Elke Heidenreich: Altern

Elke Heidenreich: Altern

…oder aus ihrem Zitatenschatz: „Die Kunst besteht darin, jung zu sterben, das aber so spät wie möglich.“ (Reinhard Wandtner).

Vielleicht ist auch dies Zitat, das in leicht verwandelter Form seit jeher das Leitmotiv dieses Blogs bildet, der Grund für die folgende, etwas überschwängliche Rezension…
Schon auf dem Titelbild zeigt sich: es geht hier um die Fülle des Lebens. Das Alter ist für die Autorin kein grauer Wartesaal, in dem man ergeben verweilt, bis Charon einen mit seinem Boot ins Reich der Toten übersetzt.

Titelbild mit Blumen

Zwischen Schlangen und Blumen: das Altern

Das Alter ist auch nicht nur eine Zeit der Erinnerungsübungen an das süße Früher. Nein, Elke Heidenreich schreibt eine Art Bilanz, ungeschönt, getrieben vom Drang, sich nochmal darüber klar zu werden, was es war, das eigene Leben. Und was es für die nächste Zeit sein könnte. Klar, dass Sie als erfolgreiche Autorin und Kritikerin ihr Leben nicht ohne Unterstützung der Literatur befragt.

Hilfe, starke Hilfe findet sie bei den Autoren/innen, die sich heutzutage, in zurückliegenden Jahrzehnten oder vor 2000 Jahren mit Altern und Tod beschäftigt haben. Natalia Ginzburg, Truman Capote, Marguerite Duras, Cicero, Goethe usw. So kommen wir in den Genuss, quasi nebenbei zu erfahren, was große Denker und Schreiberinnen über Alter und Tod dachten (Die Reihe der Zitierten ist erheblich länger als oben angedeutet). Neben Heidenreichs eigenen Gedanken lesen wir auch Dialoge zwischen ihr und den vielen klugen Bewohnern ihrer Bücherwände. Mal mit Zustimmung, mal mit Widerrede, mal mit „kann man so sehen.“

Schon nach wenigen Seiten kann man festhalten:

  1. Sie betrachtet das Alter nicht als zu versteckende Lebensetappe, sondern als einen Abschnitt mit Vor- und Nachteilen unter den anderen, die unser Leben zu einem Ganzen fügen. Allerdings überwiegen für sie im Alter die Vorteile.
  2. Sie hält vom momentanen Selbstoptimierungswahn genauso wenig wie von den Ich-kann-mit-meinem-Alter-nicht-umgehen-Leuten. Diese sind hier ihr Lieblingsfeindbild.

Ob Botox-Adepten oder Ernährungsasketen: alle bekommen in diesem Buch auf höchst amüsante Weise den Marsch geblasen. Das geht dann bei ihr so: „Ich finde die alten, ja: die vom Leben verwüsteten Gesichter von Jeanne Moreau oder Louise Bourgeois wunderschön, sie erzählen von prall gefülltem Leben sehr viel mehr als die Gesichter von Frauen mit prall gefüllten Botoxwangen.“

So wunderbar treffende (auch bösartige) Formulierungen finden sich alle paar Seiten, so über den gealterten Popstar Madonna Louise Ciccone: „Madonna zum Beispiel sieht jetzt aus wie irgendwas an Halloween!“ Auch Kim Kardashian und die Geissens, aus dem Privat-TV, bekommen ihr Fett weg.

Natürlich gibt es dann auch Belege gegen den herrschenden Selbstoptimierungswahn. So zitiert die Autorin Keith Richards (Rolling Stones) mit den Worten: „Ein Mittag- oder Abendessen ohne ein Glas Wein ist lächerlich.“ Und nickt zufrieden dazu: „Sag ich doch.“

Ihre Dynamik ist wohl dafür verantwortlich, dass das Leben ihr jüngere Partner und jüngere Freundinnen an die Seite stellt. 80 Jahre ist sie laut Pass. Aber wie HIER beschrieben, kann das subjektive Alter abweichen. Elke Heidenreich erscheint entschieden jünger. Ihrer eigenen Wahrnehmung nach sogar glatte 20 Jahre. Als Zuschauer ihrer SPIEGEL-Buchrezensionen oder als Leser hat man den Eindruck: sie hat vielleicht recht.

Vorteile hin, Vorteile her, Heidenreich betreibt keine Heroisierung des Alters. Sie verhandelt Liebeskummer, Altersdiskriminierung und teilweise Verzweiflung an der Digitalisierung von fast allem; hier der Unmöglichkeit eine Museumskarte ohne Handy zu ergattern. Womit sie jedoch gar nichts anzufangen weiß, ist den letzte Lebensabschnitt auf der Parkbank oder dem Ruhekissen zu verbringen. Jenen, die nach Einstieg in Rente und Pension vom Nichtstun träumen, hält sie entgegen: „Nichtstun macht nur Sinn als Gegensatz von Tun. Wenn ich nichts mehr tue, wozu bin ich dann noch da?“ Hier kann man einwerfen, dass nicht alle mit einem so befriedigenden Job wie den einer erfolgreichen Schriftstellerin gesegnet sind. Aber man könnte sich ja auch jetzt – nach dem Ende der Lohnarbeitszeit – einer neuen, einen mehr begeisternden Aufgabe widmen. Ich glaube, zu diesem Gedanken würde die Autorin durchaus gnädig nicken.

In Summe zeigt sich Elke Heidenreich in diesem Buch als großartige Mutmacherin. Sie ist 80 Jahre. Sie weiß, wovon sie spricht, aber sie schreibt im Geiste Martin Luthers (den sie nicht zitiert), der gesagt haben soll: „Wenn ich wüsste, dass morgen die Welt unterginge, würde ich heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen“.

Gerade in unserer nölig-miesepetrigen Zeit kann man ihre folgenden Zeilen als Aufruf lesen, sich mal ein bisschen zusammenzureißen: „In einem Land zu leben, das fast während meines gesamten Lebens vom Krieg verschont war, auch das ist Glück. Ein großes, das größte Glück.“

Sollte Elke Heidenreich an den Punkt gelangen, über ihre eigene Grabsteinaufschrift nachzudenken, könnte sie sich bei Henry Beyle, alias Stendhal, bedienen: visse, scrisse, amasse; also: ich lebte, ich liebte, ich schrieb. Es würde zu ihr passen.

Ich verspreche Ihnen: die Lektüre dieses Buches wird Sie bereichern. Sie werden sich weitere Werke leihen oder kaufen, die sich auf den Bücherregalen von Elke Heidenreich finden. Ich bin mir dessen sicher!

Elke Heidenreich: Altern
Hanser Berlin, 2024
20,00 €

 

Alter, Arbeitsmarkt und Selbstständigkeit – Das Gründungszentrums 50+ entwickelt sich

Alter, Arbeitsmarkt und Selbstständigkeit – Das Gründungszentrums 50+ entwickelt sich

Im Jahr 2022 war hier von den Anfängen des Gründungszentrums 50+ zu lesen. Zwei Jahre sind ein guter Zeitraum, um einen neuen Blick darauf zu werfen. Dafür habe ich mit der „Erfinderin“ der Hilfeplattform für Ältere mit Selbstständigkeitsambitionen, Yani Neugebauer, gesprochen.

Das Gründungszentrum startete mit 20 enthusiastischen Neu-Selbstständigen. Mittlerweile haben sich mehr als 300 Personen dem Netzwerk angeschlossen. Was ist ihre Motivation? In großer Mehrheit sind es Expertinnen und Experten, die ihr offizielles Arbeitsleben abgeschlossen haben oder selbiges frühzeitig beendet haben. Menschen, die viel Erfahrung, Wissen und Energie haben, aber diese Ressourcen nicht weiter als Angestellte einsetzen möchten. „Endlich mal mein Ding machen“ könnte die stillschweigende Parole der meisten lauten. Im GZ 50+ finden Sie das, was sie in dieser Situation brauchen: Anleitung zum Selbstmarketing, Hinweise zur die Marktnachfrage nach ihrer spezifische Qualifikationen und schließlich – sehr wichtig – : ein Netzwerk von Menschen, die sich in einer ähnlichen Aufbruchssituation befinden.

Trotz vieler offener Stellen tun sich die Personalverantwortlichen oft schwer, Bewerbung von Menschen über 55 ernsthaft in Erwägung zu ziehen. „Zu teuer“, „zu unbeweglich“ heißt es dann oft. Sie werden ihre Einstellung ändern müssen, da die demographische Entwicklung der nächsten Jahre (mit dem fortschreitenden Renteneintritt der Baby-Boomer) den Personalmangel am Arbeitsmarkt dramatisch steigern wird. Von dieser Mangelsituation sind vor allem kleine und mittlere Unternehmen mit weniger als 250 Mitarbeitern betroffen. Sie besitzen weniger Ressourcen, um werblich auf dem Arbeitsmarkt von sich hören zu lassen, und haben ihren Sitz oft außerhalb der großstädtischen Speckgürtel. Bei dünner Personaldecke hat der durch Krankheit oder andere Ursachen bedingte Ausfall von einzelnen Experten oft verheerende Folgen. Die Unternehmen suchen verzweifelt nach Interimsverantwortlichen.  Nach Experten, um ein Projekt zu realisieren oder um den Know-How-Transfer für die nachrückende Generation sicherzustellen.

Tielseite des Gründungszentrums 50+

G 50+ – bunter als man denkt

Ein Blick auf die Statistik als Hintergrund: Die Zahl der Beschäftigten in Deutschland über 55 Jahre ist von 2013 bis 2020 von 4,8 auf 7,3 Millionen gestiegen. Die demographische Dynamik wird diese Zahl bis 2030 über die 10- Millionen-Schwelle heben. Dagegen wird das Segment der jüngeren Arbeitsfähigen zwischen 20 und 54 Jahren kontinuierlich abnehmen – wenn nicht unwahrscheinliche Dinge geschehen, die sich der heutigen Vorhersehbarkeit entziehen. Das scheint in vielen Personalabteilungen noch nicht genügend verstanden worden zu sein. Aber das Gründerzentrum 50+ kann auch ihnen schon heute helfen: Wenn Unternehmen Stress haben (s.o.), reicht ein Griff zum Telefon. Innerhalb kurzer Zeit werden ihnen bei G50+ die passenden Personenen aus dem Expertenpool vorgestellt. Das kann bei kleinen Unternehmen, die ja händeringend suchen, schon mal Glücksgefühle auslösen.

Die genannte Entwicklung spielt dem Gründungszentrum 50+ sicherlich in die Hände. Darüber hinaus wird die Altersentwicklung Deutschlands dafür sorgen, dass die gesellschaftliche Bedeutung der Institution zunimmt. Für viele Ältere, die es „gerne noch mal wissen wollen“, stellt das Gründungszentrum bereits heute eine große Neustart-Chance da. Das gleiche gilt für viele kleine Unternehmen, die sich mit dem Füllen von Know-How-Lücken immer schwerer tun.

Eigentlich fühlen Sie sich fit und haben noch keine Lust auf den Töpferkurs in der Toskana? Dann werfen Sie doch einen Blick auf die Seiten des Gründungszentrums 50+.

 

Lob des Nickerchens

Lob des Nickerchens

Dass die Natur für uns eine lange und eine kurze Schlafphase vorgesehen hat, ist bekannt. Ebenso wie die Tatsache, dass das moderne Arbeitsleben weitflächig keinerlei Verständnis dafür zeigt.

Nun unterstützt ein neues Forschungsergebnis die Vermutung, dass das Schläfchen zwischendurch unser Gehirn grösser und damit funktionsfähiger hält. Wer also Begabung zu und Chance auf einen Power-Nap hat, wird sich nicht nur kurzfristig erfrischter fühlen – mit nachweislich besseren Leistungen nach der Pause -, sondern damit auch auf sein Gesundheitskonto einzahlen.

 

Katze auf Kissen

Meister des Nickerchens: die Katze

Dies ist das Ergebnis der Zusammenarbeit zwischen ExpertInnen aus den USA, Uruguay und Großbritannien. Die Daten von 378.932 Personen zwischen 40 und 69 Jahren wurden dafür analysiert. In dieser Untersuchung wurden die Gehirngrößen von Menschen, die einen genetisch bedingten Hang zu regelmäßigen Nickerchen haben, mit jenen verglichen, bei denen diese Voraussetzung nicht gegeben ist. Dabei stellten sie fest, dass die Gehirne derer, die oft einen Mittagsschlaf halten, größer waren – und das auf einem Niveau, das mit 2,6 bis 6,5 Jahre jüngeren Personen vergleichbar war.

Ob hier ein eindimensionaler Kausalzusammenhang besteht, muss allerdings noch weiter erforscht werden. So etwa lässt sich das Statement der federführenden Wissenschaftlerin Valentina Paz interpretieren.

Jedenfalls gilt Folgendes als erwiesen:  je länger das Gehirn nicht schrumpft, desto grösser sind die Chancen, auch weiter klare Gedanken fassen zu können und der Demenz einen Riegel vorzuschieben. Im Durchschnitt waren die Hirne der nickerchen-aktiven Personen 15,8 Kubikzentimeter größer als die der Vergleichsgruppe. Weitere Studien zu gesundheitlichen Effekten von Nickerchen sind nötig, um zu präziseren Aussagen zu kommen. Doch schon jetzt wird deutlich, dass die kurze zweite Schlafphase eine wichtige Rolle bei der Hirngesundheit im Alter spielt.

Etwas ausführlicher lässt sich das Ergebnis der Studie auf Deutsch hier nachlesen.

Schluss mit lustig; ich mach´s jetzt selber!

Schluss mit lustig; ich mach´s jetzt selber!

Nach 25, 30 Berufsjahren packt so manchen die Frage: „Das soll´s jetzt gewesen sein?“ Denn nicht alle Berufe füllen einen aus. Nicht alle Unternehmenskulturen sind so gestrickt, dass man morgens gerne den Weg in die Firma, die Fabrik, das Büro antritt. Frührente? Nicht nur angesichts der augenblicklichen Inflation für die meisten eine No-Go-Area. Also nochmals 10,15 Jahre innere Emigration oder Stellenwechsel? Man kennt die Branche und weiß oft gut genug, dass bei der direkten Konkurrenz der Rasen auch nicht grüner gedeiht. Der notwendige Mut zum großen Neustart in einer anderen Branche ist vielen nicht gegeben. Sollte es dennoch bis zur Bewerbung reichen, wird man mit 50+ oft darauf hingewiesen, dass man ja aus einer anderen Branche käme und (das folgt dann eher zwischen den Zeilen) man ausserdem in dem Alter ja nicht mehr lernfähig und flexibel genug wäre. Die netten Hochglanzflyer aus den Personalabteilungen sind das eine. In ihnen wird Wert und Würde der alternden Workforce über den grünen Klee gelobt. Geht ja auch angesichts unserer demographischen Entwicklung kaum anders. Aber wenn der Zugriff auf junge Bewerberinnen und Bewerber möglich ist, landen die Flyer schnell im Aktenschrank.

Letzte Ausfahrt Selbstständigkeit?

„Ja eigentlich habe ich ja genug Markterfahrung, um es auch allein zu versuchen.“ So oder ähnlich mag die Kopfgeburt des Selbstständigmachens beginnen. Aber dann wird deutlich: es gibt keine Assistenz, keine Kollegen, keine Justiziarin, keine Einkaufsabteilung, kein Marketing, kein Vertrieb etc. Also alles macht man selbst und ständig! Nach diesem Gedankengang sehen viele nur noch das STOP-Schild vor dem Abbiegen auf diesen alternativen Berufsweg. Na klar, es gibt Existenzgründungshilfe vom Job-Center. Das mag für den Start reichen, aber nach kurzer Zeit befinde ich mich völlig solo im resonanzfreien Raum meiner Selbstständigkeit. Das kann so nicht funktionieren.

Nun scheint es eine ernsthafte Alternative, nein: Unterstützung für das Abbiegen in die Selbstständigkeit zu geben. Das Gründungszentrum 50plus baut auf eine wachsende Community Gleichgesinnter, mit deren Unterstützung der Weg dann doch gangbar sein könnte. Eben weil er nicht allein im resonanzfreien Raum passieren muss.

Nach dem Beitritt, der in verschiedenen (finanziellen) Schritten möglich ist, erhält man Zugang zu Sparringspartnern, Geschäftsideen, kollegialem Austausch oder Kooperationspartnern mit einem ähnlichen Mindset. Ob das alles so toll ist, muss man natürlich ausprobieren. Aber von der Grundidee her gibt es in diesem Gründungszentrum genau all das, dessen Fehlen viele vom Selbstständigmachen abgehalten hat. Ich meine, wer diesen kleinen Risikoschritt nicht zu gehen wagt, der sollte das Schnuppern an der kalten Luft der Selbstständigkeit tatsächlich lieber beenden. Das die benutzte Software  „denglischt“ („Sign in“, „Text me the app“ oder „Request to join“) ist wohl ein ärgerlicher Startfehler, aber davon sollte man sich nicht zurückhalten lassen.

Seniorenassistenz – Beruf mit Zukunft?

Seniorenassistenz – Beruf mit Zukunft?

Zwischen dem vollständig selbstbestimmten Leben älterer Mitbürger und Mitbürgerinnen und der Zubilligung der Pflegestufe 1 klafft eine Lücke: körperlich die wesentlichen Dinge noch eigenständig geregelt zu bekommen, bedeutet nicht, alles täglich Notwendige allein handhaben zu können oder zu wollen. Einsamkeit ist ein Befund ohne Antwort im Krankenkassenportfolio. Aber es fehlen nicht nur Ansprechpartner und Zuhörer: Auch Arztbesuche, Briefe an das Finanzamt, Näharbeiten, TV-Sender nachregulieren, Kartoffeln einkaufen und, und, und fallen bei vielen Senioren in die Schublade „Wollen, aber nicht mehr alleine können“. Und wenn nun kein Familienangehöriger parat steht? Wenn auch in der weiteren Nachbarschaft niemand Zeit oder Lust hat, sich zu kümmern? Hier existiert eine – angesichts der Alterung unserer Gesellschaft – wachsende Bedarfslandschaft. Das Plöner Modell versucht diesen Bedarf mit dem neu entwickelten Ausbildungsberuf der Seniorenassistenz zu begegnen. An sechs Standorten in Deutschland wurden bislang über 6.000 Menschen zu Seniorenassistenten und -assistentinnen weitergebildet. Diese in Teil- oder Vollzeit arbeitenden Selbstständigen haben in ihrer Ausbildung das Gespür mitbekommen, was Seniorenassistenz alles bedeuten und umfassen kann.

Logo SeniorenAssistenz

Das Logo des Plöner Modells

Für viele von ihnen ist der Beruf eine Erfüllung, da Selbstbestimmung und Sinn zusammenkommen. Finanziell sind in diesem Bereich keine Riesensprünge zu machen, aber berufliche Erfüllung wird ja auch nicht von jedem auf den Faktor „viel Geld“ reduziert. Unsere föderale Verwaltungslandschaft erschwert allerdings in einigen Bundesländern (vor allem den Stadtstaaten) die finanzielle Unterstützung der Seniorenassistenten durch die Pflegekassen. Hier bleibt die Dienstleistung zwangsläufig den etwas Wohlhabenderen vorbehalten. Denn für fünf Euro pro Stunde, wie es die in Hamburg zuständige Servicestelle Nachbarschaftshilfe vorsieht, mag niemand arbeiten. Ist das sozial? Es geht bei der Seniorenassistenz nicht darum, das Ehrenamt in Frage zu stellen, sondern es nicht zu überfordern! Außerdem unterscheidet sich jemand, der bewusst eine zwölftägige Weiterbildung mitgemacht und aus eigener Tasche bezahlt hat, vom gutwilligen Nachbarn, der mal „ein Stündchen zum Plaudern rüberkommt“. Die Zubilligung von Pflegestufen oder die Behandlung von Altersdepression (stationär oder ambulant) kommt unsere Gesellschaft jedenfalls teurer als Zuschüsse zur präventiven Dienstleistung der Seniorenassistenten. Vielleicht erschließt sich diese Rechnung auch den Finanzabteilungen der Gesundheitssenate in unseren Stadtstaaten? Wer das Plöner Modell genauer kennenlernen möchte, mag sich hier eine Podiumsdiskussion mit der Gründerin Ute Büchmann ansehen, die die honorige Hamburger Körber-Stiftung möglich machte. Die Stiftung hat sich mit dieser Veranstaltung verdient gemacht, der Seniorenassistenz bei möglichen Nutzern und bei möglichen Selbstständigen mit erhöhtem Sinnbedarf für die eigene Arbeit  größeres Gehör verschafft zu haben.

Frührentenbegeisterung

Frührentenbegeisterung

In den letzten Wochen war auf vielen Kanälen zu sehen, hören und lesen, dass die Babyboomer weitflächig den frühen Ausstieg aus dem Arbeitsleben suchen. Verschiedene Modelle des Ausstiegs sind je nach Arbeitgeberinteresse und Eigenbereitschaft zu kompensatorischen Vorauszahlungen möglich. Aber das Detail spielt hier keine Rolle. Wie kann es sein, dass eine Generation, die es so gesund und sorgenfrei wohl noch nie in diesem Land gegeben hat, sich lemmingshaft um Frühverrentung bemüht? Fake news? In diesen Zeiten muss auch diese Frage erlaubt sein. Ich habe jedenfalls nirgends genauere Zahlen nachlesen können. Aber nehmen wir an, es stimmt. So fallen mir zwei Erklärungsmuster btw. Trigger ein: Weg vom Job und rein ins Rentenvergnügen. Bei Möglichkeit eins lässt sich fragen, ob die Fluchtwilligen den falschen Job gewählt haben, ob die Arbeitgeber es an Sensibilität im Umgang mit älteren MitarbeiterInnen fehlen lassen oder ob die aktuelle Debatte um KI und Roboter so verstörend wirkt, dass man sich so schnell es geht von Bord des Arbeitsschiffes Deutschland machen will?

Neonschild mit der Botschaft "Escape"

Image by Sarah Lötscher from Pixabay

Alternativ lockt die schöne, neue Rentenwelt. Und dies verlockender als all die vermeintlich gut passenden Jobs: die vorangegangenen Generationen sowie auch die folgenden blicken neidvoll auf die finanziellen Möglichkeiten der Babyboomer-Generation. Sicher gibt es Ausnahmen, aber im statistischen Mittel verfügt diese Generation über eine einzigartige Finanzausstattung. Sind es nun die Reisen, das Ferienhaus im Süden oder in Schweden? Die Lust am Coachpotato-Dasein wird jedenfalls kaum hörbar als Grund für die neue Rentenseligkeit genannt. Von der Bereitschaft, sich in der Gesellschaft zu engagieren ist auch immer wieder dieRede. Aber muss man dafür gleich verfrüht in Rente gehen? „Sich selbst so eigentümlich fremd“ lautet eine lyrische Zeile. Ich bin jedenfalls gespannt, was Demoskopen und Soziologen dereinst über die Motivation der Babyboomer, sich so früh wie möglich aus dem Arbeitsleben zu verabschieden, veröffentlichen werden. Vielleicht aber grätscht die Politik im Interesse der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung (bezahlbare Rente für die Jüngeren) noch in die bekundeten Pläne hinein?

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