21. September: Welt-Alzheimer-Tag

Was nach einem blöden Gag klingt, ist der Versuch Aufmerksamkeit zu erzeugen. Aufmerksamkeit für eine Krankheit von der einige Wissenschaftler meinen sie wäre schon heute – zumindest in England – die Krankheit mit den höchsten Folgekosten für die Volkswirtschaft. Die Dachorganisation der nationalen Alzheimer-Aktivitäten nutzt den Tag, um eine Vorschau zu veröffentlichen, die von einer Verdoppelung der heute ca. 36 Millionen Alzheimer-Kranken bis 2030 ausgeht. Bis 2050 soll sich diese Zahl sogar verdreifacht haben. Aber auch hier gilt: die Zukunft ist keine einfache Fortschreibung der Vergangenheit über die Gegenwart ins Unbekannte! Die steigende Lebenserwartung spricht für eine parallel dazu ansteigende Alzheimer-Kurve. Aber was bringt der medizinisch-pharmazeutische Fortschritt? Und wie weit werden sich die Erkenntnisse über die individuelle Vorsorge des Einzelnen gegen Alzheimer entwickeln bzw. in die Tat umgesetzt? Genügend Unbekannte, um sicherer Prognosen für gewagt zu halten. Aber die gebotene Aufmerksamkeit, die dieser Tag erregen will, sollte als willkommenes „Achtung-Schild“ verstanden werden.

„Wer stets übend sich bemüht…“

Eine weitere Bastion des Mythos vom nur noch „defizitären Alter“ ist gefallen! Auch alte Gehirne sind in der Lage, ihre kognitiven Leistungen zu verbessern. Bislang hiess es immer, dass man mit verschiedenen Arten des „Gehirn-Joggings“ bestenfalls spezielle Anforderungen wie z. B. Kreuzworträtselraten verbessern könne.  Diese Mär ist wohl zu einem guten Teil ein Vorurteilsprodukt (s. defizitäres Alter). Zum anderen waren die wissenschaftlichen Studien zum Thema bislang nicht in die Forschungstiefe (umfangreiche Aufgaben) und -Breite  (Probandenzahl und Zeitintensität) gegangen, die nun die „Cogito-Studie“ des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung für sich reklamieren darf. Die Forschungsteilnehmer mussten Aufgaben aus zwölf  kognitive Feldern bearbeiten.  Wahrnehmungsgeschwindigkeit, episodisches und Arbeitsgedächtnis wurden kontinuierlich gefordert. Die Aufgaben beschäftigten  verbales , numerisches und räumliches Denken der Probanten. Entscheidend war wohl auch die Dauer: 100 Tage Training! Und da man auf 100 Teilnehmer zurückgreifen konnte, liessen sich statistische Fragezeichen, die der Tagesform oder Sondereinflüssen geschuldet waren durch die relativ grosse Teilnehmerzahl erkennen und bereinigen. Die wissenschaftliche Erläuterung läuft leider nicht gerade Gefahl übermässig populär zu werden. Eine detailliertere, besser verständliche Darstellung des Settings, kann man hier nachlesen. Entscheidend wird aber sein, wie schnell sich diese Erkenntnis verbreitet und damit die einschägige Vorurteilslandschaft eingeebnet werden kann. Jedenfalls kann keiner mehr behaupten, sich zu bemühen „würde eh nichts bringen„!

Die Rentenmauer bröckelt

Im Sommer letzten Jahres fällte das Hamburger Arbeitsgericht ein Urteil, das vielleicht in die Geschichte eingeht: Ein Angestellter der Hamburger Hochbahn AG hatte gegen seine Zwangsverrentung mit 65 Jahren geklagt. Er hatte Spaß an der Arbeit und wollte einfach nicht so mir nichts dir nichts damit aufhören müssen. Aber der Arbeitsvertrag sah die automatische Vertragsbeendigung mit Vollendung des 65. Lebensjahres vor. Das Gericht gab dem Kläger unter Hinweis auf die implizite Altersdiskriminierung Recht und verklagte die Hochbahn auf Wiedereinstellung. Endgültig wird diese Causa wohl erst mit einem Entscheid des Europäischen Gerichtshofes entschieden. Aber die Zwangsverrentung wird kaum rehabilitiert werden können. Sie gehört zu einer Zeit, in der die Menschen am Ende ihres Arbeitslebens erschöpft, ausgelaugt und – ja, auch unproduktiv wurden. Aber für wen gilt das heute noch? Für wen erst wird das in 10 oder 20 Jahren noch gelten? Ich würde mich sehr freuen, wenn dieser Mann seine Arbeit, die ihm eben auch Spaß bereitet, wieder aufnehmen dürfte. Man muss nicht Großschauspieler, Maler oder Dirigent sein, um sich mit 65 Jahren nicht nach dem Rentenstillstand zu sehnen. Näheres zum Fall kann man u.a. in der aktuellen SPIEGEL-Ausgabe (Nr. 37) auf Seite 84 nachlesen.

Pflegenoten revisited

Seit einem Jahr ist in einem Feld, das immerhin für ein Prozent der Wertschöpfung im deutschen Bruttoinlandsprodukt steht, Licht am Ende der informativen Nacht erkennbar: der ambulanten und stationären Pflege!

Dieser Tage hatte ich Gelegenheit, im Kontext einer Konferenz den Stand der Diskussion aus Sicht des Gesamtverbandes der Krankenversicherungen einmal etwas näher beleuchtet zu bekommen. Es besteht offensichtlich Einigkeit, dass an der einen und anderen Stelle die Kriterien noch präziser fomuliert werden müssen, dass Sondersituationen entsprechend gewürdigt werden müssen, dass es aber keinen Weg zurück in die informationelle Unwissenheit des Verbrauchers geben darf. Bei jedem Spülmittel oder jeder Waschmaschiene liegen umfangreiche Test- und Kundenzufriedenheitsinformationen vor. Bis vor Kurzem aber mussten sich alte Menschen und ihre Angehörigen zum Thema Pflege auf ihre Intuition oder nachbarschaftlichen Rat verlassen. Vergleichende Informationen gab es nicht. Das hat sich nun dankenswerter Weise geändert. Näheres können Sie hier nachlesen. Natürlich hat sich manch Anbieter, der in der Erstbeurteilung schlecht weggekommen ist, in guter deutscher Manier gleich mal an die Gerichtsbarkeit gewendet. Aber immerhin: die angerufenen Landessozialgerichte haben in sieben von neun Fällen die Beschwerden der Pflegeanbieter zurückgewiesen. Das stärkt den Wunsch nach Transparenz auch in diesem Gebiet. Angeblich wollen nun zwei Verbände aus dem Pflegebereich aus dem Projekt aussteigen. Ein Unding! Und das, obwohl die durchschnittlichen Ergebnisse im stationären wie im ambulanten Pflegebereich durchaus Mut machen. Möge die „wissenschaftliche Evaluation zur Beurteilung der Pflegetransparenzvereinbarungen“ (es leben die Sprachmonster der Bürokratie!) schnell zu Potte kommen! Dann werden die Beurteilungsstandards noch ein bisschen treffender und gerechter. Und möge die interessierte Verbraucheröffentlichkeit nicht in ihrem Begehren nach Transparenz nachlassen! Auch die Pflege hat das Recht, im Informationszeitalter anzukommen.

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