Elke Heidenreich: Altern

Elke Heidenreich: Altern

…oder aus ihrem Zitatenschatz: „Die Kunst besteht darin, jung zu sterben, das aber so spät wie möglich.“ (Reinhard Wandtner).

Vielleicht ist auch dies Zitat, das in leicht verwandelter Form seit jeher das Leitmotiv dieses Blogs bildet, der Grund für die folgende, etwas überschwängliche Rezension…
Schon auf dem Titelbild zeigt sich: es geht hier um die Fülle des Lebens. Das Alter ist für die Autorin kein grauer Wartesaal, in dem man ergeben verweilt, bis Charon einen mit seinem Boot ins Reich der Toten übersetzt.

Titelbild mit Blumen

Zwischen Schlangen und Blumen: das Altern

Das Alter ist auch nicht nur eine Zeit der Erinnerungsübungen an das süße Früher. Nein, Elke Heidenreich schreibt eine Art Bilanz, ungeschönt, getrieben vom Drang, sich nochmal darüber klar zu werden, was es war, das eigene Leben. Und was es für die nächste Zeit sein könnte. Klar, dass Sie als erfolgreiche Autorin und Kritikerin ihr Leben nicht ohne Unterstützung der Literatur befragt.

Hilfe, starke Hilfe findet sie bei den Autoren/innen, die sich heutzutage, in zurückliegenden Jahrzehnten oder vor 2000 Jahren mit Altern und Tod beschäftigt haben. Natalia Ginzburg, Truman Capote, Marguerite Duras, Cicero, Goethe usw. So kommen wir in den Genuss, quasi nebenbei zu erfahren, was große Denker und Schreiberinnen über Alter und Tod dachten (Die Reihe der Zitierten ist erheblich länger als oben angedeutet). Neben Heidenreichs eigenen Gedanken lesen wir auch Dialoge zwischen ihr und den vielen klugen Bewohnern ihrer Bücherwände. Mal mit Zustimmung, mal mit Widerrede, mal mit „kann man so sehen.“

Schon nach wenigen Seiten kann man festhalten:

  1. Sie betrachtet das Alter nicht als zu versteckende Lebensetappe, sondern als einen Abschnitt mit Vor- und Nachteilen unter den anderen, die unser Leben zu einem Ganzen fügen. Allerdings überwiegen für sie im Alter die Vorteile.
  2. Sie hält vom momentanen Selbstoptimierungswahn genauso wenig wie von den Ich-kann-mit-meinem-Alter-nicht-umgehen-Leuten. Diese sind hier ihr Lieblingsfeindbild.

Ob Botox-Adepten oder Ernährungsasketen: alle bekommen in diesem Buch auf höchst amüsante Weise den Marsch geblasen. Das geht dann bei ihr so: „Ich finde die alten, ja: die vom Leben verwüsteten Gesichter von Jeanne Moreau oder Louise Bourgeois wunderschön, sie erzählen von prall gefülltem Leben sehr viel mehr als die Gesichter von Frauen mit prall gefüllten Botoxwangen.“

So wunderbar treffende (auch bösartige) Formulierungen finden sich alle paar Seiten, so über den gealterten Popstar Madonna Louise Ciccone: „Madonna zum Beispiel sieht jetzt aus wie irgendwas an Halloween!“ Auch Kim Kardashian und die Geissens, aus dem Privat-TV, bekommen ihr Fett weg.

Natürlich gibt es dann auch Belege gegen den herrschenden Selbstoptimierungswahn. So zitiert die Autorin Keith Richards (Rolling Stones) mit den Worten: „Ein Mittag- oder Abendessen ohne ein Glas Wein ist lächerlich.“ Und nickt zufrieden dazu: „Sag ich doch.“

Ihre Dynamik ist wohl dafür verantwortlich, dass das Leben ihr jüngere Partner und jüngere Freundinnen an die Seite stellt. 80 Jahre ist sie laut Pass. Aber wie HIER beschrieben, kann das subjektive Alter abweichen. Elke Heidenreich erscheint entschieden jünger. Ihrer eigenen Wahrnehmung nach sogar glatte 20 Jahre. Als Zuschauer ihrer SPIEGEL-Buchrezensionen oder als Leser hat man den Eindruck: sie hat vielleicht recht.

Vorteile hin, Vorteile her, Heidenreich betreibt keine Heroisierung des Alters. Sie verhandelt Liebeskummer, Altersdiskriminierung und teilweise Verzweiflung an der Digitalisierung von fast allem; hier der Unmöglichkeit eine Museumskarte ohne Handy zu ergattern. Womit sie jedoch gar nichts anzufangen weiß, ist den letzte Lebensabschnitt auf der Parkbank oder dem Ruhekissen zu verbringen. Jenen, die nach Einstieg in Rente und Pension vom Nichtstun träumen, hält sie entgegen: „Nichtstun macht nur Sinn als Gegensatz von Tun. Wenn ich nichts mehr tue, wozu bin ich dann noch da?“ Hier kann man einwerfen, dass nicht alle mit einem so befriedigenden Job wie den einer erfolgreichen Schriftstellerin gesegnet sind. Aber man könnte sich ja auch jetzt – nach dem Ende der Lohnarbeitszeit – einer neuen, einen mehr begeisternden Aufgabe widmen. Ich glaube, zu diesem Gedanken würde die Autorin durchaus gnädig nicken.

In Summe zeigt sich Elke Heidenreich in diesem Buch als großartige Mutmacherin. Sie ist 80 Jahre. Sie weiß, wovon sie spricht, aber sie schreibt im Geiste Martin Luthers (den sie nicht zitiert), der gesagt haben soll: „Wenn ich wüsste, dass morgen die Welt unterginge, würde ich heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen“.

Gerade in unserer nölig-miesepetrigen Zeit kann man ihre folgenden Zeilen als Aufruf lesen, sich mal ein bisschen zusammenzureißen: „In einem Land zu leben, das fast während meines gesamten Lebens vom Krieg verschont war, auch das ist Glück. Ein großes, das größte Glück.“

Sollte Elke Heidenreich an den Punkt gelangen, über ihre eigene Grabsteinaufschrift nachzudenken, könnte sie sich bei Henry Beyle, alias Stendhal, bedienen: visse, scrisse, amasse; also: ich lebte, ich liebte, ich schrieb. Es würde zu ihr passen.

Ich verspreche Ihnen: die Lektüre dieses Buches wird Sie bereichern. Sie werden sich weitere Werke leihen oder kaufen, die sich auf den Bücherregalen von Elke Heidenreich finden. Ich bin mir dessen sicher!

Elke Heidenreich: Altern
Hanser Berlin, 2024
20,00 €

 

Leben in einer Alten-Wohngemeinschaft?

Leben in einer Alten-Wohngemeinschaft?

Monika Maron hat ein Buch mit dem Titel „Das Haus“ geschrieben. Auf dem Titelblatt steht: Roman. Ich habe es eher als Elegie des Alterns gelesen. Eine Story mit Höhepunkten und unerwarteten Kippmomenten – also romanhafte Inhalte – sind nicht zu finden. Das spricht nicht gegen das Werk.
Durch eine Erbschaft kommt eine Berlinerin in den Besitz eines großen Landhauses im Brandenburgischen. Die Dorfbevölkerung des fiktionalen Ortes Bossin spricht gar von einem Schloss. Hier findet sich bald eine Gemeinschaft von engen und nicht so engen Freundinnen und Freunden/Partnern aus Berlin zusammen, um…, ja um was? Der brausenden Großstadt zu entfliehen? Die missliche Wohnsituation in Berlin durch ein gediegenes Heim in der Provinz zu ersetzen? Die Anfälle von Einsamkeit durch ein nahes, aber nicht zu nahes Miteinander mit Freunden und Bekannten zu ersetzen? Diese und andere Motivationslagen führen zur Gründung der Alten-WG. Man raucht, kocht, isst, geht Spazieren und redet miteinander. Die Fragen, wie lange man es in dieser sich durch nichts auszeichnenden Landschaft aushält oder ob und wie man mit der fast gänzlich anonym bleibenden Dorfgemeinschaft verkehrt, treten bald in den Hintergrund. Monika Maron zeigt die Akteure mit all dem Ballast, den sie aus ihrem bislang gelebten Leben mit nach Bossin mitbringen: Hadern mit vermeintlich oder wirklich falschen Lebensentscheidungen, Konsequenzen aus früheren Bindungen, die schwebende Frage, ob es vielleicht der letzte Umzug im Leben gewesen sein könnte und die Angst vor dem womöglich nahen Ende. Diese Fragen und Dialoge um Krankheit, verlorene Energien und Versuche – trotz allem -, auch diesem Lebensabschnitt noch etwas Versöhnliches abzugewinnen, prägen den Moll-Ton der Gespräche. Darüber liegt eine Schicht des üblichen Klein-Kleins, das das Zusammenleben unterschiedlicher Charaktere in einem Haus – altersunabhängig – beschäftigt: Wo darf man rauchen? Darf ein Hund ins Haus? Sind private Feste mit Anwesenheit der auswärtigen Restfamilie statthaft? Muss man sich abmelden, wenn man nach Berlin fährt? Banal? Ja, so banal wie das Leben in weiten Bereichen eben auch.
Falls Sie mit dem Gedanken einer Alten-WG auf dem Land spielen – dort könnte man es sich ja tatsächlich noch leisten -, schauen Sie zuvor in Monika Marons Handreichung.

Bucheinband

Das Reh spielt nur eine Nebenrolle

Monika Maron: Das Haus
Hoffmann und Campe Verlag
Hamburg 2023
235 Seiten, 25 €

Schlafen Sie gut!

Schlafen Sie gut!

Was sich nach freundlicher Floskel anhört, ist eigentlich ein lebensverlängernder Rat.

So haben US-Forscher Daten zum Schlafverhalten von über 170.000 Menschen zwischen 2013 und 2018 ausgewertet. Nachzulesen ist diese Studie auf dem Fachportal Science Daily.

Das Ergebnis zeigt, dass eine hohe Schlafqualität bei Männern zu 4,7 Jahren, bei Frauen zu 2,3 Jahren längerer Lebenszeit führt. Schlechte Begleiterscheinungen, (zumindest gesundheitspolitisch so zu sehen) wie Rauchen, Alkoholkonsum, niedriger sozio-ökonomischer Status und andere Erkrankungen, wurden mitberücksichtigt. Ob diese Zahlen wirklich belastbar sind? Eigentlich egal, denn guter Schlaf ist ja schon ein Selbstwert. Sollte er tatsächlich lebensverlängernd wirken, wäre es einfach schön. Die amerikanischen Wissenschaftler benennen fünf Kriterien für jemanden, der meint, er habe einen „guten Schlaf“:

  • Schlafdauer von sieben bis acht Stunden
  • Schlafstörungen höchstens zweimal pro Woche
  • Schwierigkeiten beim Einschlafen nicht mehr als zweimal pro Woche
  • Kein Gebrauch von Schlafmitteln
  • Nach dem Aufwachen fühlt man sich an mindestens fünf Tagen in der Woche gut ausgeruht
Zerwühltes Bett

Ob das guter Schlaf ist?                                                         Quelle: Foto von Isabella Fischer auf Unsplash

Sind diese fünf Faktoren gegeben, verringern sie das Risiko, an Krebs oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen zu sterben, ganz erheblich (um 30% und 21%). Frank Qian, Co-Autor der Studie, kommt zu der Schlussfolgerung: „Wenn wir Schlaf insgesamt verbessern können, wofür das Erkennen von Schlafstörungen besonders wichtig ist, können wir frühzeitige Sterblichkeit vielleicht zum Teil verhindern.“
Es lohnt sich also, an erfüllten, nicht übervollen Tagen zu arbeiten. Denn sie sind wohl der beste Garant für gesunden Schlaf.

Quelle: www.24vita.de

Neues aus Untererde

Neues aus Untererde

Innovation in der Grablegung

Auch wenn in Deutschland das jeweilige Bestattungswesen durch die Bundesländer bestimmt wird, kennen wir alle die üblichen Bestattungsarten: die Erdbestattung im Sarg oder die Feuerbestattung in der Urne mit anschließender Beisetzung auf dem Friedhof. Letzteres ist nicht in allen Bundesländern Pflicht. In Bremen beispielsweise kann man sich die Urne des geliebten Verblichenen auch auf den Fernseher stellen. Als Exotica gibt es noch die Seebestattung. Hier werden die sterblichen Überreste nach dem Weg durchs Krematorium dem Wasser anvertraut.
Das Ganze läuft ökonomisch nicht zum Schaden der Bestatter ab. Und es gibt wohl kaum einen Wirtschaftszweig in unserem Lande, der sich durch so wenig Bewegung oder auch Innovation auszeichnet. Am Ende bleibt halt alles wie es war.
Nun schickt sich aber ein neuer Player an, den Markt abzuräumen. „Ab 2023 werden wir sukzessive in Deutschland die Reerdigung anbieten können“. Der Titel „Reerdigung“ wirft das schöne Kreislaufmoment (Staub zu Staub) – bekannt aus Religion und ökologischem Mainstream – neu auf. Wobei auch bei den noch üblichen Methoden unsere Reste letztlich nach ein paar Jahren im Grab oder direkt mit der Urnenabfüllung substantiell wieder sehr erdähnlich werden.

Fläche mit Erde

Herkunft und Zukunft: Erde                                                                                                                                                      Bild von Markus Baumeler auf Pixabay

Aber bei der Reerdigung passiert die Umwandlung ganz ohne Feuereinfluss und störende Behältnisse wie Sarg oder Urne. Eben nachhaltig. Die Rede ist von einem Kokon, in dem der Leichnam für 40 Tage „geborgen“ wird. Es folgt eine natürliche Umwandlung durch Mikroorganismen und dann, wie durch Zauberhand, ist „weiche, fruchtbare Erde“ aus uns entstanden. Allein, meine Resterinnerungen an den Chemieunterricht nehmen mir hier den rechten Glauben: um menschliche Knochen in kurzer Zeit erdähnlich werden zu lassen, muss man schon tief in den Chemikalienschrank greifen. Vielleicht geht das auch mit Schredder und Walze, aber auch dies ist nicht so ökologisch wie sich das ganze Kreismodell gerne vorstellt. Eigentlich. Es gibt also in diesem Kreislaufmodell eine Leerstelle, für die man wohl besser um Aufklärung bitten sollte. Abgesehen davon ist vielleicht auch nicht jeder von diesem Komposthaufenmodell begeistert.
Was die Kosten angeht, so ist vom marktüblichen Aufwand zu lesen. Wobei allerdings auch eine rechtzeitige Versicherung – der Anbieter ist gleich von der Website aus kontaktierbar – das Ganze womöglich noch angenehmer macht.
Ich vermute, dass es auf deutschen Friedhöfen und in den Amtsstuben der Beerdigungsinstitute in den kommenden Jahren etwas aufgeregter zugehen wird als bislang. Innovatoren haben es nie leicht. Erst recht nicht, wenn sie auf kartellartige Strukturen stoßen. Insofern lohnt es sich bestimmt, den Webauftritt der circulum vitae GmbH zu besuchen und vielleicht einmal Fachleute aus dem Bestattungswesen auf den neuen Marktteilnehmer anzusprechen. Interessant ist das bestimmt.

Gespräch mit einer Trauerrednerin, Teil 2

Gespräch mit einer Trauerrednerin, Teil 2

DG: Das ist schön, liebe Frau Arndt, dass Sie sich nochmals die Zeit nehmen konnten, mir ein paar weitergehende, eher pragmatische Fragen zu Ihrer Berufsausübung zu beantworten. Machen wir also gleich weiter:

Etwas hat das Zimmer nach draussen verlassen

Symbol für das Entschwinden eines geliebten Menschen

DG: Den zuständigen örtlichen Pastor kann ich ja schnell ermitteln. Wie aber kann ich mit Ihnen Kontakt aufnehmen?

UA: Die meisten Trauerredner/innen arbeiten selbstständig und sind mit ihren Websites im Internet leicht zu finden. Viele von uns kooperieren eng mit einigen Bestattern und werden über diese den Angehörigen empfohlen. Wer sich also noch nicht an ein Beerdigungsunternehmen gewandt hat, kann jederzeit eines anrufen, das ihm/ihr zusagt und vertrauenswürdig erscheint, und dieses um eine Empfehlung bitten. Wichtig ist das Gefühl, dass die Chemie stimmt. Wenn das nicht der Fall ist, unbedingt die Dienstleisterin, also mich oder das Institut, wechseln, auch wenn der Kontakt schon fortgeschritten sein sollte. Niemandem ist geholfen, in dieser sehr wichtigen Lebens- und Übergangssituation nur etwas aushalten zu müssen und sich nicht gut versorgt zu fühlen.

DG: Mit welchem Hauptanliegen wenden sich die Angehörigen an Sie?

UA: Sie möchten, dass die Individualität der/des Verstorbenen aufleuchtet und die Erinnerungen an gemeinsame Zeiten geweckt werden und diese sie im Moment des Zuhörens trösten. Sie fühlen, dass sie sich weiterhin verbunden fühlen und dies ein natürliches Bedürfnis ist, das sie sich nicht abschneiden müssen. Sie möchten lachen, traurig sein, den Abschiedsschmerz fühlen und sich in Gemeinschaft wissen. All diese Momente spreche ich in meiner Rede an, all diese Bedürfnisse haben Platz. Sie möchten nicht – wie bei vielen konservativen und konfessionellen Bestattungen – mit der Enttäuschung nach Hause gehen, dass von der einzigartigen, geliebten Person gar nicht die Rede war, und sie stattdessen nur mit Bibelpassagen oder nichtssagenden Biografieabrissen bedacht wurden. Unsere Elterngeneration noch fühlte sich zwar nicht gesehen und ernst genommen, traute sich aber nicht, dies zu kritisieren. Das ist heute anders.

DG: Was muss ich als Kunde tun, wenn ich Sie engagiere? Worauf muss ich gefasst sein?

UA: Meine Praxis ist genau anders herum als im kirchlichen Kontext. Ich mache keinerlei Vorgaben, sondern biete Ihnen Zeit und Raum, mir all Ihre Wünsche, Ängste und Vorstellungen, auch ganz neue Ideen, mitzuteilen. In unserem Gespräch können Sie sich einfach nur erinnern, und wer in der Lage ist, sammelt zuvor ein bisschen Material, das beim Schreiben hilfreich sein könnte. Aber das pure Erzählen reicht völlig. Die französische Rabbinerin Delphine Horvilleur hat das Treffen mit den Angehörigen und die gemeinsame Vorbereitung der Trauerfeier als „heilige Augenblicke“ beschrieben – und genauso empfinde ich es auch.

DG: Wie sehen Sie sich selbst im Gespräch mit Ihren Kunden um Trauer und Abschied?

UA: Ich verstehe mich als eine Membran für die Trauernden, die von all ihren Erinnerungen, ihrem Abschiedsschmerz und ihren Hoffnungen bewegt wird und diese anschließend der gesamten Gemeinde in der Trauerfeier selbst zurückgeben darf. Ich erfinde ja nichts, um den Trauernden Neues zu erzählen. Es ist eher ein Übersetzen dessen, was sie gesagt haben, sodass sie es anders hören können. Den Angehörigen kommt der eigene Bericht zu Ohren, aber über eine andere Stimme, meine Stimme. Manchmal lassen sich danach die Leben der Verstorbenen in einem ganz anderen Licht betrachten, werden plötzlich verständlicher.

DG: Für die Begleitung durch einen Pastor bezahlte die Verstorbene ihre Kirchensteuer. Wieviel muss ich für eine Trauerrednerin einkalkulieren?

UA: Von Kolleginnen und aus dem Internet weiß ich, dass die Trauerrede zwischen 190 und 650 Euro netto betragen kann. Die Unterschiede ergeben sich durch die Region, in der Sie tätig sind, durch die Zusammenarbeit mit den Bestattungsinstituten und durch die Qualität beziehungsweise das jeweilige Alleinstellungsmerkmal der Rednerin.Meine Arbeitsweise und meine Ansprüche an die Textqualität sowie meine Aufgabe als Trauerbegleiterin (der ersten Schritte auf dem Trauerweg der Angehörigen) unterscheiden sich von denen der Kolleginnen. So ergibt sich ein anderer Zeitaufwand als der dort publizierte von einer Handvoll Stunden pro Auftrag. Was bedeutet, dass ich im Durchschnitt eher drei bis vier Handvoll Stunden für die Angehörigen und die Rede aufbringe.

DG: Wann sind Sie erreichbar, und wieviel Vorlauf brauchen Sie für Ihre Reden?

UA: Wie wir leider wissen: Der Tod hält sich nicht an Pläne und kennt keine Sonntage. Also sind wir fast durchgehend erreichbar, besonders wenn sich Menschen in Not und hilflos fühlen. Erste Informationen und Beruhigen stehen dann an erster Stelle. Ich möchte das Gefühl vermitteln: Von nun an ist da jemand, der mich zuversichtlich und vertrauenswürdig auf diesem neuen Weg begleitet und beschützt. Jemand, dem ich meine Familiengeschichte für diesen Moment in die Hände legen darf.

DG: Herzlichen Dank für das Gespräch!

Ute Arndt I Trauerreden und Trauerbegleitung I www.ute-arndt.de

Im Gespräch mit einer Trauerrednerin – Der Blick auf die letzte Zeremonie

Im Gespräch mit einer Trauerrednerin – Der Blick auf die letzte Zeremonie

Mit zunehmendem Alter ergibt sich bei den meisten Menschen auch eine mentale Einstellungsänderung bezüglich des eigenen Endes: das abstrakte Wissen, dass jede/r irgendwann stirbt, wird zur sicheren Erkenntnis, dass die verbleibenden Jahre immer weniger werden. Dies manchmal aufkommende Gefühl wird jedoch zumeist mit erhöhter Verdrängungsenergie zum Schweigen gebracht. Die bewusste Beschäftigung mit dem eigenen Tod findet in unserem Kulturkreis nur selten einen wirklichen Platz. Das Testament und dergleichen bilden einen Teil der möglichen Vorbereitung auf das eigene Ende. Die Pfarrer/innen der christlichen Gemeinschaften übernahmen seit Jahrhunderten zuallermeist den Part der letzten Worte zu den Verstorbenen. Aber nicht erst seit den Massenaustritten aus den Kirchen treten vermehrt nicht konfessionsgebundene Trauerredner/innen an ihre Stelle. Um einmal zu klären, was in ihrer Arbeit den Unterschied zu den Beerdigungen im kirchlichen Kontext ausmacht, habe ich ein Gespräch mit der Trauerrednerin Ute Arndt geführt.

Portrait Ute Arndt

Trauerrednerin Ute Arndt

DG.: Liebe Frau Arndt, warum entscheiden sich Menschen, Sie als weltliche Trauerrednerin zu engagieren – und nicht wie gewohnt eine Pastorin/einen Pastor?
UA: Auch die Angehörigen, die keiner (christlichen) Glaubensgemeinschaft angehören, möchten ihre Verstorbenen mit einer Trauerfeier verabschieden, in der sie mit Reden, Musik und Ritualen in einem würdigen Rahmen Abschied nehmen können. Ich als Rednerin darf aus dem Leben ihrer Lieben erzählen, mit Geschichten und Anekdoten die Lebensmelodie des/der Toten noch einmal erklingen lassen, eingebettet in Musik, Lyrik und weitere Beiträge der Angehörigen selbst.
Als Trauerrednerin moderiere ich die Feier und gestalte die gewünschten Rituale, die Momente der Trauer und der Erinnerung, die Beisetzung in der Erde, aber ebenso den Ausblick auf das Leben, das weitergeht. Auch die Aussegnung gehört zu meinen Aufgaben, wenn gewünscht. Sie kommt im Prinzip in all meinen Reden vor, denn wir alle haben das Bedürfnis, den Toten unseren Segen für ihre Reise ins Jenseits mitzugeben.

DG: Aber wer sich christliche Abschiede wünscht, ist doch von dem entsprechenden Pastor abhängig und muss sich den gegebenen Bräuchen anpassen, oder nicht?
UA: Auch die Pastorin/der Pastor führt vor der Feier ein Gespräch mit den Angehörigen, um etwas aus dem Leben der Verstorbenen zu erfahren. Ihre Gespräche dauern aber nicht so lange und sind weniger intensiv als meine Besuche bei den Angehörigen, was verständlich ist, denn deren Aufgaben sind vielfältig und deren Arbeitszeit ist nicht unendlich.
Meine Empfehlung: Engagieren Sie beide. Die Pastorinnen für die christlichen zeremoniellen Passagen, für die spirituelle Begleitung und das Aufgehobensein im Glauben, und mich als Trauerrednerin, die aus dem Leben der Toten, aber auch von der Liebe und den Beziehungen zu ihnen erzählt. So bereite ich ihnen ein sozusagen zweites Aufgehobensein in der gemeinsamen Erinnerung und dem nun stattfindenden Abschied. Trauerfeiern „im Duo“ bleiben unvergessen und in sehr guter Erinnerung, so meine Erfahrung.

DG: Kommen zu Ihnen nur Jüngere, die schon konfessionslos aufgewachsen sind?
UA: Nein, eher das Gegenteil. Zu meinen Kolleginnen, den sogenannten modernen oder alternativen Bestattungsinstituten, und uns Trauerrednerinnen kommen Menschen mit Lebenserfahrung – also in einem gewissen Alter –, die sehr bewusst ihre Trauer und ihre Beziehungen zu den Toten reflektieren. Menschen, die selbstfürsorglich handeln und wissen, dass das Zelebrieren von Lebensübergängen wichtig ist.
Es können aber auch junge Familien sein, die viel seelischen Beistand brauchen, wenn zum Beispiel der Ehemann oder eines der Kinder gestorben ist. Insofern stehe ich als Rednerin den Angehörigen auch auf ihren ersten Schritten des Trauerwegs zur Seite.
Alle Familien möchten einen würde- und liebevollen Abschied für ihre Toten und für die Lebenden, die Trauergemeinschaft. Sie wünschen sich, dass sie diesen Abschied als „schöne Trauerfeier“ erinnern werden, solange sie auf der Welt sind. Ein erster klitzekleiner Trost. Und sehr oft fällt genau dieser Begriff, wenn sie am Grab stehen, die Feier zu Ende ist und sie sich nicht trennen können.

DG: Frau Arndt, wie schaffen Sie es als Außenstehende über eine unbekannte Person so zu schreiben, dass die Zuhörer zufrieden sind?
UA: In dem Gespräch mit den Angehörigen, das mindestens drei Stunden (oder länger) dauert, sammele ich viele Geschichten aus dem Leben der Verstorbenen, und zwar so lange, bis ich eine innere Verbindung spüre. Nicht nur die Glücks- und Erfolgsstorys, auch Schwieriges, Konflikte und wackelige Beziehungen werden thematisiert – zum Glück, denn Menschen sind keine Heiligen. Die Geschichten, die ich in der Rede wiedergebe, vereinen das Gewesene, holen es in die Gegenwart und bauen eine Brücke in die Zukunft. Sie stärken das Band zwischen den Toten und den Lebenden. Sie beherbergen viele konkrete, sinnliche, emotionale Momente – und wecken oft die Sehnsucht nach: „Erzähl mir mehr …“ Im besten Fall gehen die Trauernden mit dem Gefühl nach Hause, es hat dort vorn eine enge Freundin mitgelitten, mitgeweint und mitgelacht – eine Person, die den verlorenen Menschen verstanden hat.

DG: Wenn ich eine Traueranzeige aufgebe, bekomme ich vor Veröffentlichung noch einen letzten Entwurf zur Freigabe. Wann geben Sie Ihre Trauerrede zur Freigabe an die Angehörigen?
UA: Gar nicht. 95 Prozent der Angehörigen schenken mir ihr Vertrauen und erleben die Rede auf der Feier, vorher nehmen sie sie nicht zur Kenntnis. Manchmal aber telefoniere ich mehrmals während des Schreibens und verifiziere Daten, Bezeichnungen, Namen und Abläufe von Ereignissen, wenn ich sie in der Rede aufgreife und Irritationen vermeiden möchte. Auf Wunsch bekommt aber jeder die Rede vorab zu lesen – und alle Veränderungswünsche werden erfüllt. Erinnerungen sind unser Besitz, und so gehört die Rede in meinem Selbstverständnis den Angehörigen.

DG: Sieht jetzt eine Trauerfeier mit Ihnen anders aus als eine konventionelle, von den Kirchen organisierte Beerdigung?
UA: Als soziale Wesen brauchen wir gerade in Übergangszeiten Rituale, mit denen die Seele einen Moment innehalten kann, das Vertrauen in das Leben nicht verliert; in denen all das nicht zu Sagende sich in einer symbolischen Handlung materialisiert. In wirklich gelebten Ritualen fühle ich mich mit dem Leben und der Gemeinschaft verbunden. In konfessionellen Trauerfeiern empfinden die Trauernden manches Mal die überlieferten Rituale als entleert, sie nicht repräsentierend. Wenn sie aber eingebettet sind in das persönliche Erleben aller Beteiligten, der Toten und der Trauernden, dann ermöglichen sie Transformation, das Integrieren der Verlusterfahrung und das kollektive Erleben. So sind auch die „neuen“ Trauerfeiern ein Ort, an dem ich gern Rituale einbinde wie das Kerzenritual, Beten, Mantrensingen, wie die Aussegnung, den Erdwurf, den Reisesegen – und alles andere, was gewünscht wird.

DG: Schönen Dank, liebe Frau Arndt, für Ihre Zeit. Wir werden das Gespräch gelegentlich weiterführen.
UA: Gerne.

_______________________________________

Wenn Sie selbst das Gespräch für sich weiterführen möchten:
Ute Arndt – Trauerreden und Trauerbegleitung
www.ute-arndt.de
mail@ute-arndt.de
Tel. 0173 255 355 1

Ute Arndt engagiert sich zusammen mit der Urnen-Künstlerin Ina Hattebier (www.andere-urnen.de) im Netzwerk Trauerkultur. Mit Workshops, Diskussionen und Death Cafés möchte es Mut machen, sich mit den Themen Sterben, Tod und Trauer zu beschäftigen und sich mit anderen darüber auszutauschen.
www.netzwerk-trauerkultur.de

WordPress Cookie Hinweis von Real Cookie Banner