Umzug (meist) wider Willen

Umzug (meist) wider Willen

Umzüge sind nicht beliebt. in keinem Alter. Wenn es in eine größere Wohnung oder Haus geht, freut man sich darauf, aber nicht auf den Umzug und all das, was ihm voran geht. Im „Seniorenalter“ wird die Vorfreude zu dem Thema eher kleiner – so wie in den allermeisten Fällen die Wohnung oder das Haus. Das Schwerste ist wohl das Sich-Aufraffen. Das bewußte Sichten der Dinge (Möbel, Bücher, Fotoalben…), von denen man sich aus Platzgründen trennen will, aber nicht tennen mag, führt oft zu einem schnellen Verschieben des Projektes. Vor kurzem konnte ich in der Nachbarschaft sehen, wie eine Dame viele Monate nach dem Tod des Partners den Weg in den vollgestopften Keller wagte, nach kurzer Umschau und ein wenig Zupfen hier und Drücken dort „ach, ich bin noch nicht so weit“ aufstöhnte und das Kellerentleerungsvorhaben einstweilen verschob. So geht es den allermeisten. Wenn aber der Umzugswagen vor der Tür steht, ist es zu spät. Sinnvolles Trennen von „bleibt hier“ und „kommt mit“ sollte viel früher begonnen werden. Das sagt sich leicht.

Bild von Clker-Free-Vector-Images auf Pixabay

 

Bild von Richard Hay auf Pixabay

 

 

 

 

                                      Dort möchte man meist lieber bleiben als dorthin zu ziehen…

Aber es gibt Hilfe. Wenn es nicht die Freunde oder die Familie ist und man tatsächlich selbst anpacken muss, könnte man sich in diesem Beitrag ziemlich umfassend schlau machen und auch den einen oder anderen Trick zur verdammt notwendigen Überwindung des inneren Schweinehundes finden. Man darf sich nur nicht an dem (IKEA-) Geduze stören, das einen manchmal an so unleidig bevormundende Formulierungen wie „Hat es uns denn heute geschmeckt?“ erinnert. Wie gesagt: davon abgesehen, eine echte Hilfe!

 

Kleine Helferlein für das schwindende Erinnerungsvermögen

Kleine Helferlein für das schwindende Erinnerungsvermögen

Hier geht es nicht um Alzheimer, sondern schlicht und einfach darum, dass wir mit zunehmendem Alter feststellen müssen, dass unser Kurzzeitgedächtnis nicht mehr so leistungsfähig ist wie früher. Beispielsweise machen wir die Kellertür auf, steigen abwärts, drehen den Lichtschalter…und fragen uns, was wir hier unten denn eigentlich gewollt haben. Ärgerlich. Ist uns früher zumindest seltener passiert. Aber das ist kein Grund zu höherer Unruhe. Mein Arzt sagte mir, auch ab und zu auftauchende Wortfindungsstörungen wären kein dramatisches Zeichen in Richtung Alzheimer oder Demenz. Nur wenn ich einen Löffel in der Hand halte und mich fragen müsste, was ich damit denn anfangen könnte, ist Gefahr im Verzug! Wenn also die Muskel, Gelenke und Hautopberfläche schwächer werden, erstaunt es nicht, dass zumindest Teile unseres Gehirns sich diesem Negativtrend anschliessen. Das ist zwar doof, aber tragisch ist etwas anderes. Was kann man tun? Natürlich trainieren, aber das liest man ja an jedem Kiosk. Selbstdisziplin ist heute aber nicht das Thema.

 

Simuliert die schwindende Erinnerungsfähigkeit

                             Hmmm, da war doch was… oder?

 

Es gibt kleine Helferlein, die uns an der einen oder anderen Ecke dabei unterstützen können, Dinge wiederzufinden, die wir mit zunehmender Tendenz verlegen. Brillen, Handys, Schlüssel etc. Nun gibt es eine ganze Reihe von digitalen Zwergen, die wir beispielsweise nur an unserem Schlüsselbund anbringen müssen und schon können wir via Handy nachgucken, wo wir die blöden Schlüssel nun schon wieder verlegt haben. Das finde ich sehr erleichternd. Ganz aktuell ist auf der Internetseite techstage ein Vergleichstest über die verschiedenen Vor- und Nachteile dieser Helferlein nachzulesen. Ähem…wenn es Sie interessiert, schauen Sie lieber gleich mal vorbei – sonst haben Sie es vielleicht wieder vergessen…

Bilanz 200

Zum Jahresende neigt man – genau wie gen Lebensende – zum Bilanzziehen. Meist ohne wirklich zukunftsstiftenden Ertrag. Dennoch: den 31. Dezember als Jahresbilanztag will ich nutzen, um einen großen Jubilar, Theodor Fontane, ein wenig zu befragen. Nein, so richtig altersrelevant ist dieser Beitrag nicht, aber für den einen oder die andere literaturinteressierte/n Leser/in vielleicht doch zumindest unterhaltsam…

Wie Theodor Fontane die Hamburger sah

2019 ist ein Fontane-Jahr! 200 wäre der dichtende Apotheker in diesem Dezember geworden. Fontane? Das ist doch der mit den Birnen von Ribbeck? Und Balladen hat er auch geschrieben. Ja, mancher stellt seine Effi Briest neben Flauberts Emma Bovary als Ikone der um Selbstbestimmung ringenden Frauen des 19. Jahrhunderts. Aber sonst? Die Breite und Tiefe seines Werkes ist der kollektiven Erinnerung verloren gegangen.

Vielleicht hilft der runde Geburtstag, diesen freundlichen Menschenbeobachter, diesen Kritiker rückwärtsgewandten Ständedenkens mit seiner ironisch fein geführter Feder, diesen Verfechter demokratischer Menschenrechte und Spötter des billigen Pompkapitalismus der Gründerjahre neu zu entdecken. Zwar liegt Theodor Fontanes Geburtsort näher an Berlin als an Hamburg. Aber dennoch kann man sich fragen, was der weltläufige Fontane von Hamburg und den Hanseaten gehalten haben mag?

Nach seinem Abschied von der Apothekerlaufbahn wendete Fontane sich dem Journalismus zu. So arbeitete er unter anderem jahrelang in England, wo er für mehrere Blätter sowohl Politisches als auch Kulturelles aus London und anderen Teilen der Insel berichtete. Wenigstens zwei seiner Reisen zur Themsestadt führten ihn über Hamburg. Mehr als eine kurze Angabe zur Reiseroute und ein paar Eindrücke einer maritimen Abschiedsszene ist ihm das Ganze aber nicht wert. Allerdings lässt er sich auch über die anderen deutschen Städte und Landschaften nur selten aus. Fontane interessierte sich vor allem für seine nähere und nächste Umgebung, also Brandenburg und Berlin, und für das damals noch fast exotisch Ferne. Seinen Ruf als Reiseschriftsteller verdankt er seinen Betrachtungen in England und Schottland („Jenseits des Tweed“) sowie dem Bericht über seine irrtümliche Festnahme als vermeintlich preußischer Spion. Mehrere Monate saß er auf der Insel Oléron nahe La Rochelle in Südwestfrankreich in Haft.

Nur beiläufig findet Hamburg in seinem heute wohl bekanntesten Roman „Effi Briest“ Erwähnung: Das Paar kehrte aus Dänemark über „Flensburg, Kiel über Hamburg (das ihnen ungemein gefiel) in die Heimat zurück“. Nur eine Landmarke mit einer kurzen Bemerkung. In seinen „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“ stolperte er einmal –  und wirklich nur einmal – über eine Hamburgensie,  ein Erzeugnis der alten Hamburger Glockengießerkunst: „Das bemerkenswerteste, was der Garziner Kirche geblieben, ist seine 1654 in Hamburg gegossene Glocke. Dieselbe ist einerseits durch ein tellergroßes, in die Glockenwandung eingeschmolzenes Medaillon, das »Urteil des Paris« darstellend, andererseits durch ihre plattdeutschen Inschriften interessant. Diese sind freilich nur zum Teil verständlich. Die untere, einreihige Inschrift lautet: »Gegaten tho Hamborch Anno Domini 1654 Junius.«“ Also ein dokumentarisches Detail, weiter nichts.  Bleibt nachzutragen, dass Garzin inmitten der Märkischen Schweiz östlich von Berlin gelegen ist.

Jahrzehnte nach seinen Englandreisen notiert er in einem Brief an seinen langjährigen Freund Georg Friedländer: „Hamburg, in seiner das aesthetische Gefühl befriedigenden  Erscheinung, ist vielleicht allen anderen modernen Handelsstätten überlegen, selbst London nicht ausgenommen.“ Auch hier  der nüchterne Tonfall distanzierter Dokumentation. Emotionaler gibt er sich in einem Schreiben an seine Frau Emilie: „Hamburg ist uns an Gewaschenheit und Sauberkeit immer noch voraus, aber dafür fehlt jedoch vieles, vieles andere.

Frau Jenny Treibel

Dieses offensichtlich fehlende Andere lässt er in einem seiner sogenannten „Berliner“ oder auch „Gesellschaftsroman“ genannten Werke eine bedeutende Rolle spielen. Allerdings ohne auszuformulieren, was denn nun Hamburg oder den Hamburgern fehlt.  Die Rede ist von „Frau Jenny Treibel oder wo sich Herz zum Herzen find´t“. Der Zweit- oder Untertitel macht schon deutlich, dass Fontane bewusst mit zumindest zwei Lesarten spielte: zunächst drängt sich eine Liebesschmonzette auf, die man in der Gartenlaube hätte lesen können. Einer Heftchenrevue des 19. Jahrhunderts, die heute im Kiosk zwischen Goldenem Blatt und Der Bergdoktor einsortiert wäre. Unter dieser geradezu billig-bieder wirkenden Oberfläche skizziert Fontane mit Ironie und lakonischer Menschenliebe das Gesellschaftspersonal der Berliner Gründerjahre: Kommerzienrat und Fabrikant Treibel ist ein honoriger Erfolgsmensch aus der Oberklasse. Er lässt die Schornsteine seiner Fabrik einfach immer weiter hochmauern, wenn deren Qualm in den Garten seiner nahgelegenen Villa pustet. Jenny Treibel, seine Gattin, stammt aus einfachen Verhältnissen. Sie hat aufwärts geheiratet. Fontane schenkt ihr den Mädchennamen „Bürstenbinder“ und bewegt sich mit dieser sprechenden Namensgebung auf Thomas-Mannschen Höhen. Majorin von Ziegenhals und Edwine von Bomst bleiben nicht hinter ihren Namen zurück. Treibels stehen – in unterschiedlicher Ausprägung – für die von Fontane belächelte Berliner Bourgeoisie. Dünkel ohne Herzensbildung; vorgebliche Jovialität bei knallharte Heiratspolitik; schönrednerisch verbrämter Klassenegoismus. Durch Jenny Treibels kommerzienrätliches Gehabe scheint hin und wieder blanke Dreistigkeit hindurch. Ihre Antagonisten sind Professor Willibald Schmidt (ein Freund Jenny Treibels aus Kindertagen) und seine selbstbewusste, modern erzogene Tochter Corinna. Beide gebildet, aufgeschlossen, dem Neuen zugewandt, aber finanziell nicht auf Treibelschem Niveau. Um diese Kerngruppe arrangieren sich nähere und entferntere Familienangehörige und Freunde, die durch ihre Auftritte in banalen Alltagssituationen den Lesern multiple Perspektiven auf das charakterliche Inventar der Hauptfiguren erlauben. Die Charakterkomödie ist komplett. Und die Hamburger? Sie entpuppen sich als Jennys Geheimwaffe. Die Professorentochter Corinna hat Aufstiegsambitionen in die gesellschaftliche Belle Etage. Eine Ehe mit Jennys etwas zurückgebliebenem Sohn Leopold wäre für sie die Überholspur nach Oben. Corinna angelt erfolgreich, und als die beiden gegen allen Anstand ihre Verlobung bekannt geben, ist Gefahr in Verzug. Jennys älterer Sohn Otto ist mit Helene Mundt aus Hamburg verheiratet. Diese Schwiegertochter Helene hat eine noch nicht verheiratete Schwester Hildegard. Jenny erläutert ihrem Gatten ihre Ränkestrategie:

Otto lebt seit acht Jahren in einer glücklichen Ehe mit Helenen, was auch nur natürlich ist; ich kann mich nicht entsinnen, daß irgendwer aus meiner Bekanntschaft mit einer Hamburgerin in einer unglücklichen Ehe gelebt hätte. Sie sind alle so zweifelsohne, haben innerlich und äußerlich so was ungewöhnlich Gewaschenes (…). Man hat sich ihrer nie zu schämen, und ihrem zwar bestrittenen, aber im stillen immer gehegten Herzenswunsche, ›für eine Engländerin gehalten zu werden‹, diesem Ideale kommen sie meistens sehr nah.“

Dass dies kein Zufall ist, sondern Methode hat, erkennt Jenny an ihrer Hamburger Enkelin:

Lizzi galt im ganzen Kreise der Bekannten als Musterkind, was das Herz Helenens einerseits mit Dank gegen Gott, andrerseits aber auch mit Dank gegen Hamburg erfüllte, denn zu den Gaben der Natur, die der Himmel hier so sichtlich verliehen, war auch noch eine Mustererziehung hinzugekommen, wie sie eben nur die Hamburger Tradition geben konnte.“

Jenny Treibel erkennt und akzeptiert im Hamburgischen den noch etwas höheren, feineren Stand als den in Berlin erreichbaren. Dadurch wird Hildegard zu der Corinna überlegenen Schwiegertochter-option. Aber auch in Hamburg bei den Mundts ist man sich der eigenen Überlegenheit bewusst:

Helene aber fuhr fort: »Die Munks sind ursprünglich dänisch, und ein Zweig, wie du recht gut weißt, ist unter König Christian gegraft worden. Als Hamburgerin und Tochter einer Freien Stadt will ich nicht viel davon machen, aber (…) unsre Schiffe gingen schon nach Messina, als deine Mutter noch in dem Apfelsinenladen spielte, draus dein Vater sie hervorgeholt hat. Material- und Kolonialwaren. Ihr nennt das hier auch Kaufmann… ich sage nicht du…, aber Kaufmann und Kaufmann ist ein Unterschied.«

Die Ahnen, die Villa, das Boot, die Selbstwahrnehmung und erst recht das Selbstvertrauen: alles ist in Hamburg ein gutes Stück nobler als in Berlin. Jenny Treibel spürt es und weist auch ihrem zweiten Sohn Leopold erfolgreich den Weg nach oben. Da es ihren Zielen dient, macht sie sich selbst und Berlin im Umgang mit den Hamburgerinnen klein und schreibt der Wunschschwiegertochter:

Ich wüßte wirklich kaum etwas, was vor der Eingebildetheit unserer Bevölkerung sicher wäre. Nicht einmal Euer Hamburg, an das ich nicht denken kann, ohne daß mir das Herz lacht. Ach, Eure herrliche Buten-Alster! Und wenn dann abends die Lichter und die Sterne darin flimmern – ein AnFontanes Werk mit blick, der den, der sich seiner freuen darf, jedesmal dem Irdischen wie entrückt.“

Das Ränkespiel versteht Jenny besser als alles andere im Leben. Der Coup gelingt: Corinna trennt sich von Leopold.  Dessen Verlobung mit der Hamburger Hildegard steht nun kurz bevor, und auch Corinna hat ihren – standesgemäß korrekten – Cousin Marcel bereits erhört. Jenny Treibel singt bilanzierend am Ende das Lied, das Corinnas Vater ihr in ihrer Jugend gedichtet hat: „…Ach, nur das, nur das ist Leben, Wo sich Herz zum Herzen find´t.“

Humor hilft

Die Großzügigkeit und spöttische Milde, mit der Fontane seine Romanheldin trotz ihres Ränkespiels und ihrem allzu freien Umgang mit der Wahrheit zeichnet, hat er für sein Hamburger Personal nicht übrig. Ihr Vorsprung an „Gewaschenheit“ hilft da nichts. Ihnen fehlt der Charme der Engländer und die energische Bodenhaftung der Berliner, die sie – meist unfreiwillig – auch dann zeigen, wenn sie eiligst nach Oben streben. Die Begründung für Fontanes Einschätzung der Hamburger kann einerseits darin liegen, dass er sich nie länger in der „schönsten Stadt der Welt“ (Hamburgische Selbsteinschätzung) aufgehalten hat. Oder an seinem Hauslehrer. Von diesem berichtet er in „Meine Kinderjahre“: „(…) zugleich aber gab ihm sein Hamburgertum, sein Vertrautsein mit den Formen einer wirklich reichen und vornehmen Kaufmannswelt, ein bis zu Dünkel und Unart sich steigerndes Selbst- und Überlegenheitsgefühl, das ihm von Anfang an seine Stellung verdarb.“ Was die Schule nicht alles verderben kann! Dennoch gibt es auch in anderen Werken Theodor Fontanes viel Menschenkenntnis und augenzwinkernden Schulterschluss mit den untiefen Seiten des Menschseins (wieder) zu entdecken. Über die Aktualität einiger seiner Bücher wird auch im neuen Jahr mit Sicherheit noch gestritten. Bilanzen sind stets nur vorläufiger Natur, denn die Nachlebenden ändern immer wieder die Kriterien.

Wann fängt das eigentlich an – das Altern?

Wann fängt das eigentlich an – das Altern?

Gibt es einen magischen Punkt, ab dem man das Gefühl hat zu altern? Vom Kopf her wissen wir, dass mit dem ersten Seufzer auf dieser Erde der Alterungsvorgang beginnt. Jedoch sind diese ersten Jahre mit Entwicklung und Wachstum verbunden. „Altern“ hat hier noch keinen negativen Beigeschmack und wird meist auch eher als „Geburtstag haben“ oder „älter werden“ – voller Vorfreude – tituliert. Tja, und das Altern? Ich erinnere mich, dass die Grenze von 29 zu 30 Lebensjahren ein durchaus diskutierter Schwellenwert war. „Ü-30-Parties“ hatten zwar noch nicht den bösen Rufnamen „Gammelfleichparty“, aber irgend etwas wurde anders. Und gerade die Damenwelt steckte häufiger besorgt die Köpfe zusammen. So meine Erinnerung. Bei den nächsten Zehnergrenzen, also der 40 und der 50, gab es keine großen Diskussionen. Das kann natürlich auch daran liegen, dass der Austausch von jungen Erwachsenen untereinander offener gehandhabt wird als jener von Menschen, die „mitten im Leben“ stehen. Wer weiß? Die ersten körperlichen Malaisen, die nicht kamen, um wieder weggeheilt zu werden, sondern die sich offensichtlich auf Dauer einnisten wollten, sind für viele der Knackepunkt, an dem der Gedanke nach vorne den Subton der Begrenztheit mit sich führt. Auch dies mag nicht jedem so gehen. Mancher hat mit Anfang 30 bereits ausufernde Geheimratsecken, die ihm Sorgen bereiten. Andere ärgern sich erst mit Mitte 65, dass sie bei ihrer Standardjoggingrunde immer öfter ihre Sollzeit überschreiten. Es ist also verflucht (oder glücklichst?) individuell, wann den einen oder die andere das Gefühl zu altern, anweht.

Die Alterungswelle?

Die Alterungswelle mit 34? Ein bisschen übertrieben, oder?

In der aktuellen Ausgabe von aponet wird von einer Untersuchung an der kalifornischen Stanford-Universität berichtet. Forscher erkennen angesichts der Blutzusammensetzung bzw. deren Änderungen (Zusammensetzung verschiedener Eiweiße) drei Alterswellen: mit 34, 60 und 78 – so die Studie – ändert sich die Blutzusammensetzung deutlich dramatischer als in den dazwischenliegenden Jahren. Ob dieser Befund kulturneutral und repräsentativ ist? Und wenn ja, finden sich diese Altersgrenzen auch als Gemütswandelschwellen im Bewußtsein des Einzelnen wieder? Vielleicht kann man es ja als Hausaufgabe betrachten, ob und was sich in der Selbstwahrnehmung beim Erreichen des jeweiligen Kippunktes ändert. Ich teile zumindest die Erkenntnis, dass Altern oder besser: das Gefühl gealtert zu sein, kein kontinuierlicher Prozess, sondern eher eine Schub- oder Wellenbewegung darstellt.

Eine Demenz-Geschichte aus der Angehörigenperspektive

Eine Demenz-Geschichte aus der Angehörigenperspektive

Geschichten aus der Betroffenheitsperspektive haben den Vorteil, dass man im glücklichen Fall als Leser den Eindruck gewinnen kann, teilnehmender Beobachter an einer schicksalhaften Entwicklung zu sein. Der diese Haltung begleitende Distanzmangel zum Geschehen behagt allerdings nicht jedem Leser. Andererseits bleibt die Frage offen, in wieweit das jeweilige Leben bzw. sein Krankheitsbild nun tatsächlich “repräsentativ” genannt werden kann.

Der private Blick ins Demenzchaos

In diesem Buch lernen wir anhand der Krankheitsentwicklung der Autorenmutter Clara Wolff eine spezifische Art von Demenz kennen, die Lewy-Körper-Demenz. Ja, es gibt nicht nur die Alzheimer-Demenz, sondern neben der genannten noch eine weitere Erscheinungsform, deren Nachweis offensichtlich nicht ganz so einfach ist wie bei der Mehrheitsdemenzform Alzheimer. Der frustrierende Besuch des Autors mit seiner Mutter bei mehreren Ärzten und Klinken macht dem Leser deutlich, dass selbst die sogenannten Fachleute vielfach mit der Diagnose dieser besonderen Spielart der Krankheit zumindest anfänglich überfordert sind. Wobei die wahrnehmbaren Fehlfunktionen der “Heldin” sich – zumindest für den Laien – nicht von üblichen Demenz-Geschichten unterscheiden. Diese ist tragisch und traurig, auch wenn der Autor einige komische Aspekte und Begebenheiten mit besonders liebendem Blick erzählt. Der Weg vom gelegentlichen Vergessen, über die Desorientierung in den eigenen vier Wänden, die nächtlichen Ausflüge ins nichts, die schamvoll erfundenen Begründungen für seltsames Verhalten bis zum fast totalen Verschwinden der geliebten Person in einem unzugänglichen Paralleluniversum, in dem nur noch die Königin ohne Land regiert, entsprechen dem, was man landläufig über Demenz und ihre Entwicklung weiß. Für jene, die sich das erste Mal mit dem Thema beschäftigen, mag diese Entwicklungsgeschichte erschreckend, ja niederschmetternd sein, weil der Prozess zwar seine Pausen einlegt, aber der Weg ins totale Vergessen keinen Richtungswechsel kennt. Eine Persönlichkeit verschwindet. Der allgemeine Kenntnisstand zum Thema Demenz wird hier aber nicht erweitert. Die schlecht aufgelösten Schwarz-Weiß-Bilder, die scheinbar willkürlich in den Text eingesprenkelt sind, verwirren eher als dass sie für grössere Anschauung sorgten. Das muss man dem Verlag anlasten. Aber gegenüber einer trockenen Statistik oder einem schlichten Phasenmodell zeichnet sich diese Demenz-Biographie durch den leidenden Blick des Angehörigen aus. Wobei mir eine literarisch aufgearbeitete Fassung wie Martin Suters Small world bewegender erscheint.
Peter Wolff: Frau Wolff wird wunderlich. Ernst Reinhardt Verlag, München 2019.

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