Der Reiz von Zitaten

Gute Zitate sind die Kurzfassung einer ganzen Geschichte. So wie sich in einem Wassertropfen der ganze Himmel spiegeln kann, kondensieren sie einen weit greifenden Gedanken in einer kristallinen Form. Eine Zitat-Trouvaille als Beleg:

Menschen hören nicht auf zu spielen, weil sie alt werden,
sie werden alt, weil sie aufhören zu spielen.
Oliver Wendell Holmes ( amerkanischer Arzt und Autor des 19. Jahrhunderts)

Das Tempo der Lebenszeit

Mit Blick in unsere Geburtsurkunde finden wir unser objektives Alter. Dazu kommt ein subjektiver Blick auf sich selbst und andere, die sich zum Vergleich anbieten. Oft hält man sich für jünger, manchmal auch für älter. Schulklassentreffen warten immer wieder mit dem selben Phänomen auf: wo früher maximal drei Jahre Altersunterschied herrschten, weitet sich die Skala beim ersten Hingucken auf gut 15 Jahre. Bei manchem rinnt die Lebenszeit schneller aus dem Stundenglas.

Natürlich wissen wir, dass Schicksalsschläge, aber eben auch unsere Lebensweise die Fliessgeschwindigkeit dieses Stundenglaes durchaus beeinflussen können. Nun hat die AOK einen Fragebogen ins Netz gestellt, der einem sein „wirkliches Alter“, also nicht das von der Geburtsurkunde, verrät. Interessant sind die Fragen, die die Gesundheitsstatistiker herausgesucht haben, um ein Tachometer für die Ablaufgeschwindigkeit unseres Lebens zu „konstruieren“. Gucken Sie doch mal rein.

Abgang der Vorbilder

Ein Symptom des Älterwerdens ist völlig frei von der Entwicklung der eigenen Person: der Tod von anderen Menschen. Erst sind es die Eltern, dann die Vorbilder und zum Ende hin geht man selbst so häufig auf Beerdigungen wie früher auf Hochzeiten. Die Freunde und Bekannte sterben einem weg.

Bei mir sind augenblicklich die Vorbilder dran. Da war Ende Januar 2015 Richard von Weizsäcker, der mir mit seiner Rede zum 40. Jahrestag der Beendigung des Krieges in Europa und der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft (bisschen weniger Titel hätte es auch getan) die Scham, Deutscher zu sein, zu einem guten Stück genommen hat. Dann folgte im Februar diesen Jahres Roger Willemsen. In seinen Literaturseminaren war er nicht nur selbst entflammt, sondern schaffte es, Erkenntniswille und Enthusiasmus an viele seiner Studenten weiterzureichen. Trotz späterer Dissonanzen habe ich in ihm immer ein intellektuelles Vorbild gesehen. Gerade auch in der Vielfalt seiner Interessen. Seine Jazzkolumnen im Merkheft des 2001Verlags gehörten dazu.

Und nun hat uns, in jedem Fall mich, Wolfram Siebeck verlassen. Über ein gutes Jahrzehnt hinweg verfolgte ich in der ZEIT vor allem seine Rezeptpoesie. Natürlich waren es Rezepte, die Meilen über der lieblosen Küche meines Elternhauses standen. Aber es waren auch Ausflüge in andere, entbiederte Welten: bei manchen Rezepttipps meinte ich zwischen Lavendelbüschen in der Provence zu wandeln. Und dass das Kochen nicht primär lästige Arbeit sein muss, sondern kreatives Schaffen zur Glücksvermehrung auf Erden, auch dies Wissen verdanke ich dem augenzwinkernden Siebeck. Die Leichtigkeit, mit der er das Glas Weißwein besprach, das für ihn ein katalytischer Begleiter beim Schneiden, Putzen und Abschmecken war, gab dem ganzen Procedere einen nonchalanten Hauch. Kochen als Wohlfühlen, nicht als Zwangsarbeit.

Alle haben etwas in mir verändert, mich bereichert. Ich vermisse sie.

Konkurrenz erweitert den Horizont

Es ist nicht verwunderlich, dass immer mehr Menschen sich über das Altern und  ihr eigenes Alter  wundern und sich hierzu öffentlich am Kopf kratzen. So ist es auch höchst normal, dass man hin und wieder über einen neuen Blog stolpert, der irgendwie mit dem Thema Umgang pflegt. Hier gibt es die ratgeberisch aufgelegten Kollegen, die reinen Informationsplattformen, die Philosophen und jene Nachdenklichen, die hin und wieder eine Verbindung von einer Beobachtung oder einem Menschenwerk hin zum Alter zu knüpfen verstehen.  Wenn dies halbwegs fröhlich – womit ich nicht juxig meine – passiert, macht mir dies besondere Freude. Klicken Sie mal hier. Vielleicht geht es Ihnen genau so. Denken wir an Asterix: auch dort ist ja Methusalix ein Quell der Freude!

 

Anregung genug

Anregung genug

Das Alter zum Thema machen. Ich erinnere mich noch gut an meine Kindheit: meine Großeltern waren die einzigen betagten Menschen, mit denen ich Umgang hatte.

Der Autor und sein Großvater, Ender der 60er Jahre

Die anderen gab es natürlich, aber sie spielten in meinem Leben keine Rolle. Aber auch in der sogenannten veröffentlichten Meinung gab es eher ein schwarzes Loch als eine Infoflut über ältere Mitbürger. Der Verdacht, diese hätten bei den Nazis mitgetan oder wenigstens von ihnen profitiert, stärkte diesen öffentlichen Hang zum Totschweigen. Später, in den 80er und 90er Jahren sank der Verdachtsdruck, aber das führte nicht dazu, dass Altern und Alter den Kreis des Privaten verlassen häten. Dass wir nun Land auf Land ab über Stiftungsinitiativen (hier ein sehr schönes Beispiel: die Körber-Stiftung), Konfernzen, Lehrstühle und Fernsehbeiträge stolpern, die alle das ehemals Totgeschwiegene thematisieren, ist wohl vor allem der Tatsache geschuldet, daß es bald die Mehrheit ist, über die hier gesprochen wird und die nun selbst das Mikrofon in eigener Sache in die Hand nimmt. Anregungen zum Neu-Denken gibt es mehr als genug. Die (Selbst-) Aktivierung der Älteren ist per se ein Zeichen des Wandels. Wer in den jüngeren Jahren der Bundesrepublik alt war, ruhte aus und sagte nichts mehr – zumindest im statistischen Durchschnitt. Heute ist es Teil des sich wandelnden Altersverständnisses, dass nicht nur über das Alter und die Alten gesprochen und diskutiert wird, sondern dass die Betroffenen mehr und mehr die Debatte zu der ihren machen. Hier meldet sich ein Selbstbild des älteren Mitbürgers zu Wort, der sich bewußt von den vorangegangenen Generationen abzusetzen bemüht ist. Bestimmt ist hier auch der letzte revolutionäre Furor der 68er zu studieren. Aber sicherer, kollektiv geteilter Grund für das neue Altersbild ist noch lange nicht in Sicht. Außer vielleicht, dass die Begeisterung für individuelle Wege gerade hier spürbar wird. Die Jungen hadern mit der Verschulung der Universitätsausbildung und der damit einhergehenden Schubladisierung ihrer Generation. Die Alten zerbröseln hingegen alle tradierten Bilder von Rente, Rückzug und Resignation.

Wir kommen ins Kino!

Wir kommen ins Kino!

Schnell mal im Kopf die persönlichen Kinohighlights durchsehen: gibt es das Filme mit älteren bis alte Hauptdarstellern? Ja klar. Harold und Maude fällt mir ein; Sag niemals Nie, in dem Sean Connery nochmals den James Bond gibt, Verfilmungen von Shakespeares Sturm, Mrs. Marple und Hercule Poirot von Agatha Christie, Charles Laughton als Richter…  und ein paar weitere würden einem bei scharfem Nachdenken sicherlich noch in den Sinn kommen.  Aber angesichts der tausenden von Filmen, die fast jeder konsumiert hat, fällt das kaum in Gewicht. Und nun sind wir diese Woche gleich mit zwei Publikumsfilmen konfrontiert, die sich mit einer wichtigen Zäsur im Leben – der Suche nach der letzten Bleibe – widmen. In „Und wenn wir alle zusammenziehen“ prüfen u.a. Jane Fonda, Pierre Richard und Geraldine Chaplin die Chancen für eine Alten-WG. In „Best Exotic Marigold Hotel“ bauen betagte Engländer auf eine Seniorenresidenz im Empire-Stil in der alten Kolonie Indien. Hier wirkt unter anderen die von mir heiß verehrte Julie Dench (Chefin des M6 in den letzten Bond-Filmen) mit. Es folgen nun keine Filmrezensionen, sondern lediglich ein Ausrufungszeichen! Die Zeiten ändern sich. Die Alten und ihre Sorgen und Aufgaben sind offensichtlich kinofähig geworden. Die langsam alternde Besucherschaft hat nicht ununterbrochen Lust, sich die Stories der nachfolgenden Generationen anzusehen. Das Schöne ist, dass dieser Trend nicht auf Kunst- und Studentenkinos beschränkt bleibt, sondern die cineastische Öffentlichkeit zu becircen sucht. Stärken wir die (noch) Wagemutigen. Gehen wir ins Kino!