Nachdenken über das Alter

Nachdenken über das Alter

Wenn man mal ehrlich ist: der Tod ist das einzig Gewisse im Alter. Um ihn auf Distanz zu halten, sind ganze Industrien in Sachen Ernährung, Bewegung und Bespaßung für uns tätig. Und sie haben Erfolg: der „dessen Name nicht genannt werden darf“, der Tod, bleibt tabuisiert. Sein finaler Auftritt ist sicher. Unabänderlich.Was soll man dann noch darüber reden? Nur wenigen fällt da noch etwas zu ein. Wer sein individuelles Verdrängungsprogramm mal kurz aussetzen will, um wenigstens ein paar schwerer wiegende Gedanken zum Ableben zu überdenken, dem kann ich nur Odeo Marquards Büchlein ans Herz legen.Der frühere Chef der deutschen Universitätsphilosophie ist – leider auch er – vor ein paar Jahren verstorben. Der Reclam Verlag – bei dem Marquard bevorzugt publizierte – hat eine verdienstvolle Auswahl seiner altersbezogenen Texte mit einem sehr persönlichen Interview angereichert. Aus meiner Sicht eine der best denkbaren Pausen im Verdrängungsdauerlauf.

Der Reiz von Zitaten

Gute Zitate sind die Kurzfassung einer ganzen Geschichte. So wie sich in einem Wassertropfen der ganze Himmel spiegeln kann, kondensieren sie einen weit greifenden Gedanken in einer kristallinen Form. Eine Zitat-Trouvaille als Beleg:

Menschen hören nicht auf zu spielen, weil sie alt werden,
sie werden alt, weil sie aufhören zu spielen.
Oliver Wendell Holmes ( amerkanischer Arzt und Autor des 19. Jahrhunderts)

Das Tempo der Lebenszeit

Mit Blick in unsere Geburtsurkunde finden wir unser objektives Alter. Dazu kommt ein subjektiver Blick auf sich selbst und andere, die sich zum Vergleich anbieten. Oft hält man sich für jünger, manchmal auch für älter. Schulklassentreffen warten immer wieder mit dem selben Phänomen auf: wo früher maximal drei Jahre Altersunterschied herrschten, weitet sich die Skala beim ersten Hingucken auf gut 15 Jahre. Bei manchem rinnt die Lebenszeit schneller aus dem Stundenglas.

Natürlich wissen wir, dass Schicksalsschläge, aber eben auch unsere Lebensweise die Fliessgeschwindigkeit dieses Stundenglaes durchaus beeinflussen können. Nun hat die AOK einen Fragebogen ins Netz gestellt, der einem sein „wirkliches Alter“, also nicht das von der Geburtsurkunde, verrät. Interessant sind die Fragen, die die Gesundheitsstatistiker herausgesucht haben, um ein Tachometer für die Ablaufgeschwindigkeit unseres Lebens zu „konstruieren“. Gucken Sie doch mal rein.

Abgang der Vorbilder

Ein Symptom des Älterwerdens ist völlig frei von der Entwicklung der eigenen Person: der Tod von anderen Menschen. Erst sind es die Eltern, dann die Vorbilder und zum Ende hin geht man selbst so häufig auf Beerdigungen wie früher auf Hochzeiten. Die Freunde und Bekannte sterben einem weg.

Bei mir sind augenblicklich die Vorbilder dran. Da war Ende Januar 2015 Richard von Weizsäcker, der mir mit seiner Rede zum 40. Jahrestag der Beendigung des Krieges in Europa und der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft (bisschen weniger Titel hätte es auch getan) die Scham, Deutscher zu sein, zu einem guten Stück genommen hat. Dann folgte im Februar diesen Jahres Roger Willemsen. In seinen Literaturseminaren war er nicht nur selbst entflammt, sondern schaffte es, Erkenntniswille und Enthusiasmus an viele seiner Studenten weiterzureichen. Trotz späterer Dissonanzen habe ich in ihm immer ein intellektuelles Vorbild gesehen. Gerade auch in der Vielfalt seiner Interessen. Seine Jazzkolumnen im Merkheft des 2001Verlags gehörten dazu.

Und nun hat uns, in jedem Fall mich, Wolfram Siebeck verlassen. Über ein gutes Jahrzehnt hinweg verfolgte ich in der ZEIT vor allem seine Rezeptpoesie. Natürlich waren es Rezepte, die Meilen über der lieblosen Küche meines Elternhauses standen. Aber es waren auch Ausflüge in andere, entbiederte Welten: bei manchen Rezepttipps meinte ich zwischen Lavendelbüschen in der Provence zu wandeln. Und dass das Kochen nicht primär lästige Arbeit sein muss, sondern kreatives Schaffen zur Glücksvermehrung auf Erden, auch dies Wissen verdanke ich dem augenzwinkernden Siebeck. Die Leichtigkeit, mit der er das Glas Weißwein besprach, das für ihn ein katalytischer Begleiter beim Schneiden, Putzen und Abschmecken war, gab dem ganzen Procedere einen nonchalanten Hauch. Kochen als Wohlfühlen, nicht als Zwangsarbeit.

Alle haben etwas in mir verändert, mich bereichert. Ich vermisse sie.

Konkurrenz erweitert den Horizont

Es ist nicht verwunderlich, dass immer mehr Menschen sich über das Altern und  ihr eigenes Alter  wundern und sich hierzu öffentlich am Kopf kratzen. So ist es auch höchst normal, dass man hin und wieder über einen neuen Blog stolpert, der irgendwie mit dem Thema Umgang pflegt. Hier gibt es die ratgeberisch aufgelegten Kollegen, die reinen Informationsplattformen, die Philosophen und jene Nachdenklichen, die hin und wieder eine Verbindung von einer Beobachtung oder einem Menschenwerk hin zum Alter zu knüpfen verstehen.  Wenn dies halbwegs fröhlich – womit ich nicht juxig meine – passiert, macht mir dies besondere Freude. Klicken Sie mal hier. Vielleicht geht es Ihnen genau so. Denken wir an Asterix: auch dort ist ja Methusalix ein Quell der Freude!