr brav

Tja, die Alten sind einfach nicht mehr brav

Die Zeiten, da im gediegenen Alter Anzüglichkeiten und politisch unkorrekte Späßchen gar nicht gingen, sind glücklicher Weise vorbei. Dass es mit der Jugend abwärts geht, ist ja nun  ein 3000 Jahre alter Topos. Und seit 3000 Jahren ist er falsch. Aber dass es mit den Alten immer langweiliger wurde, stimmte leider doch. Dies scheint sich aber nun auch langsam zu ändern. In summe: die Jungen sind nicht mehr ganz so aufmüpfig, die Alten nicht mehr ganz so bieder. Das erhöht die Chance, dass der Gesprächsfaden zwischen den Generationen nicht abreißt. Und davon haben ja eigentlich alle etwas.

opaimlab

Copyright: Matthias Henrici,Web Arts AG 2010

Sozialisation, Realität und Wahrnehmung

Den Begriff „Sozialisierung“ verbinden wir in erster Linie mit Kindheit und Jugend: Sozialinstanzen wie die Schule sollen die jungen Mitbürger gesellschaftsfähig machen. In den verschiedensten Richtungen. Sozialisierung hört aber nicht mit dem Schulabschluss auf. Ältere Menschen verhalten sich  – in einem individuell unterschiedlichem Ausmaß – so, wie die Gesellschaft es von ihren älteren Mitmenschen eben erwartet. Exzentrik beispielsweise ist hier weniger gern gesehen als Bedachtsamkeit. Nun kommt die Frage nach Ei und Huhn: wird sich in den nächsten Jahren zunächst die Wahrnehmung alter Menschen, die Prägestöcke wie sie sich zu benehmen haben, ändern oder das Verhalten älterer Menschen selbst? Schaut man auf die jüngste Studie der Robert-Bosch-Stiftung, so sieht man, dass Journalisten mehr als die Restbevölkerung einen Wandel des Altersbildes für notwendig erachten. Dass deutet darauf hin, dass zunächst der gesellschaftliche Prägestock nachjustiert wird, dann erst die älteren Individuen sich anders als tradiert verhalten werden. Ich glaube hingegen, dass der Wandel längst begonnen hat. Nur viele sind zu engsichtig, um ihn wahr zu nehmen. Das Alter gewinnt fulminant an Selbstbewusstsein!

Ein Kessel Buntes

Ein Kessel Buntes

Glücksfall Altern

Glücksfall Alter – so nennen Peter Gross und Karin Fagetti ihr 2008 im Herder Verlag erschienenes Buch. In 15 Kapiteln versammeln sie teilweise provokante, in jedem Falle diskussionswürdige Ideen rund ums „neue Altern“.

Man muss nicht ihrer Meinung sein, dass Alzheimer eine positive Möglichkeit des Sich-Verabschiedens aus dieser Welt ist, man braucht auch nicht mit ihren Geschmackshinweisen zu altersgemäßem Kleidungs- und Auftrittstil konform zu gehen (ich tue es jedenfalls nicht), trotzdem wird man das Buch bereichert aus der Hand legen. Denn es macht Mut. Mut, das Alter – gerade unter den herrschenden demografischen Entwicklungen – als zu entdeckendes Neuland zu betrachten, nicht als eingegrauten Hinterhof des Lebens. So war und ist es leider häufig auch heute noch die Regel.

Auch das Thema Alters-WG erfährt eine neue, lohnende Betrachtungsweise. Manches, wie die Gedanken zu Liebe und Erotik oder der Verriß von Reiners wunderbarem Altenfilm „Das Beste kommt zum Schluß“, fällt mir zu moralinsauer aus, aber es ist immerhin nie langweilig. Überflüssig erscheinen mir die kurzen Kapitetelzusammenfassungen, die einem auf den Gedanken bringen, die Autoren würden ihren Lesern nicht all zu viel zutrauen. Aber vielleicht hat hier auch die lektorierende Hand des Verlages zugeschlagen. Den Verlag hatte ich per Mail um ein Rezensionsexemplar gebeten. Elektronische Antwort – „wir kümmern uns sofort“ – kam sogleich; eine menschliche Antwort aber erst nach dem zweiten Nachfragen und dem Vorschlag den Emailresponder doch besser abzuschaffen, da eh nichts passiert. Die Antwort: „Rezensionsexemplare für Weblogs gibt´s bei uns nicht“. Vielleicht sollte der Herder Verlag doch noch etwas an seinem Verständnis der digitalen Moderne arbeiten…