Wie lange noch, Herr Wulff, wollen Sie unsere Geduld missbrauchen?

Ein thematischer Bruch: es geht heute nicht um interessante Seiten des Alterns. Es geht um Anstand, Würde und die Frage, was wir Bürger dem Amt und dem Amtsinhaber des Bundespräsidenten abverlangen wollen.

Ab Gustav Heinemann habe ich alle Präsidenten im Fernsehen erlebt. Mancher kam mir komisch vor, einige waren mir sympathischer als andere. Aber jeder von ihnen schien von der Würde des Amtes aufgerichtet und mein kleines Ich weit zu überragen. Ich spürte mehr als nur einen Altersabstand. Richard von Weizsäcker brachte mich manches Mal sogar zu moralischen Selbstbefragungen. Auch wenn ich häufiger ihre Ansichten nicht teilte, fiel es mir leicht, allen Bundespräsidenten Respekt zu zollen. Die medial vermittelten Persönlichkeiten im Amt schienen mir dies zu verdienen. Mit Horst Köhlers beleidigtem Rücktritt erstarb mein Respekt.

Christian Wulff war von Anfang an eine B-Besetzung. Ich vermute, dass auch das Herz der Kanzlerin für Joachim Gauck schlug. Aber das Machtdomino mit den CDU-Granden gebot die Aufstellung von Christian Wulff.

Auf unwürdige Startbedingungen folgte eine enttäuschende Wahl und ein enttäuschender Start: es war keine Elite, nicht einmal Parteielite, was da ins Schloss Bellevue zog. Es war Durchschnitt. Einer von uns. Einer, der auch mal auf dem Behindertenparkplatz hält, um den Lotterieschein abzugeben. Einer, der sein Ehrenwort mit gekreuzten Fingern hinter dem Rücken abgibt, einer, der seine Putzfrau nicht angemeldet hat, einer, der altersbedingt seine erste Ehe entsorgt. Einer wie wir. Im weiteren zeigte sich, dass er den meisten von uns im Filettieren der Wahrheit, im Nutzen von Schnäppchenangebote, im Verwechseln von Freundschaft und Netzwerk weit voraus ist.

Brauchen wir so einen Bundespräsidenten? Wenn wir mit Brecht feststellen, dass wir ein glückliches Volk sind, das keinen moralischen Führer braucht, dann sollten wir den moralischen Orientierungssimulanten Wulff samt Amt schnellstmöglich aufgeben. Wenn wir aber meinen, dass es gut wäre, zwischen den Verwerfungen der Globalisierung, den Fieberkrämpfen von Euroland und dem Innovationsdruck von Forschung und Demographie von Zeit zu Zeit ein kompetentes, unabhängiges und wohl bedachtes Wort zu hören, dann sollten wir Bürger der präsidiale Fehlbesetzung Wulff ein Ende machen. Schon der Chor in Sophokles´ Antigone wusste:

Ehrt des Landes Gesetz er und der Götter

Beschworenes Recht –

Hoch steht dann seine Stadt.  Stadtlos ist er,

der verwegen das Schändliche tut.

Christian Wulff hält sich an das Schändliche. Helfen wir ihm die nötigen Konsequenzen zu ziehen solange wir noch an die Bedeutung seines Amtes zu glauben vermögen!

Buchempfehlung

Wenn sich jemand tatsächlich sehr gründlich über die allermeisten Facetten dessen informieren möchte, was ich hier einmal „Neues Altern“ nennen möchte, dann kann man ihr oder ihm nur das neunbändige Werk Altern in Deutschland (Hg.: Jürgen Kocka und Ursula M. Staudinger) ganz nachhaltig ans Herz legen. Interdisziplinäre Forschergruppen haben alles Denkbare zum Thema zusammengetragen, um der Politik Handlungsempfehlungen geben zu können. Die Bände sind in der Hallensichen Reihe „Abhandlungen der Deutschen Akademie der Naturforscher Leopoldina“ 2009 erschienen und von der Wissenschaftlichen Verlagsgesellschaft zu Stuttgart veröffentlicht worden. Die Beiträge sind mehrheitlich trotz des wissenschaftlichen Herangehens gut lesbar und sensibilisieren einen für die ganze Breite von Handlungsfeldern, die mit  dem Thema in Kontakt stehen. Der neunte und letzte Band bildet die Quintessenz: Gewonnene Jahre – Empfehlungen der Akademiengruppe Altern in Deutschland. Wie schön wäre es, wenn die, die da zuhören und ableiten sollten, es auch tatsächlich täten…

Aber wenn  die zum Thema wohl inormierte Öffentlichkeit größer würde, wäre dies ja auch schon ein Gewinn. Die Erkenntnisbasis ist mit dieser Veröffentlichung jedenfalls gegeben!

Zitat des Tages

„Man wird ein Greis, wenn man sich zu nichts mehr verpflichtet fühlt.“

Max Frisch: Entwürfe zu einem dritten Tagebuch

Konsequenterweise müsste nun hier ein Lob der Selbstverpflichtung folgen.
Aber letztlich ist jeder seines Glückes, also seiner Verpflichtungen Schmied.

Tja, die Alten sind einfach nicht mehr brav

Tja, die Alten sind einfach nicht mehr brav

Die Zeiten, da im gediegenen Alter Anzüglichkeiten und politisch unkorrekte Späßchen gar nicht gingen, sind glücklicher Weise vorbei. Dass es mit der Jugend abwärts geht, ist ja nun  ein 3000 Jahre alter Topos. Und seit 3000 Jahren ist er falsch. Aber dass es mit den Alten immer langweiliger wurde, stimmte leider doch. Dies scheint sich aber nun auch langsam zu ändern. In summe: die Jungen sind nicht mehr ganz so aufmüpfig, die Alten nicht mehr ganz so bieder. Das erhöht die Chance, dass der Gesprächsfaden zwischen den Generationen nicht abreißt. Und davon haben ja eigentlich alle etwas.

opaimlab

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Alte denken voran

In allen Leitmedien ist heute eine Kritik der gestrigen Beckmann-Sendung zu lesen. Grund: Alt-Kanzler Helmut Schmidt (91) und der deutsch-amerikanische Historiker Fritz Stern (85) waren als Gäste im Studio. Dort, wo gemeinhin nur lauwarme Unterhaltungsbrühe serviert wird, gab es nun heisse Bewunderung für das barrierefreie Gespräch zweier Politintellektueller, denen von der Enkelgeneration höchstens…ja, wer eigentlich? das Wasser reichen könnte. Einerseits liesse sich nun trefflich über die Untiefen der Tagespolitik zwischen Westerwelle und Rüttgers lamentieren, aber man kann auch – themengemäß – „Chapeau“ sagen. Das Denken – soweit es nicht frühzeitig in einem Rentenkoma versenkt wird – ist auch im sehr hohen Alter zu einer Themen- und Anekdotenverschränkung fähig, die mit ihrer schieren Lust an Wissen und Argumentieren auch viel, viel Jüngere zu infiszieren vermag. Danke, Ihr Vorbilder!

Bitte ins Kino gehen – unbedingt!

Bitte ins Kino gehen – unbedingt!

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Zeichentrickfilme sind vor allem etwas für Kinder. Eine lieb gewonnene Erkenntnis, die bis vor einigen Jahren auch ihre Richtigkeit hatte. Bis sich die Disney-Studios der Unterstützung der Filmanimateure von Pixar versicherten. Schon bei „Findet Nemo“, „Ratatouille“  und „Wall-E“ – um nur drei frühere Produktionen zu nennen – waren viele der liebevollen Details nur Menschen mit größerer Lebenserfahrung als sie der scheinbare Kernzielgruppe der 5 bis 15jährigen gegeben ist, zugänglich.
Mit „Oben“ gehen die wunderbaren Pixarkünstler noch einen Schritt weiter: der Verlust des    Ehepartners und die Folgen soziale Vereinsamung bilden den in Moll gehaltenen Auftakt zu diesem großen Film. Natürlich gibt es bunte Gesichter und sogar eine beeindruckende 3D-Animation, aber die wahren Qualitäten dieses Streifens liegen in dem Mut, Altersprobleme und -herausforderungen unter der leuchtenden Firnis eines Animationsfilms zu thematisieren. Die Verknüpfung der fröhlichen, spannenden, von bunten und vielfältigen Charakteren bevölkerten Oberfläche mit der Tiefenschicht von Abschied, Neudefinition des eigenen Lebens oder der Kraft der Träume verdient den Titel „meisterlich“.
Das Skelett der Geschichte ist schnell erzählt: Nach dem Tod seiner Frau und einer längeren Trauerphase reist ein alter Mann – unfreiwillig begleitet von einem Pfadfinderjungen – mit seinem Haus zu den Traumbergen seiner Kindheit. Dort trifft er… (nein, das sage ich jetzt nicht, sonst habe ich zu viel verraten). Mit Intelligenz, Zähigkeit und wiedergewonnener Energie (Dauer-Fernsehkucken im Sessel macht eben schlapp) rettet er schließlich sich, den Jungen und zwei Tiere aus der Bredoullie. Nebenbei findet er so für sein Leben einen neuen Sinn durch die gewonnene Nähe zu dem Pfadfinderjungen. Soweit die Handlung. Aber der Tiefgang von Motiven, Details und Einstellungen entfaltet sich zwischen all diesem. Auch ein geübtes Cineastenauge wird beim ersten Mal kaum die Fülle dieses Filmlebens auskosten können. Man sollte nie aufhören anzufangen. Dieser Film lehrt, dass dies nicht nur für die Neudefinition der Zielgruppe von Animationsfilmen gilt.

Große Kunst kann Leben ändern – auch dieser Film!

Einen Trailer kann man hier ansehen.

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