05.09.2015 | Allgemein, Arbeitswelt, Demographie, Wohnen
Lassen wir mal alle moralischen Pros und Kontras zur Seite und blicken wir rational und mit volkswirtschaftlicher Brille auf das Geschehen.
Bei allem, was momentan an Überforderung, Streß, Fragezeichen und Unwohlsein mit dem gewaltigen Flüchtlingszuzug einhergeht, ist es hilfreich, den beklommenen Blick auf eine mittelfristige Zukunft zu richten: Dann werden die ersten Antrittsschwierigkeiten beseitigt sein und die deutsche Fähigkeit, Dinge gut zu organisieren, wird über das Chaos obsiegt haben. Viele Flüchtlinge haben mittlerweile passabel bis gut Deutsch gelernt, viele haben geholfen, die vor allem im Handwerk leerstehenden Ausbildungsplätze doch zu besetzen. Das heisst, dass die Anschubfinanzierung, die nötig war, um so viele Menschen unterzubringen, primär zu versorgen und mit Sprachkursen zu versehen, beginnt Zinsen zu tragen. Zehntausende zahlen nun zusätzlich in die deutschen Sozialsysteme ein und machen die Renten sicherer. Vor allem die gut ausgebildeten syrischen Flüchtlinge helfen, den Ärztenotstand auf dem flachen Land nachhaltig zu bekämpfen. Und viele, viele werden die Chance nutzen und sich in Pflegeberufen ausbilden lassen. Der Pflegenotstand, der, anders als der Ärztenotstand, schon heute auch in den Metropolen Leiden verursacht, kann reduziert werden. Die Bestellungen für japanische Pflegeroboter können wieder storniert werden. Die demographische Zwiebel der Nation hat am jüngeren Ende deutlich zugelegt.
Diese – vielleicht ein wenig optimistische – Zukunftssicht sollte gerade uns Älteren und Alten die Kraft geben, die Schwierigkeiten des Augenblicks als Herausforderung UND als Geschenk zu verstehen. Die viel zitierte Willkommenkultur wird sich im Fall der Realisierung auch für uns auszahlen.
29.04.2015 | Demographie, Migration, Wohlbefinden, Wohnen
Im Kontext Zuwanderer oder „Mitbürger mit Migrationshintergrund“ wie es im pc-Deutsch korrekt zu formulieren wäre beschäftigen wir uns vor allem mit Integrationsfragen. Weiterbildung und die Unverträglichkeit einiger kulturellen Prägungen mit unserer Verfassung sind weitere Themen. Aber dass auch Mehmet und Aisha irgendwann nicht mehr arbeiten können, – wie so viele – den Kontakt zur alten Heimat verloren haben und nun hier auf Pflege, Zuwendung und Unterstützung angewiesen sind, ist ein Randthema, das selten gestreift wird. Die Wirklichkeit ist auch hier bereits entschieden fortgeschritten. Ein sehr anschaulicher Bericht in der Schweizer NZZ macht dies sehr nachvollziehbar deutlich. Erstaunlicher Weise beschäftigt sich der Beitrag nur mit deutschen Altenwohngemeinschaften. Hamburg, Berlin und Duismug werden beispielhaft vorgestellt. Hat die Schweiz nicht das gleiche Problem? Egal, der Artikel bietet im besten Sinn Aufklärung zu einem noch im Schatten befindlichen Thema.
17.03.2015 | Allgemein, Arbeitswelt, Demographie, Pflege, Wohnen
Das Statistische Bundesamt stellt in der vergangenen Woche die neueste Pflegestatistik vor. Aus den vielen Zahlen scheinen einige besonders interessant: Die Zahl der Menschen, die in Pflegeheimen wohnen (764.000), ist langsamer gewachsen als die der ambulant Gepflegten (1.860.000). Und unter diesen ist wiederum der Anteil jener, die durch Familienangehörige versorgt werden, erneut überproportional gestiegen. Das heisst, dass die von vielen Alarmisten ausgerufene Verkühlung des sozialen Miteinanders zumindest an dieser Stelle nichts als eine Legende ist.
Interessant finde ichauch, dass bei den Pflegediensten 62% Teilzeitkräfte arbeiten. Was auch immer man ggen die noch nicht vollständige gesellschaftliche Anerkennung dieser Berufsgruppe sagen kann, zumindest erlaubt sie offensichtlich vielen eine familienfreundliche Arbeitsgestaltung. Schade, dass der Männeranteil nur 15% beträgt. Und dies angesichts der vielfach körperlich herausfordernden Arbeitsateile.
01.01.2015 | Allgemein, Demographie, Ernährung, Gesellschaft, Konsum, Sprache, Wohlbefinden
Das Altern der Gesellschaft ist das eine, anhand der Statistik leicht nachvollziehbare Faktum. Das andere, die Entjüngung des kollektiven Bewußtseins, ist nicht breitflächig erkennbar. Lediglich Indizien tauchen hier und dort auf und zeigen – bojengleich – die tieferliegenden Bewußtseinsveränderunen in der Gesellschaft an. Ein frisches Beispiel: in meiner Kindheit in Berlin gab es beim Bäcker noch Schusterjungs, Brötchen, die sich durch irgendeine Zutat oder Zuschnitt von den stadtüblichen Schrippen unterschieden. Ich glaube, sie sind mittlerweile mindestens genaus so selten geworden wie die namensgebenden Jungs, die bei einem Schuhmacher in die Lehre gehen.

Ein Bäckerbrötchen namens Oma und damit ein Indiz
Bei einem Bäcker in meiner Umgebung entdeckte ich vor kurzem Opa und Oma: zwei helle Brötchensorten, die sich lediglich durch ihre Größe unterscheiden. Eigentlich entdeckte ich sie nicht, sondern hörte sie zunächst. Eine Kundin vor mir bat um „drei Omas und einen Opa.“ Freundlich-selbstverständlich wurde ihr von der Bäckerin die Tüte gefüllt. Eigentlich war ich froh, nur zweimal Bienenstich bestellen zu wollen…
20.11.2014 | Allgemein, Demographie, Ernährung, Gesellschaft, Konsum, Rente, Wissenschaft, Wohlbefinden
Manchmal hat man den Eindruck, als wäre mittlerweile alles gesagt zum „Neuen Altern“: Bewegung, Einstellung, Kommunikation, Selbstbild, Mentales Training, Ernährung, Wohngemeinschaften usw. Kein Bereich, zu dem einen in der Buchhandlung nicht wenigstens ein halber Regalmeter Spezialliteratur auffordernd anblickt. Einerseits toll, wenn man bedenkt, dass vor 15 Jahren praktisch gar nichts Hilfreiches über die zweite Lebenshälfte angeboten wurde, auf der anderen Seite aber ermüdend, weil die Optionen so abundant geworden sind. Eine nette, hübsch aufgemachte Abwechslung kann man hier downloaden. Von allem ein bisschen einschliesslich einiger Selbsttests. Wer´s genauer wissen will, kann sich ja jederzeit in die Tiefen des Netzes oder die entsprechenden Regalmeter seiner Buchhandlung begeben…aber das mit Kürze und Würze ist oft gar nicht so falsch.
03.08.2014 | Allgemein, Arbeitswelt, Bildung, Demographie, Europa, Wissenschaft
Das Bundesministerium für Arbeit und Soziales hat vor der Sommerpause seinen 4. Fortschrittsreport zum o.g. Thema mit folgendem Untertitel geschmückt: „Lebenslanges Lernen und betriebliche Weiterbildung“.
Auf gut 50 Seiten werden einem viele – ja zu viele – Daten aus dem Kontext Altern, Arbeit, Weiterbildung, Renteneintritt serviert. Man kann sich Stunden damit beschäftigen, eine persönliche Bedeutungsessenz aus dem Datenkonvolut herauszufiltern. Aber in Summe stimmen die Daten optimistisch: Es bestätigt sich – zumindest für Deutschland – dass Weiterbildung für ältere Arbeitnehmer ein wichtiger Faktor für den längeren Verbleib im Unternehmen darstellt. Große Unternehmen haben dies mehrheitlich begriffen und bieten gezielt mehr Fachweiterbildung für ihre älteren Mitarbeiter an. KMU tun sich erfahrungsgemäss schwerer mit diesem Thema, können aber (wie Beispiele in der Publikation belegen) immer mehr auf Unterstützung durch Fachinstitutionen bauen.
Ein paar besonders sprechende Daten seien genannt: die Quote der Mitarbeiter zwischen 60 und 64 Jahren, die an betrieblichen Weiterbldungsmaßnahmen teilnahm, stieg von 2007 bis 2012 von 23,5% auf 35,3 %. Ein Teil wird der demographischen Gesamtlage zuzurechnen sein, aber es bleibt dennoch ein positiver Quantensprung übrig. (S. 22)
Im EU-Kontext können nur Schweden, Luxemburg und Dänemark eine höhere Weiterbildungsbeteiligung im Segment der 55 bis 64-Jährigen vorweisen. „Mitgliedstaaten mit einer überdurchschnittlichen Erwerbstätigenquote Älterer haben tendenziell auch eine hohe Weiterbildungsbeteiligung.“ (S. 26)
Die Arbeitslosenquote aller Erwerbstätigen sank von April 2013 zu April 2014 um o,3 %-Punkte; die der 55 bis 64-Jährigen sogar um 0,4 %! (S. 48)
Die Rentnerquote bei den 60-65-Jährigen lag im Jahre 2000 bei 61,8 %. Im Jahre 2012 war sie bis auf 40,3 % gefallen. Das umgekehrte Bild zeigt sich in der Erwerbstätigenquote.
Das sind viele Zahlen. Aber sie belegen doch, dass die Altersdiskriminierung im Arbeitsleben wahrnehmbar sinkt. Und das ist erfreulich!
Das nicht alle Spaß daran haben, länger zu arbeiten, ist klar. Aber ebenso klar ist, dass viele, die gerne länger gearbeitet hätten, dies altersbedingt nicht realisieren konnten. Die Trendumkehr auf diesem Feld ist glücklicher Weise nicht mehr negierbar. Wer sich im Hinblick auf sein Alter gemobbt fühlt, kann aus diesem Bericht womöglich Kraft zum Widerstand ziehen…