Durchsickern in den Alltag – von den Schusterjungs zu Oma und Opa

Durchsickern in den Alltag – von den Schusterjungs zu Oma und Opa

Das Altern der Gesellschaft ist das eine, anhand der Statistik leicht nachvollziehbare Faktum. Das andere, die Entjüngung des kollektiven Bewußtseins, ist nicht breitflächig erkennbar. Lediglich Indizien tauchen hier und dort auf und zeigen – bojengleich – die tieferliegenden Bewußtseinsveränderunen in der Gesellschaft an. Ein frisches Beispiel: in meiner Kindheit in Berlin gab es beim Bäcker noch Schusterjungs, Brötchen, die sich durch irgendeine Zutat oder Zuschnitt von den stadtüblichen Schrippen unterschieden. Ich glaube, sie sind mittlerweile mindestens genaus so selten geworden wie die namensgebenden Jungs, die bei einem Schuhmacher in die Lehre gehen.

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Ein Bäckerbrötchen namens Oma und damit ein Indiz

Bei einem Bäcker in meiner Umgebung entdeckte ich vor kurzem Opa und Oma: zwei helle Brötchensorten, die sich lediglich durch ihre Größe unterscheiden. Eigentlich entdeckte ich sie nicht, sondern hörte sie zunächst. Eine Kundin vor mir bat um „drei Omas und einen Opa.“ Freundlich-selbstverständlich wurde ihr von der Bäckerin die Tüte gefüllt. Eigentlich war ich froh, nur zweimal Bienenstich bestellen zu wollen…

Fast alles drin – aber kurz

Manchmal hat man den Eindruck, als wäre mittlerweile alles gesagt zum „Neuen Altern“: Bewegung, Einstellung, Kommunikation, Selbstbild, Mentales Training, Ernährung, Wohngemeinschaften usw. Kein Bereich, zu dem einen in der Buchhandlung nicht wenigstens ein halber Regalmeter Spezialliteratur  auffordernd anblickt. Einerseits toll, wenn man bedenkt, dass vor 15 Jahren praktisch gar nichts Hilfreiches über die zweite Lebenshälfte angeboten wurde, auf der anderen Seite aber ermüdend, weil die Optionen so abundant geworden sind. Eine nette, hübsch aufgemachte Abwechslung kann man hier downloaden. Von allem ein bisschen einschliesslich einiger Selbsttests. Wer´s genauer wissen will, kann sich ja jederzeit in die Tiefen des Netzes oder die entsprechenden Regalmeter seiner Buchhandlung begeben…aber das mit Kürze und Würze ist oft gar nicht so falsch.

Defizite in der Konsumentenpflege

Eine jüngst erschienene Studie macht deutlich, dass Senioren sich mit den Informationen auf Lebensmittelpackungen schwer tun. Kleine Schrift, rätselhafte Abkürzungen für die Ingredienzien und schwer auffindbares Haltbarkeitsdaten wurden hier explizit genannt. Vermutlich wurden keine Klagen über mangelnde Kleinpackungen zu Protokoll gegeben, da hiernach nicht gefragt wurde. Es wird noch ein Weilchen brauchen, bis der Einzelhandel sich gezielter der immer größer werdenden Seniorenklientel annimmt. Erste positive Zeichen sehe ich in der Anbringung von Leselupen an Einkaufwagen – zum Neispiel bei dem Drogisten DM. Aber hier gibt es wirklich noch viel Raum für Verbesserungen – die im Übrigen auch vielen jüngeren Konsumenten gelegen kommen sollten.

Rollator – ganzseitig beworben

Anfang 2008 wurde an dieser Stelle darauf hingewiesen, dass Tchibo sich mit einem ganzen Fenster der „Grundausstattung“ des vierten Lebensabschnittes gewidmet hatte. Nun zieht Aldi nach: zumindest bei Aldi-Nord wird es in der kommenden Woche Rollatoren, Duschhocker, Badewannensitze, orthopädische Drehkissen und Gehstöcke bzw. Greifarme zu Preisen geben, die den florierenden Fachhändlern das Wasser in die Augen treiben dürfte,. Tja, die Altersausstattungsnische scheint den Pflege- und Vitalhäusern genommen zu sein. Denn die Discounter-Komnkurrenz wird mit Sicherheit nachziehen. Aber, liebe Fachgeschäfte: Sie agieren in einem wachsenden Markt. Nur zwingt der Preiskampf jetzt zu weitergehenden Überlegungen hinsichtlich der Kundenorientierung. Was können Sie, was die Discounter nicht könen? Ich denk, das ist nach wie vor eine ganze Menge. Sorgen braucht man sich also nicht zu machen, auch wenn das hohe Alter mit seinen Einschränkungen nun offiziell großdiscounterfähig geworden ist.

„Es ist wichtig, noch bis ins hohe Alter etwas zu tun zu haben.“

„Es ist wichtig, noch bis ins hohe Alter etwas zu tun zu haben.“

Henning Scherf – ehenaliger Bürgmermeister Bremens – war einer der ersten, der den dempgraphischen Wandel öffentlichkeitswirksm angesprochen hat. Und: er zog frühzeitig mit seiner Frau und Freunden zu einer Alter-WG zusammen. Heute nichts Besonderes mehr, aber dass die Zwangslogik `wenn es zu Hause nicht geht, dann eben im Heim´ aufgebrochen wurde, ist auch Henning Scherfs Verdienst.

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Von ihm hat der Herder-Verlag nun ALTERSREISE herausgegeben. Scherf berichtet von seinen Reisen durch Deutschland: Wohngemeinschaften, Seniorenheime, Demenzprojekte, Stifte und vieles mehr. Es ist ein buntes Bild der späten Jahre, das er dem Leser vorstellt. Stets im Dialog mit seiner eigenen inneren Stimme bzw. der eigenen Verfaßtheit. Offen spricht er über Gewichtszunahme und schwindende Kräfte bei sich selbst. Dieser Wechsel zwischen Fremd-Beobachtetem und Beobachtungen an sich selber verleiht dem Buch einen sympathisch handfesten Charakter. Es geht Scherf nicht um statistische Wahrheiten, sondern um die richtigen Schlüsse aus dem Selbst-Erlebten. Dabei lässt er seine Beobachtungen nicht unkommentiert: er zeigt sich als pointierter Gegner von Heimunterbringung, plädiert für überschaubare Größen des Zusammenlebens und wehrt sich vehement gegen die (Selbst-)Zuschreibung älterer Bürger, „nichts mehr zu nutzen“. Die Würde des Menschen – egal in welcher Verfassung er sich befindet – ist Scherf entscheidend wichtig. Eine zweite Botschaft, die ich hier als Überschrift gewählt habe, entspricht den landläufigen Erkenntnissen der Gerontologie: etwas tun – und wenn es nur das angeleitete Schälen einer Möhre ist – ist immer bessesr als das Nichtstun. Denn dem Nichtstun folgt der Gedanke der Nutzlosigkeit und damit die potentielle Altersdepression auf dem Fuße.

Interaktivität für den interessierten Bürger

Interaktivität für den interessierten Bürger

 

Bundesministerium für Arbeit und Soziales (Link zur Startseite)

„Wenn´s kommt, kommt´s dicke.“ Diese alte Volksweisheit hat den Vorteil multifunktional verwendbar zu sein: nach dem gerade geschilderten Fortschrittsbericht (s.U.) erreicht mich noch die Meldung über eine weitere Aktivität zum gleichen Thema: die Initiative Neue Qualität der Arbeit veranstaltet in den kommenden Tagen interaktive Themenwochen mit dem Titel „Alter(n)sgerechte Arbeitswelt – für alle?“  Es geht auch hier um die Frage, wie die Arbeitswelt so zu gestalten ist, dass sie den Fähigkeiten und Einschränkungen älterer ArbeitnehmerInnen gerecht wird. Da Vergleichbarkeit aber stets nur dann gegeben ist, wenn man eine gewisse Unschärfe bei der Betrachtung zulässt, hat die INQA für diese Woche einen Themenbotschafter benannt, der individuelle Fragen zur Arbeitswelt beantworten wird. Als Vorsitzender des deutschen Demographie Netzwerkes scheint oder sollte dieser Botschafter mit dem Themenfeld gut bekannt sein. Auch hier werden Beispielunternehmen genannt, die mit Sicherheit hierdurch einen Imagegewinn und dadurch leichteren Zugang zu ihren Wunscharbeitnehmern bekommen, zum anderen im Hinblick auf ihre Erfahrungen für den Interessierten auch „anzapfbar“ sein sollten.

Sollte es sich um ein dramaturgisches Meisterstück des Arbeits- und Sozialministeriums handeln? Erst reichlich appetitlich aufgemachte Informationen aushändigen und dann auf einem anderen Kanal (die INQA wird auch vom BMAS unterstützt) die Chance zur individuellen Wissensveriefung geben. Grossartig, aber ich glaube doch eher an einen glücklichen Zufall. So oder so: Man lese und frage sich schlau! hier kann man übrigens in den Ablaufplan der Themenwoche blicken.

 

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