Elke Heidenreich: Altern

Elke Heidenreich: Altern

…oder aus ihrem Zitatenschatz: „Die Kunst besteht darin, jung zu sterben, das aber so spät wie möglich.“ (Reinhard Wandtner).

Vielleicht ist auch dies Zitat, das in leicht verwandelter Form seit jeher das Leitmotiv dieses Blogs bildet, der Grund für die folgende, etwas überschwängliche Rezension…
Schon auf dem Titelbild zeigt sich: es geht hier um die Fülle des Lebens. Das Alter ist für die Autorin kein grauer Wartesaal, in dem man ergeben verweilt, bis Charon einen mit seinem Boot ins Reich der Toten übersetzt.

Titelbild mit Blumen

Zwischen Schlangen und Blumen: das Altern

Das Alter ist auch nicht nur eine Zeit der Erinnerungsübungen an das süße Früher. Nein, Elke Heidenreich schreibt eine Art Bilanz, ungeschönt, getrieben vom Drang, sich nochmal darüber klar zu werden, was es war, das eigene Leben. Und was es für die nächste Zeit sein könnte. Klar, dass Sie als erfolgreiche Autorin und Kritikerin ihr Leben nicht ohne Unterstützung der Literatur befragt.

Hilfe, starke Hilfe findet sie bei den Autoren/innen, die sich heutzutage, in zurückliegenden Jahrzehnten oder vor 2000 Jahren mit Altern und Tod beschäftigt haben. Natalia Ginzburg, Truman Capote, Marguerite Duras, Cicero, Goethe usw. So kommen wir in den Genuss, quasi nebenbei zu erfahren, was große Denker und Schreiberinnen über Alter und Tod dachten (Die Reihe der Zitierten ist erheblich länger als oben angedeutet). Neben Heidenreichs eigenen Gedanken lesen wir auch Dialoge zwischen ihr und den vielen klugen Bewohnern ihrer Bücherwände. Mal mit Zustimmung, mal mit Widerrede, mal mit „kann man so sehen.“

Schon nach wenigen Seiten kann man festhalten:

  1. Sie betrachtet das Alter nicht als zu versteckende Lebensetappe, sondern als einen Abschnitt mit Vor- und Nachteilen unter den anderen, die unser Leben zu einem Ganzen fügen. Allerdings überwiegen für sie im Alter die Vorteile.
  2. Sie hält vom momentanen Selbstoptimierungswahn genauso wenig wie von den Ich-kann-mit-meinem-Alter-nicht-umgehen-Leuten. Diese sind hier ihr Lieblingsfeindbild.

Ob Botox-Adepten oder Ernährungsasketen: alle bekommen in diesem Buch auf höchst amüsante Weise den Marsch geblasen. Das geht dann bei ihr so: „Ich finde die alten, ja: die vom Leben verwüsteten Gesichter von Jeanne Moreau oder Louise Bourgeois wunderschön, sie erzählen von prall gefülltem Leben sehr viel mehr als die Gesichter von Frauen mit prall gefüllten Botoxwangen.“

So wunderbar treffende (auch bösartige) Formulierungen finden sich alle paar Seiten, so über den gealterten Popstar Madonna Louise Ciccone: „Madonna zum Beispiel sieht jetzt aus wie irgendwas an Halloween!“ Auch Kim Kardashian und die Geissens, aus dem Privat-TV, bekommen ihr Fett weg.

Natürlich gibt es dann auch Belege gegen den herrschenden Selbstoptimierungswahn. So zitiert die Autorin Keith Richards (Rolling Stones) mit den Worten: „Ein Mittag- oder Abendessen ohne ein Glas Wein ist lächerlich.“ Und nickt zufrieden dazu: „Sag ich doch.“

Ihre Dynamik ist wohl dafür verantwortlich, dass das Leben ihr jüngere Partner und jüngere Freundinnen an die Seite stellt. 80 Jahre ist sie laut Pass. Aber wie HIER beschrieben, kann das subjektive Alter abweichen. Elke Heidenreich erscheint entschieden jünger. Ihrer eigenen Wahrnehmung nach sogar glatte 20 Jahre. Als Zuschauer ihrer SPIEGEL-Buchrezensionen oder als Leser hat man den Eindruck: sie hat vielleicht recht.

Vorteile hin, Vorteile her, Heidenreich betreibt keine Heroisierung des Alters. Sie verhandelt Liebeskummer, Altersdiskriminierung und teilweise Verzweiflung an der Digitalisierung von fast allem; hier der Unmöglichkeit eine Museumskarte ohne Handy zu ergattern. Womit sie jedoch gar nichts anzufangen weiß, ist den letzte Lebensabschnitt auf der Parkbank oder dem Ruhekissen zu verbringen. Jenen, die nach Einstieg in Rente und Pension vom Nichtstun träumen, hält sie entgegen: „Nichtstun macht nur Sinn als Gegensatz von Tun. Wenn ich nichts mehr tue, wozu bin ich dann noch da?“ Hier kann man einwerfen, dass nicht alle mit einem so befriedigenden Job wie den einer erfolgreichen Schriftstellerin gesegnet sind. Aber man könnte sich ja auch jetzt – nach dem Ende der Lohnarbeitszeit – einer neuen, einen mehr begeisternden Aufgabe widmen. Ich glaube, zu diesem Gedanken würde die Autorin durchaus gnädig nicken.

In Summe zeigt sich Elke Heidenreich in diesem Buch als großartige Mutmacherin. Sie ist 80 Jahre. Sie weiß, wovon sie spricht, aber sie schreibt im Geiste Martin Luthers (den sie nicht zitiert), der gesagt haben soll: „Wenn ich wüsste, dass morgen die Welt unterginge, würde ich heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen“.

Gerade in unserer nölig-miesepetrigen Zeit kann man ihre folgenden Zeilen als Aufruf lesen, sich mal ein bisschen zusammenzureißen: „In einem Land zu leben, das fast während meines gesamten Lebens vom Krieg verschont war, auch das ist Glück. Ein großes, das größte Glück.“

Sollte Elke Heidenreich an den Punkt gelangen, über ihre eigene Grabsteinaufschrift nachzudenken, könnte sie sich bei Henry Beyle, alias Stendhal, bedienen: visse, scrisse, amasse; also: ich lebte, ich liebte, ich schrieb. Es würde zu ihr passen.

Ich verspreche Ihnen: die Lektüre dieses Buches wird Sie bereichern. Sie werden sich weitere Werke leihen oder kaufen, die sich auf den Bücherregalen von Elke Heidenreich finden. Ich bin mir dessen sicher!

Elke Heidenreich: Altern
Hanser Berlin, 2024
20,00 €

 

Kurz mal nachgedacht

Manche Zitate sind kondensierte Lebensweisheit. Andere regen zum Nachdenken über sich selbst und die eigene Lebensführung an.

Was halten Sie von diesem:

„Alte haben gewöhnlich vergessen, dass sie jung gewesen sind,
oder sie vergessen, dass sie alt sind,
und Junge begreifen nie, dass sie alt werden können.“

Kurt Tucholsky

Hüftoperation, Teil 3

Hüftoperation, Teil 3

Essen

Bei fast allen unangenehmen Beschäftigungen wie Wandertag, Trauerfeier oder Arbeitsalltag schafft der Blick auf die nächste Mahlzeit Vorfreude und Entlastung. Das gilt fürs Krankenhaus in noch höherem Maß. Nur die Wenigsten genießen hier wirklich den Tagesablauf. Die Mittagsmahlzeiten, die man sich zuvor als noch nicht Operierter ausgesucht hat, entsprechen durchschnittlicher Kantinenkost, erzeugen also kurze Momente der Beglückung. Bei den kalten Randmahlzeiten am Morgen und Abend sieht es anders aus: Auf der Vorauswahlkarte hatte ich bei den Wurst- und Käsekästchen je eine 1 notiert. Ich ging dabei von Portion, nicht aber von Scheibe aus. Das Wenige, was ich nun hatte, sah wursttechnisch nicht unbedingt lecker aus. Die Käsescheibe – es war über die Tage hinweg immer die gleiche – erinnerte in ihrer Transparenz und mikrometergleichen Schichtung an feuchtes Pergamentpapier. Immerhin kam der Tee fast jeden zweiten Tag mit der bestellten Milch. Manchmal fehlten die gestanzten Vollkornbrotscheiben zum Brötchen. Manchmal aber auch nicht.
Morgens und abends wurde mir das Essen auf einem Tablett serviert, häufiger falsch als richtig herum. Ich buchte das unter dem Motto „fremde Länder, fremde Sitten“ ab. Ohne das Personal mit Migrationshintergrund hätte ich wohl nicht einmal halb so viel Aufmerksamkeit und Hilfe erfahren. Vielleicht trinkt man in einer jener Kulturen, aus denen die mich umsorgenden Pflegerinnen und Hilfskräfte stammen, den Tee vor Frühstück und Abendbrot? Auch hierzulande gab es ja eine Bewegung, die das Trinken zum Essen als magenunfreundlich skandalisierte. An meinem vorletzten Liegetag fasste ich mir dennoch ein Herz und versuchte einem der mich umsorgenden Geister zu erklären, dass es viel patientenfreundlicher wäre, den Teller vorne links vor sich zu haben, das Besteck rechts daneben und Kanne und Tasse dahinter. Leider konnte ich im Anschluss keinen Funken des Verstehens bei meinem Gegenüber erkennen. Ich erinnerte mich an eines der Grundgesetzte der Kommunikationswissenschaft: „Der Sender ist dafür verantwortlich, dass eine Nachricht ankommt.“ Also mein Fehler und mein Problem.

Erste Schritte

Am folgenden Tag schaffe ich das Aufstehen tatsächlich ganz alleine. Die erlernte Technik, das intakte Bein seinen Zwilling mit vom Bett schieben zu lassen, hilft. Aber vor allem hat der Genesungsprozess (oder wie auch immer man das nennen will) Fortschritte gemacht. Der Mensch isst, schläft, liest, dackelt vor sich hin, und der Körper übernimmt in aller Stille die großen Reparatur- und Anpassungsarbeiten. Danke, Körper!
Auch der umgekehrte Weg – vom Boden aufs Bett – ist nun machbar, da das gesunde Bein als Kran unter den Unterschenkel des frisch behandelten Beins greifen kann und die Last auf das Bett und dort auch noch Richtung Mitte zerren kann. Also ein Ausflug – vielleicht sogar aus dem Zimmer hinaus in die weite Welt der Krankenhausgänge.
Linke Krücke und rechtes Bein…rechte Krücke und..rech, nein. Nochmal von vorne: mein Blick fällt streng auf das Fußpaar. Also: rechtes Bein und linke Krücke, linkes Bein und rechte Krücke, rechtes Bei und…Ende Gelände. Das Bett steht im Weg. Vorbeikommen ist nur mit seitlichen Trippelschritten möglich. Eins, zwei, eins. Eine Krücke fällt mit Gepolter zu Boden. Mist. Mit einer Hand am Bett festhalten, die andere Krücke umdrehen und nach dem verlorenen Stock angeln. OK. Rechtes Bein und linke Krücke, linkes Bein und rechte Krücke. Rechtes Bein,..wie jetzt? So schwer ist es doch nicht. Aber die Pillen zeigen ihre Nebenwirkung. Das hübsche Schächtelchen mit den vier Abteilungen morgens, mittags, abends, nachts kommt jeden Morgen mit zwölf Pillen im Modus vier, drei, drei, zwei vor dem Frühstück auf das Behelfstischchen. Sie schlichten das Schmerzaufkommen, reduzieren die Entzündungen im Körper und schonen die Magenwand. Aber sie machen auch müde und senken die koordinativen Fähigkeiten. Jede Münze hat zwei Seiten. Auf die Schmerzen verzichtet man gerne. Das Denken wird sich ja hoffentlich wieder erholen. Linke Krücke, rechtes Bein, rechte Krücke, linkes Bein, rechtes Bein und linke Krücke: die Morgenrunde um die Krankenstation kann starten. Nein, halt! Ich hab die Maske vergessen. Zurück auf Anfang.

Mann blickt mit geöffneten Armen aufs Meer

   Ach Welt, was bist Du schön!                                                                                  Bild von Pexels auf Pixabay

Hoch hinaus

Lässig drücke ich mit dem Krückenende auf das Tastenfeld des Fahrstuhles. Die Dachterrasse ist ein Traum. Unten gleitet der Fluss in dezenter Entfernung langsam von links nach rechts hinten vorbei. Man krückt über schwarze Marmorplatten, die ein großes Feld von dunklem, asiatischem Holz (oder dessen überzeugendem Imitat) umranden. Hochbeete mit Steppen- oder Tundrapflanzen – wer kann das bei der herrschenden Trockenheit schon unterscheiden? – geben dem Blick einen Zwischenhalt. Die Terrasse wird von grosszügigen Glaselementen umspannt, bekränzt von einer dünnen Metallleiste. Inseln im Fluss mit müßigen Booten zwischen ihnen und Windräder am Horizont malen ein hübsches Bühnenbild aus friedfertigem Miteinander von Natur und Kultur. Buchen und Akazien fingern von unten gen Terrasse, ohne ihre Majestät gefährden zu können. Jedoch verdecken sie an einigen Stellen den geraden Süd-Blick auf den Fluss. Mensch mit Implantat, wo magst Du Dich regenerieren, wenn nicht hier?
Doch wo nehm´ ich Platz? Dreierlei Gestühl verrät den edlen Geschmack des Dachterrassenausstatters: Stühle mit Lochmuster, die metallen erscheinen und in drei dezenten Farbtönen das Setting beleben. Dreiviertelkugeln aus Weidengeflecht und schwere, weiße Parksessel streiten darum, wer den tieferen Einstieg bietet. Aber hier ist kein Fahrertreff von Sportwagenfanatikern. Als Frischoperierter kann man nur stehen und staunen: bis ich in diesen Augenschmeichlern wieder Platz nehmen kann, werden Tage, wenn nicht Wochen vergehen.
Schade eigentlich. Aber Bewegung ist ja ohnehin für Neuimplantatbesitzer gesünder als elegantes Rumsitzen.

Entlassungstag

Das Paralleluniversum Krankenhaus hat beschlossen, dass es Zeit für mich ist, die Station zu verlassen. Und das sehr schnell.
Um 07.05 Uhr werde ich geweckt. Ein Pfleger bringt mir meine Tagesration von zwölf Pillen. Im Frühstücksfach liegen wie gewohnt vier. „Kann ich die anderen in einer Schachtel mitnehmen?“
„Selbstverständlich. Nehmen Sie sich doch gleich die Schale mit, dann können Sie besser Ihre Portionen aufteilen.“
„Wie nett von Ihnen!“
Durch die offene Zimmertür kommt eine Pflegekraft:
„Guten Morgen! Ihr Frühstück ist da.“
Zum letzten Mal blicke ich durch die Käsescheibe hinaus in den schon gleissend hellen Morgen.
Ich habe noch nicht einmal meine erste Brotscheibe mit Butter versehen, da kommt der Assistenzarzt mit seinem Geschenkbeutel: Entlassungsbericht und Medikamente für die nächsten Tage sowie ein letzter Pflasterwechsel mit aufmunterndem Kommentar: „Na, das sieht ja richtig gut aus. Die Thromboseprophylaxe müssen Sie noch einen Monat lang nehmen. Ansonsten ist bei Ihnen alles klar. Sollten Sie wider Erwarten Probleme mit der Naht bekommen, melden Sie sich bitte bei uns. Andere können das natürlich auch, aber wir würden die notwendige Wundspülung schon lieber selber machen.“
Ich bin froh, dass hier Verantwortung offensichtlich nachhaltig interpretiert wird, „Gerne, mach ich.“
Ich frühstücke zu Ende und packe meine Sachen. Eine nette Schwesternhelferin bringt mir meinen Kram nach unten, während ich mich, Krücken zum Gruß erhoben, von den guten Geistern des Hauses verabschiede. Der Fahrstuhl surrt mit mir nach unten. Ein letzter langer Gang, rechtes Bein, linke Krücke, rechtes Bein, linke Krücke. Dann stöcker ich am Empfang vorbei durch die Drehtür nach draußen. „Welt, Du hast mich zurück!“

Bilanz 200

Zum Jahresende neigt man – genau wie gen Lebensende – zum Bilanzziehen. Meist ohne wirklich zukunftsstiftenden Ertrag. Dennoch: den 31. Dezember als Jahresbilanztag will ich nutzen, um einen großen Jubilar, Theodor Fontane, ein wenig zu befragen. Nein, so richtig altersrelevant ist dieser Beitrag nicht, aber für den einen oder die andere literaturinteressierte/n Leser/in vielleicht doch zumindest unterhaltsam…

Wie Theodor Fontane die Hamburger sah

2019 ist ein Fontane-Jahr! 200 wäre der dichtende Apotheker in diesem Dezember geworden. Fontane? Das ist doch der mit den Birnen von Ribbeck? Und Balladen hat er auch geschrieben. Ja, mancher stellt seine Effi Briest neben Flauberts Emma Bovary als Ikone der um Selbstbestimmung ringenden Frauen des 19. Jahrhunderts. Aber sonst? Die Breite und Tiefe seines Werkes ist der kollektiven Erinnerung verloren gegangen.

Vielleicht hilft der runde Geburtstag, diesen freundlichen Menschenbeobachter, diesen Kritiker rückwärtsgewandten Ständedenkens mit seiner ironisch fein geführter Feder, diesen Verfechter demokratischer Menschenrechte und Spötter des billigen Pompkapitalismus der Gründerjahre neu zu entdecken. Zwar liegt Theodor Fontanes Geburtsort näher an Berlin als an Hamburg. Aber dennoch kann man sich fragen, was der weltläufige Fontane von Hamburg und den Hanseaten gehalten haben mag?

Nach seinem Abschied von der Apothekerlaufbahn wendete Fontane sich dem Journalismus zu. So arbeitete er unter anderem jahrelang in England, wo er für mehrere Blätter sowohl Politisches als auch Kulturelles aus London und anderen Teilen der Insel berichtete. Wenigstens zwei seiner Reisen zur Themsestadt führten ihn über Hamburg. Mehr als eine kurze Angabe zur Reiseroute und ein paar Eindrücke einer maritimen Abschiedsszene ist ihm das Ganze aber nicht wert. Allerdings lässt er sich auch über die anderen deutschen Städte und Landschaften nur selten aus. Fontane interessierte sich vor allem für seine nähere und nächste Umgebung, also Brandenburg und Berlin, und für das damals noch fast exotisch Ferne. Seinen Ruf als Reiseschriftsteller verdankt er seinen Betrachtungen in England und Schottland („Jenseits des Tweed“) sowie dem Bericht über seine irrtümliche Festnahme als vermeintlich preußischer Spion. Mehrere Monate saß er auf der Insel Oléron nahe La Rochelle in Südwestfrankreich in Haft.

Nur beiläufig findet Hamburg in seinem heute wohl bekanntesten Roman „Effi Briest“ Erwähnung: Das Paar kehrte aus Dänemark über „Flensburg, Kiel über Hamburg (das ihnen ungemein gefiel) in die Heimat zurück“. Nur eine Landmarke mit einer kurzen Bemerkung. In seinen „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“ stolperte er einmal –  und wirklich nur einmal – über eine Hamburgensie,  ein Erzeugnis der alten Hamburger Glockengießerkunst: „Das bemerkenswerteste, was der Garziner Kirche geblieben, ist seine 1654 in Hamburg gegossene Glocke. Dieselbe ist einerseits durch ein tellergroßes, in die Glockenwandung eingeschmolzenes Medaillon, das »Urteil des Paris« darstellend, andererseits durch ihre plattdeutschen Inschriften interessant. Diese sind freilich nur zum Teil verständlich. Die untere, einreihige Inschrift lautet: »Gegaten tho Hamborch Anno Domini 1654 Junius.«“ Also ein dokumentarisches Detail, weiter nichts.  Bleibt nachzutragen, dass Garzin inmitten der Märkischen Schweiz östlich von Berlin gelegen ist.

Jahrzehnte nach seinen Englandreisen notiert er in einem Brief an seinen langjährigen Freund Georg Friedländer: „Hamburg, in seiner das aesthetische Gefühl befriedigenden  Erscheinung, ist vielleicht allen anderen modernen Handelsstätten überlegen, selbst London nicht ausgenommen.“ Auch hier  der nüchterne Tonfall distanzierter Dokumentation. Emotionaler gibt er sich in einem Schreiben an seine Frau Emilie: „Hamburg ist uns an Gewaschenheit und Sauberkeit immer noch voraus, aber dafür fehlt jedoch vieles, vieles andere.

Frau Jenny Treibel

Dieses offensichtlich fehlende Andere lässt er in einem seiner sogenannten „Berliner“ oder auch „Gesellschaftsroman“ genannten Werke eine bedeutende Rolle spielen. Allerdings ohne auszuformulieren, was denn nun Hamburg oder den Hamburgern fehlt.  Die Rede ist von „Frau Jenny Treibel oder wo sich Herz zum Herzen find´t“. Der Zweit- oder Untertitel macht schon deutlich, dass Fontane bewusst mit zumindest zwei Lesarten spielte: zunächst drängt sich eine Liebesschmonzette auf, die man in der Gartenlaube hätte lesen können. Einer Heftchenrevue des 19. Jahrhunderts, die heute im Kiosk zwischen Goldenem Blatt und Der Bergdoktor einsortiert wäre. Unter dieser geradezu billig-bieder wirkenden Oberfläche skizziert Fontane mit Ironie und lakonischer Menschenliebe das Gesellschaftspersonal der Berliner Gründerjahre: Kommerzienrat und Fabrikant Treibel ist ein honoriger Erfolgsmensch aus der Oberklasse. Er lässt die Schornsteine seiner Fabrik einfach immer weiter hochmauern, wenn deren Qualm in den Garten seiner nahgelegenen Villa pustet. Jenny Treibel, seine Gattin, stammt aus einfachen Verhältnissen. Sie hat aufwärts geheiratet. Fontane schenkt ihr den Mädchennamen „Bürstenbinder“ und bewegt sich mit dieser sprechenden Namensgebung auf Thomas-Mannschen Höhen. Majorin von Ziegenhals und Edwine von Bomst bleiben nicht hinter ihren Namen zurück. Treibels stehen – in unterschiedlicher Ausprägung – für die von Fontane belächelte Berliner Bourgeoisie. Dünkel ohne Herzensbildung; vorgebliche Jovialität bei knallharte Heiratspolitik; schönrednerisch verbrämter Klassenegoismus. Durch Jenny Treibels kommerzienrätliches Gehabe scheint hin und wieder blanke Dreistigkeit hindurch. Ihre Antagonisten sind Professor Willibald Schmidt (ein Freund Jenny Treibels aus Kindertagen) und seine selbstbewusste, modern erzogene Tochter Corinna. Beide gebildet, aufgeschlossen, dem Neuen zugewandt, aber finanziell nicht auf Treibelschem Niveau. Um diese Kerngruppe arrangieren sich nähere und entferntere Familienangehörige und Freunde, die durch ihre Auftritte in banalen Alltagssituationen den Lesern multiple Perspektiven auf das charakterliche Inventar der Hauptfiguren erlauben. Die Charakterkomödie ist komplett. Und die Hamburger? Sie entpuppen sich als Jennys Geheimwaffe. Die Professorentochter Corinna hat Aufstiegsambitionen in die gesellschaftliche Belle Etage. Eine Ehe mit Jennys etwas zurückgebliebenem Sohn Leopold wäre für sie die Überholspur nach Oben. Corinna angelt erfolgreich, und als die beiden gegen allen Anstand ihre Verlobung bekannt geben, ist Gefahr in Verzug. Jennys älterer Sohn Otto ist mit Helene Mundt aus Hamburg verheiratet. Diese Schwiegertochter Helene hat eine noch nicht verheiratete Schwester Hildegard. Jenny erläutert ihrem Gatten ihre Ränkestrategie:

Otto lebt seit acht Jahren in einer glücklichen Ehe mit Helenen, was auch nur natürlich ist; ich kann mich nicht entsinnen, daß irgendwer aus meiner Bekanntschaft mit einer Hamburgerin in einer unglücklichen Ehe gelebt hätte. Sie sind alle so zweifelsohne, haben innerlich und äußerlich so was ungewöhnlich Gewaschenes (…). Man hat sich ihrer nie zu schämen, und ihrem zwar bestrittenen, aber im stillen immer gehegten Herzenswunsche, ›für eine Engländerin gehalten zu werden‹, diesem Ideale kommen sie meistens sehr nah.“

Dass dies kein Zufall ist, sondern Methode hat, erkennt Jenny an ihrer Hamburger Enkelin:

Lizzi galt im ganzen Kreise der Bekannten als Musterkind, was das Herz Helenens einerseits mit Dank gegen Gott, andrerseits aber auch mit Dank gegen Hamburg erfüllte, denn zu den Gaben der Natur, die der Himmel hier so sichtlich verliehen, war auch noch eine Mustererziehung hinzugekommen, wie sie eben nur die Hamburger Tradition geben konnte.“

Jenny Treibel erkennt und akzeptiert im Hamburgischen den noch etwas höheren, feineren Stand als den in Berlin erreichbaren. Dadurch wird Hildegard zu der Corinna überlegenen Schwiegertochter-option. Aber auch in Hamburg bei den Mundts ist man sich der eigenen Überlegenheit bewusst:

Helene aber fuhr fort: »Die Munks sind ursprünglich dänisch, und ein Zweig, wie du recht gut weißt, ist unter König Christian gegraft worden. Als Hamburgerin und Tochter einer Freien Stadt will ich nicht viel davon machen, aber (…) unsre Schiffe gingen schon nach Messina, als deine Mutter noch in dem Apfelsinenladen spielte, draus dein Vater sie hervorgeholt hat. Material- und Kolonialwaren. Ihr nennt das hier auch Kaufmann… ich sage nicht du…, aber Kaufmann und Kaufmann ist ein Unterschied.«

Die Ahnen, die Villa, das Boot, die Selbstwahrnehmung und erst recht das Selbstvertrauen: alles ist in Hamburg ein gutes Stück nobler als in Berlin. Jenny Treibel spürt es und weist auch ihrem zweiten Sohn Leopold erfolgreich den Weg nach oben. Da es ihren Zielen dient, macht sie sich selbst und Berlin im Umgang mit den Hamburgerinnen klein und schreibt der Wunschschwiegertochter:

Ich wüßte wirklich kaum etwas, was vor der Eingebildetheit unserer Bevölkerung sicher wäre. Nicht einmal Euer Hamburg, an das ich nicht denken kann, ohne daß mir das Herz lacht. Ach, Eure herrliche Buten-Alster! Und wenn dann abends die Lichter und die Sterne darin flimmern – ein AnFontanes Werk mit blick, der den, der sich seiner freuen darf, jedesmal dem Irdischen wie entrückt.“

Das Ränkespiel versteht Jenny besser als alles andere im Leben. Der Coup gelingt: Corinna trennt sich von Leopold.  Dessen Verlobung mit der Hamburger Hildegard steht nun kurz bevor, und auch Corinna hat ihren – standesgemäß korrekten – Cousin Marcel bereits erhört. Jenny Treibel singt bilanzierend am Ende das Lied, das Corinnas Vater ihr in ihrer Jugend gedichtet hat: „…Ach, nur das, nur das ist Leben, Wo sich Herz zum Herzen find´t.“

Humor hilft

Die Großzügigkeit und spöttische Milde, mit der Fontane seine Romanheldin trotz ihres Ränkespiels und ihrem allzu freien Umgang mit der Wahrheit zeichnet, hat er für sein Hamburger Personal nicht übrig. Ihr Vorsprung an „Gewaschenheit“ hilft da nichts. Ihnen fehlt der Charme der Engländer und die energische Bodenhaftung der Berliner, die sie – meist unfreiwillig – auch dann zeigen, wenn sie eiligst nach Oben streben. Die Begründung für Fontanes Einschätzung der Hamburger kann einerseits darin liegen, dass er sich nie länger in der „schönsten Stadt der Welt“ (Hamburgische Selbsteinschätzung) aufgehalten hat. Oder an seinem Hauslehrer. Von diesem berichtet er in „Meine Kinderjahre“: „(…) zugleich aber gab ihm sein Hamburgertum, sein Vertrautsein mit den Formen einer wirklich reichen und vornehmen Kaufmannswelt, ein bis zu Dünkel und Unart sich steigerndes Selbst- und Überlegenheitsgefühl, das ihm von Anfang an seine Stellung verdarb.“ Was die Schule nicht alles verderben kann! Dennoch gibt es auch in anderen Werken Theodor Fontanes viel Menschenkenntnis und augenzwinkernden Schulterschluss mit den untiefen Seiten des Menschseins (wieder) zu entdecken. Über die Aktualität einiger seiner Bücher wird auch im neuen Jahr mit Sicherheit noch gestritten. Bilanzen sind stets nur vorläufiger Natur, denn die Nachlebenden ändern immer wieder die Kriterien.

12,5 Jahre altern-für-anfänger.de – da kann man auch mal „Prosit“ sagen!

12,5 Jahre altern-für-anfänger.de – da kann man auch mal „Prosit“ sagen!

 

Anstossen!

Image by brittaneu from Pixabay

Im Januar 2007 kam das Buch “Altern für Anfänger. Babyboomers Reifeprüfung“ auf den Markt.

Der Pendo-Verlag nannte es: Eine höchst vergnügliche Anleitung für das „Abenteuer Altern“. Die Autoren Getschmann/Scheer rückten dem unvermeidlichen Altern mit Humor und einem kategorienübergreifenden Kompetenzansatz zu Leibe. Klug zu altern beinhaltet für sie mehr als Sport, Ernährung und mentale Fitness.

Da auf knappen Seiten nicht alles gesagt werden konnte, was zum Altern gehört, und Leben und Altern weiter fortschreiten, gründeten die Autoren den gleichnamigen Weblog Altern-für-Anfänger.de. Diesen beliefert Dirk Getschmann seit nunmehr zwölfeinhalb Jahren mit Erträgen der wissenschaftlichen Forschung aus geriatrischen oder demographischen Quellen sowie mit persönlichen Beobachtungen, Lektürehinweisen und Studien. Ein Kessel Buntes rund um das Generalthema „Was kann ich für mein gelingendes Altern tun?“

Man kann mit den Blogeinträgen durch die Jahre zurückreisen und nachvollziehen, wie sich der Zeitgeist zum Thema „Altern“ seit 2007 geändert hat. Die Alterskohorte der Babyboomer stand mit ihren älteren Jahrgängen noch vor der Rente. Jetzt hat ein gutes Drittel dieser geburtenstarken Jahrgänge den Übergang in den (ehemals) dritten Lebensabschnitt „geschafft“. In diesen Jahren rückte die Generation der Silberrücken für viele Unternehmen in den Fokus ihrer Werbe- und Marketingbemühungen: Die ersten Modemodels jenseits der 60 wurden gesichtet. Tchibo und Aldi brachten zum ersten Mal Senioren-Hilfsmittel in ihre Wochenangebote. Die Unterteilung des Lebens in drei Abschnitte (Kindheit/Jugend, Arbeitsleben und Rentenalter) wurde nach und nach durch eine Vierergliederung abgelöst: das Rentenalter teilte sich in ein frühes und ein spätes Alter. Auch dies blieb nicht ohne Folgen für die Produkt- und Warenwelt, zumal die Babyboomer-Generation wohl die mit Abstand wohlhabendste Rentengeneration in diesem Land ist und aller Wahrscheinlichkeit nach auch bleiben wird. Denn einen rentensichernden Turnaround unserer demographischen Kurve kann eigentlich niemand mehr erwarten.  Also werden die Alten immer mehr und die Jungen immer machtloser. „Seniorenreisen“ sieht man immer seltener beworben, weil sich die reisefreudigen Alten des dritten Lebensabschnittes immer weniger als „Senioren“ sehen, ja diesen Begriff lieber den Alten des vierten Abschnitts zuschieben.

Der Fortgang unseres kollektiven Alterungsprozesses wird in all seiner Vielschichtigkeit auf Altern-für-Anfänger.de auch weiterhin beobachtbar bleiben. Dazu meint der Weblogger Dirk Getschmann: „Das Alter ist ein Kontinent. Ihn zu bereisen, zu beobachten und zu kommentieren, werde ich wohl erst müde, wenn ich selbst an seinem anderen Ende angekommen bin.“

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