Nachdenken über das Alter

Nachdenken über das Alter

Wenn man mal ehrlich ist: der Tod ist das einzig Gewisse im Alter. Um ihn auf Distanz zu halten, sind ganze Industrien in Sachen Ernährung, Bewegung und Bespaßung für uns tätig. Und sie haben Erfolg: der „dessen Name nicht genannt werden darf“, der Tod, bleibt tabuisiert. Sein finaler Auftritt ist sicher. Unabänderlich.Was soll man dann noch darüber reden? Nur wenigen fällt da noch etwas zu ein. Wer sein individuelles Verdrängungsprogramm mal kurz aussetzen will, um wenigstens ein paar schwerer wiegende Gedanken zum Ableben zu überdenken, dem kann ich nur Odeo Marquards Büchlein ans Herz legen.Der frühere Chef der deutschen Universitätsphilosophie ist – leider auch er – vor ein paar Jahren verstorben. Der Reclam Verlag – bei dem Marquard bevorzugt publizierte – hat eine verdienstvolle Auswahl seiner altersbezogenen Texte mit einem sehr persönlichen Interview angereichert. Aus meiner Sicht eine der best denkbaren Pausen im Verdrängungsdauerlauf.

Brutal gegen das Altern

Brutalismo ist ein Begriff, der Teile der unter dem Faschismus entstandenen Architektur – vor allem in Italien – zusammenfaßt. Mir fiel dieser Begriff ein, als ich in der FAZ einen Artikel über die Bemühungen im Silicon Valley las, dem Alter ans Genick zu gehen. Es klingt nach der gleichen naturwissenschaftlichen Begeisterung, mit der die Kernfusion studiert oder Furunkelmedikamentierung evaluiert wird. Bin ich einfach zu sensibel? Wollen nicht alle/die meisten/viele das Alter und den Tod in weitest möglicher Distanz halten? Dennoch überkam mich ein gewisser Schauer als ich vom Einfrieren jugendlicher Stammzellen las, die im Alter (wo die körpereigenen weniger multifunktional und ohnehin seltener vorkommen) den mehr oder minder hinfälligen Körper wieder mit eigener Jugend verjüngen sollen. So eine Art Eigenblutdoping in neuer Qualität. Damit würde das Altern zu einer Art alternativem Sportwettkampf. Nun, auch die Wahrheit hierzu mag im Auge des Betrachters liegen. Ein anderes im Valley beheimatetes Unternehmen mit dem vielversprechenden Namen Ambrosia bietet älteren Menschen Blutspenden von Jugendlichen und Jungerwachsenen zum Preis einiger tausend Dollar an. Wollen wir das als Anregung aufnehmen? Aber lesen Sie selbst.

Abgang der Vorbilder

Ein Symptom des Älterwerdens ist völlig frei von der Entwicklung der eigenen Person: der Tod von anderen Menschen. Erst sind es die Eltern, dann die Vorbilder und zum Ende hin geht man selbst so häufig auf Beerdigungen wie früher auf Hochzeiten. Die Freunde und Bekannte sterben einem weg.

Bei mir sind augenblicklich die Vorbilder dran. Da war Ende Januar 2015 Richard von Weizsäcker, der mir mit seiner Rede zum 40. Jahrestag der Beendigung des Krieges in Europa und der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft (bisschen weniger Titel hätte es auch getan) die Scham, Deutscher zu sein, zu einem guten Stück genommen hat. Dann folgte im Februar diesen Jahres Roger Willemsen. In seinen Literaturseminaren war er nicht nur selbst entflammt, sondern schaffte es, Erkenntniswille und Enthusiasmus an viele seiner Studenten weiterzureichen. Trotz späterer Dissonanzen habe ich in ihm immer ein intellektuelles Vorbild gesehen. Gerade auch in der Vielfalt seiner Interessen. Seine Jazzkolumnen im Merkheft des 2001Verlags gehörten dazu.

Und nun hat uns, in jedem Fall mich, Wolfram Siebeck verlassen. Über ein gutes Jahrzehnt hinweg verfolgte ich in der ZEIT vor allem seine Rezeptpoesie. Natürlich waren es Rezepte, die Meilen über der lieblosen Küche meines Elternhauses standen. Aber es waren auch Ausflüge in andere, entbiederte Welten: bei manchen Rezepttipps meinte ich zwischen Lavendelbüschen in der Provence zu wandeln. Und dass das Kochen nicht primär lästige Arbeit sein muss, sondern kreatives Schaffen zur Glücksvermehrung auf Erden, auch dies Wissen verdanke ich dem augenzwinkernden Siebeck. Die Leichtigkeit, mit der er das Glas Weißwein besprach, das für ihn ein katalytischer Begleiter beim Schneiden, Putzen und Abschmecken war, gab dem ganzen Procedere einen nonchalanten Hauch. Kochen als Wohlfühlen, nicht als Zwangsarbeit.

Alle haben etwas in mir verändert, mich bereichert. Ich vermisse sie.