15.07.2016 | Allgemein, Ernährung, Philosophie, Tod
Ein Symptom des Älterwerdens ist völlig frei von der Entwicklung der eigenen Person: der Tod von anderen Menschen. Erst sind es die Eltern, dann die Vorbilder und zum Ende hin geht man selbst so häufig auf Beerdigungen wie früher auf Hochzeiten. Die Freunde und Bekannte sterben einem weg.
Bei mir sind augenblicklich die Vorbilder dran. Da war Ende Januar 2015 Richard von Weizsäcker, der mir mit seiner Rede zum 40. Jahrestag der Beendigung des Krieges in Europa und der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft (bisschen weniger Titel hätte es auch getan) die Scham, Deutscher zu sein, zu einem guten Stück genommen hat. Dann folgte im Februar diesen Jahres Roger Willemsen. In seinen Literaturseminaren war er nicht nur selbst entflammt, sondern schaffte es, Erkenntniswille und Enthusiasmus an viele seiner Studenten weiterzureichen. Trotz späterer Dissonanzen habe ich in ihm immer ein intellektuelles Vorbild gesehen. Gerade auch in der Vielfalt seiner Interessen. Seine Jazzkolumnen im Merkheft des 2001Verlags gehörten dazu.
Und nun hat uns, in jedem Fall mich, Wolfram Siebeck verlassen. Über ein gutes Jahrzehnt hinweg verfolgte ich in der ZEIT vor allem seine Rezeptpoesie. Natürlich waren es Rezepte, die Meilen über der lieblosen Küche meines Elternhauses standen. Aber es waren auch Ausflüge in andere, entbiederte Welten: bei manchen Rezepttipps meinte ich zwischen Lavendelbüschen in der Provence zu wandeln. Und dass das Kochen nicht primär lästige Arbeit sein muss, sondern kreatives Schaffen zur Glücksvermehrung auf Erden, auch dies Wissen verdanke ich dem augenzwinkernden Siebeck. Die Leichtigkeit, mit der er das Glas Weißwein besprach, das für ihn ein katalytischer Begleiter beim Schneiden, Putzen und Abschmecken war, gab dem ganzen Procedere einen nonchalanten Hauch. Kochen als Wohlfühlen, nicht als Zwangsarbeit.
Alle haben etwas in mir verändert, mich bereichert. Ich vermisse sie.
28.06.2016 | Allgemein, Konsum, Kultur, Musik, Wohlbefinden
Durch den Winterregen strömen die Menschen zum imposanten Musentempel am Opernplatz: Pärchen um die 60, Kleingruppen zu viert oder fünft. Kein Schlips, keine Lederjacken, keine langen Kleider, keine bunten Netzstrumpfhosen. Freundlich unscheinbare Menschen aus der Mitte der Gesellschaft. Weißliche Dampfwolken umgeben die Raucher auf den Stufen vor dem Einlass. Gemächlich geht es die Treppen aufwärts. Im haltlos verkorksten, kantinenhaften Interieur des Wartesaals werden Sektchen, Weine und ein paar Flaschen Bier zum entspannten Warten genommen. Es ist voll. Laut Internet gab es noch eine einzige Karte. 70 Euro für einen Platz mittlerer Güte bilden ein natürliches Selektionsmittel, da spielen die Getränkepreise auch keine Rolle mehr. 90% des Publikums gehört dem erweiterten Generationskreis der Baby Boomer an. Als Roger Hodgson und Supertramp 1979 Breakfast in America, das erfolgreichste Album dieser Mainstream Popband veröffentlichten, waren die meisten Konzertbesucher also zwischen 10 und 30 Jahre alt. Diese Platte markiert den Zenit der Band. Auch wenn es später noch zwei, drei Songs gab, die es in die oberen Lagen der Charts schafften, war der Kernbestand an Liedern, mit denen Supertramp auf bedingte Ewigkeit hin assoziiert wird, bereits geschrieben. Zuallermeist von Roger Hodgson, dem Herz und Hirn der Band, komponiert – auch wenn Rick Davies einige Songs und Richard Palmer die meisten Texte für sich reklamieren kann. Hodgsons Falsettstimme wurde mit den Jahren immer mehr zum Erkennungszeichen von Supertramp. 1984 begann er seine Solokarriere, während Supertramp nach einem Schwenk in Richtung Jazz, Rock und R&B ohne große neue Erfolge weiter tourte. Die schöpferische Phase war abgeschlossen. Hodgson und Supertramp gingen getrennte Wege, verwalteten parallel den kreativen Kernbestand ihrer früheren Jahre.
Immer mal wieder eine alte Platte aufzulegen, macht Spaß – egal ob Bach, Miles Davis oder eben Supertramp. Aber jemanden live zu betrachten, der nun seit gut 30 Jahren seine früheren Ideen vorführt? Weniger Vorfreude als Unwohlsein bestimmt meine Gefühlswelt beim Eintritt in den schüsselhaften Saal. Ein musikalischer Hamster im Rad? Ein Zombie, der die Schöpfungskraft seiner ersten 30 Jahre immer wieder neu gegen die Anfeindungen der Zeitläufte in Stellung bringt? Ein idealistischer Meister, der sich und sein Publikum mit musikalisch beliebig reproduzierbaren Jugendgefühlen die Tür in eine stets bessere Welt öffnet? Der Abend wird es erweisen. Vielleicht.
Ein übersichtliches, fast bescheidenes Bühnenarrangement: zwei bambusähnliche Hecken im Hintergrund von wechselnden Lutschbonbonfarben beleuchtet. So stellt man sich den Innenraum eines Thai-Massagesalons in Unna oder Bad Schandau vor. Hinten – schön symmetrisch – Keyborder und Drummer, zentral vor ihnen der E-Bass, vorne links an der Bühnenrampe der Holzbläser mit Saxophonen, Piccoloflöte und anderem. Vorne rechts ein kleines, mit weißem Hemd und Weste bekleidetes Männchen mit irisierenden Bewegungen am ebenfalls weißen Keybord: Roger Hodgson. Die blonde Struwelmähne, die dünnen Beinchen, ja die ganze zarte Gestalt und der jungenhafte Schwung seiner Bewegungen zeigen auch hier, wie alterslos die Bühne einen halten kann. Ich habe kein Opernglas zur Hand, aber wie 65 sieht er wirklich nicht aus. Es folgen warme, freundliche Worte über Frankfurt und das deutsche Publikum als solchem. Roger ruft Vornamen auf, die ihm im Vorfeld ihre Musikwünsche zugemailt haben. „Oh, you are so shy“, bedauert er, wenn sich keiner meldet. Liebenswert. Das Publikum dankt ihm jede Erläuterung, warum gerade jetzt einer der „Kernbestandsongs“ zu spielen sei. School. Viele stehen auf. In den ersten Reihen gehen die Arme nach oben. Vor mir wiegt sich eine weiße, kurzärmelige Bluse im Takt. Neben ihr schlägt sich – nach einer gewissen Anlauffrist – der zugehörige Partner ohne jedes Rhythmusgefühl die Hände gegen die bejeansten Oberschenkel. Aktivität scheint gefragt. Hat man ja früher doch auch so gemacht. Der Klang von der Bühne ist voll und angenehm laut. Nicht zu viel des Guten. Gleiches gilt für den Scheinwerfereinsatz. Kaum Stroboskop, keine Nebelmaschine. Kein Chichi. Dreamer. Die Smartphonebildschirme wiegen sich im Takt. Feuerzeuge braucht man ja nicht mehr dafür. Die weiße Bluse vor mir ist wieder aufgestanden. Der Partner bleibt sitzen. Man kann es ja auch übertreiben. Nach zwei Stunden Programm und 15 Minuten Zugaben ist der Traum vorbei. Die Stimmung steigt bis ins gediegen Frenetische. Beim abschließenden Ausatmen und Entleeren des Saals sieht man viele Pärchen noch eine Weile in inniger Umarmung verweilen. Die Musik hat sie glücklich gemacht oder sie mit Glücksmomenten in der Vergangenheit kurzgeschlossen. Beseelte Gesichter laufen auf den Stufen abwärts. Der Realität entgegen. Roger Hodgson hat erfolgreich den Peter Pan gegeben. Er, der nicht alternde Junge, hat den allermeisten Besuchern für gut 140 Minuten einen herrlichen Besuch in ihrem persönlichen Neverland ermöglicht. Dafür sollte man eigentlich dankbar sein. Der Gedanke an Kitsch scheint wohl nur bei jenen auf, für die Supertramp noch nie eine Tür ins Zauberland geöffnet hat.
26.01.2016 | Allgemein
…hat Harald Martenstein in der online-ZEIT geschrieben.
Da er für sich steht, lass ich ihn auch unkommentiert. Lesen Sie bitte hier!
29.09.2015 | Allgemein, Demographie, Gesellschaft, Staat, Wohlbefinden
Was wollen die Alten wirklich? Was brauchen sie? Statistische Rückschlüsse aus der Bedürfnislage vorangegangener Generationen dürften eher in die Irre führen. Was tut also eine Stadt, die ihre Gelder bedürfnisgerecht einsetzen will. Sie fragt ihre Bürger. Was in der Schweiz selbstverständlich ist, hat bei uns meist noch das Gschmäckle (wir sind in Baden-Württemberg) vom versuchten Roll-Back staatlicher Initiatven. Karlsruhe, Sindelfingen, Esslingen, Freiburg, Bielefeld, Villingen-Schwenningen, und noch zwei andere Gemeinden befragen nach dem Zufallsprinzip 2.500 ihre Bürger ab 55 nach ihrer Lebenssituation und ihren Wünschen. Es gibt keinen Antwortzwang, aber besser kann man die großen politischen Leitplanken des eigenen Alterns wohl nicht mitbestimmen. Ein Modell, das Schule machen sollte. Die Befragung wird vom Freiburger Forschungsinstitut FIFAS ausgewertet. Es ist anzunehmen, dass sich auch andere Kommunen dort melden könnten, wenn sie ihre Steuergelder korrekt investieren wollen. Hier kann man das nochmal im O-Ton lesen.
05.09.2015 | Allgemein, Arbeitswelt, Demographie, Wohnen
Lassen wir mal alle moralischen Pros und Kontras zur Seite und blicken wir rational und mit volkswirtschaftlicher Brille auf das Geschehen.
Bei allem, was momentan an Überforderung, Streß, Fragezeichen und Unwohlsein mit dem gewaltigen Flüchtlingszuzug einhergeht, ist es hilfreich, den beklommenen Blick auf eine mittelfristige Zukunft zu richten: Dann werden die ersten Antrittsschwierigkeiten beseitigt sein und die deutsche Fähigkeit, Dinge gut zu organisieren, wird über das Chaos obsiegt haben. Viele Flüchtlinge haben mittlerweile passabel bis gut Deutsch gelernt, viele haben geholfen, die vor allem im Handwerk leerstehenden Ausbildungsplätze doch zu besetzen. Das heisst, dass die Anschubfinanzierung, die nötig war, um so viele Menschen unterzubringen, primär zu versorgen und mit Sprachkursen zu versehen, beginnt Zinsen zu tragen. Zehntausende zahlen nun zusätzlich in die deutschen Sozialsysteme ein und machen die Renten sicherer. Vor allem die gut ausgebildeten syrischen Flüchtlinge helfen, den Ärztenotstand auf dem flachen Land nachhaltig zu bekämpfen. Und viele, viele werden die Chance nutzen und sich in Pflegeberufen ausbilden lassen. Der Pflegenotstand, der, anders als der Ärztenotstand, schon heute auch in den Metropolen Leiden verursacht, kann reduziert werden. Die Bestellungen für japanische Pflegeroboter können wieder storniert werden. Die demographische Zwiebel der Nation hat am jüngeren Ende deutlich zugelegt.
Diese – vielleicht ein wenig optimistische – Zukunftssicht sollte gerade uns Älteren und Alten die Kraft geben, die Schwierigkeiten des Augenblicks als Herausforderung UND als Geschenk zu verstehen. Die viel zitierte Willkommenkultur wird sich im Fall der Realisierung auch für uns auszahlen.
22.07.2015 | Allgemein, Sprache, Wohlbefinden
In letzter Zeit gibt es auf den People-Seiten von Zeitschriften oder auch im Netz selbst immer wieder Artikel oder Betroffenheitsstories, die sich um die Formulierung „in Würde altern“ drehen. Was ist wohl damit gemeint? Wenn man die Aussage umdreht und fragt, was denn würdeloses Altern ist, wird es vielleicht ein bisschen einfacher: ich finde es zum beispiel würdelos, wenn sich deutlich alte Herrschaften (das kann jemand von 50 oder von 75 sein, denn die Sichtbarkeit des Altseins beginnt in sehr unterschiedlichem Alter) betont jugendlich geben. Ich meine damit nicht kurze Röckchen oder Hipsterfrisuren, sondern den Versuch, den Habitus von Spätteenagern auszustrahlen. Das erscheint mir würdelos, weil die Erfahrungserrungenschaften, die das Älterwerden mit sich bringt, so einfach negiert werden. Blöd, wenn man alt wird ohne etwas davon zu haben!
Blöd oder würdelos finde ich es allerdings auch, wenn jedes Wehwehchen und jede Einschränkung des alternden Körpers mit Leidensmine in Konversationen jeder Art eingebracht wird. Mein Gott, es könnte doch alles viel schlimmer sein! Es ist doch kein Drama, mit den Fingerspitzen nicht mehr an die Zehen runter zu kommen. Mir erscheint es würdelos, Derartiges zum Thema zu machen. Es gibt auf dieser Welt wahrlich andere Dinge, die der Diskussion wert sind.
Hieraus ergibt sich zumindest für mich, dass es sich bei der „Würde im Alter“ wohl um eine Mischung aus Disziplin und Fatalismus handelt.