15.10.2016 | Allgemein, Demographie, Finanzen, Gesundheit, Staat, Wissenschaft
Vor einiger Zeit wurden in Deutschland Zahlen mit durchschnittlicher Lebenserwartung diskutiert. Die reiche Gemeinde Starnberg führte die durchschnittliche Langlebigkeitsliste an. Und es war ein kleinerer Ort in NRW, der die geringste durchschnittliche Lebenserwartung aufzuweisen hatte. Erwartungsgemäß lag dort auch das Wohlstandniveau unter dem Bundesdurchschnitt. Diese Daten sind natürlich ein Geschenk für die Verkünder einfacher Wahrheiten: arm stirbt man früher, reich lebt sich´s länger. Aber wie so oft ist die Wahrheit komplexer. Der Economist zeigt anhand des Beispiels USA, dass diese simple Gleichung nicht stimmt. Egal, was wir von Clinton oder Trump halten, dass Amerika ein reiches Land ist, wird niemand bestreiten. Genau so wenig steht in Frage, dass die USA eines der teuersten Gesundheitssysteme der Welt haben. Und dennoch: mit einer durchschnittlichen Lebenserwartung von 67 Jahren für Männer und 70 Jahren für Frauen sind sie die Nation mit den niedrigsten Werten aller Erstweltländer. Viel Geld allein sorgt noch lange nicht für hohe Lebenserwartung. Das Leben zeigt sich wieder einmal komplizierter. Die Forschung darf weitergehen.
16.09.2016 | Allgemein
Jeder, der sich die Fähigkeit erhält, Schönes zu erkennen, wird nie alt werden.
31.08.2016 | Allgemein, Demographie, Europa, Gesellschaft, Kultur, Migration, Pflege, Sprache, Technik, Wohlbefinden
In Europa spielt Deutschland in der Liga der ältesten Durschnittsbevölkerungen ganz vorne mit. Aber ganz weit weg gibt es ein Land mit durchschnittlich noch älteren Bürgern: Japan! Und Japan geht offensichtlich ganz andere Wege als wir bei der Bewältigung der demografischen Herausforderung. Traditionell ist Japan kein Einwanderungsland. Vielleicht ist es die Insellage, die das Gefühl des „Auf-sich-gestellt-Seins“ in das kulturelle Unterbewußtsein der Japaner eingeprägt hat. Jedenfalls gibt es dort kein Äquivalent zu den Polinnen, Kroatinnen oder Baltinnen, die bei uns in Seniorenwohnheimen oder im privaten Umfeld die Arbeiten verrichten, die Zuwendung geben, die nötig sind. Ohne sie hätte Deutschland ein gewaltiges Problem.

In Japan wird mit Neugier und Fatalismus an Pflegerobotern geforscht. Viele von ihnen sind bereits im Einsatz. Ein denkbares Vorbild für uns, falls der Zustrom Pflegewilliger aus den Nachbarländern nicht anhalten sollte? Ob in persönlichen Gesprächen oder bei der Lektüre von Pflegeheimprospekten: wir sind (noch) sehr weit davon entfernt, Roboter als ernsthafte Lösungsoption für die Ressourcenkrise im Pflegebereich in Betracht zu ziehen. Ich vermute, dass dies auch mit einer unterschiedlichen Ausbildung des Schamgefühls bei Japanern und Mitteleuropäern zu tun hat. Der Gedanke, einen notwendigen Windelwechsel von einem Roboter erledigen zu lassen, erscheint uns so fremd wie den Japanern die Idee, diese heikle Aufgabe einem Menschen zu überlassen, der nicht einmal die eigene Sprache beherrscht. Der Roboter, die Maschine, ist dem einen ein Graus, dem anderen ein Segen. Erstaunlich, was für unterschiedliche Antworten verschiedene Kulturen auch noch in der Moderne auf existentielle Anforderungen des Menschen entwickeln!
08.08.2016 | Allgemein, Gesundheit, Konsum, Philosophie, Wissenschaft, Wohlbefinden
Mit Blick in unsere Geburtsurkunde finden wir unser objektives Alter. Dazu kommt ein subjektiver Blick auf sich selbst und andere, die sich zum Vergleich anbieten. Oft hält man sich für jünger, manchmal auch für älter. Schulklassentreffen warten immer wieder mit dem selben Phänomen auf: wo früher maximal drei Jahre Altersunterschied herrschten, weitet sich die Skala beim ersten Hingucken auf gut 15 Jahre. Bei manchem rinnt die Lebenszeit schneller aus dem Stundenglas.
Natürlich wissen wir, dass Schicksalsschläge, aber eben auch unsere Lebensweise die Fliessgeschwindigkeit dieses Stundenglaes durchaus beeinflussen können. Nun hat die AOK einen Fragebogen ins Netz gestellt, der einem sein „wirkliches Alter“, also nicht das von der Geburtsurkunde, verrät. Interessant sind die Fragen, die die Gesundheitsstatistiker herausgesucht haben, um ein Tachometer für die Ablaufgeschwindigkeit unseres Lebens zu „konstruieren“. Gucken Sie doch mal rein.
15.07.2016 | Allgemein, Ernährung, Philosophie, Tod
Ein Symptom des Älterwerdens ist völlig frei von der Entwicklung der eigenen Person: der Tod von anderen Menschen. Erst sind es die Eltern, dann die Vorbilder und zum Ende hin geht man selbst so häufig auf Beerdigungen wie früher auf Hochzeiten. Die Freunde und Bekannte sterben einem weg.
Bei mir sind augenblicklich die Vorbilder dran. Da war Ende Januar 2015 Richard von Weizsäcker, der mir mit seiner Rede zum 40. Jahrestag der Beendigung des Krieges in Europa und der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft (bisschen weniger Titel hätte es auch getan) die Scham, Deutscher zu sein, zu einem guten Stück genommen hat. Dann folgte im Februar diesen Jahres Roger Willemsen. In seinen Literaturseminaren war er nicht nur selbst entflammt, sondern schaffte es, Erkenntniswille und Enthusiasmus an viele seiner Studenten weiterzureichen. Trotz späterer Dissonanzen habe ich in ihm immer ein intellektuelles Vorbild gesehen. Gerade auch in der Vielfalt seiner Interessen. Seine Jazzkolumnen im Merkheft des 2001Verlags gehörten dazu.
Und nun hat uns, in jedem Fall mich, Wolfram Siebeck verlassen. Über ein gutes Jahrzehnt hinweg verfolgte ich in der ZEIT vor allem seine Rezeptpoesie. Natürlich waren es Rezepte, die Meilen über der lieblosen Küche meines Elternhauses standen. Aber es waren auch Ausflüge in andere, entbiederte Welten: bei manchen Rezepttipps meinte ich zwischen Lavendelbüschen in der Provence zu wandeln. Und dass das Kochen nicht primär lästige Arbeit sein muss, sondern kreatives Schaffen zur Glücksvermehrung auf Erden, auch dies Wissen verdanke ich dem augenzwinkernden Siebeck. Die Leichtigkeit, mit der er das Glas Weißwein besprach, das für ihn ein katalytischer Begleiter beim Schneiden, Putzen und Abschmecken war, gab dem ganzen Procedere einen nonchalanten Hauch. Kochen als Wohlfühlen, nicht als Zwangsarbeit.
Alle haben etwas in mir verändert, mich bereichert. Ich vermisse sie.
28.06.2016 | Allgemein, Konsum, Kultur, Musik, Wohlbefinden
Durch den Winterregen strömen die Menschen zum imposanten Musentempel am Opernplatz: Pärchen um die 60, Kleingruppen zu viert oder fünft. Kein Schlips, keine Lederjacken, keine langen Kleider, keine bunten Netzstrumpfhosen. Freundlich unscheinbare Menschen aus der Mitte der Gesellschaft. Weißliche Dampfwolken umgeben die Raucher auf den Stufen vor dem Einlass. Gemächlich geht es die Treppen aufwärts. Im haltlos verkorksten, kantinenhaften Interieur des Wartesaals werden Sektchen, Weine und ein paar Flaschen Bier zum entspannten Warten genommen. Es ist voll. Laut Internet gab es noch eine einzige Karte. 70 Euro für einen Platz mittlerer Güte bilden ein natürliches Selektionsmittel, da spielen die Getränkepreise auch keine Rolle mehr. 90% des Publikums gehört dem erweiterten Generationskreis der Baby Boomer an. Als Roger Hodgson und Supertramp 1979 Breakfast in America, das erfolgreichste Album dieser Mainstream Popband veröffentlichten, waren die meisten Konzertbesucher also zwischen 10 und 30 Jahre alt. Diese Platte markiert den Zenit der Band. Auch wenn es später noch zwei, drei Songs gab, die es in die oberen Lagen der Charts schafften, war der Kernbestand an Liedern, mit denen Supertramp auf bedingte Ewigkeit hin assoziiert wird, bereits geschrieben. Zuallermeist von Roger Hodgson, dem Herz und Hirn der Band, komponiert – auch wenn Rick Davies einige Songs und Richard Palmer die meisten Texte für sich reklamieren kann. Hodgsons Falsettstimme wurde mit den Jahren immer mehr zum Erkennungszeichen von Supertramp. 1984 begann er seine Solokarriere, während Supertramp nach einem Schwenk in Richtung Jazz, Rock und R&B ohne große neue Erfolge weiter tourte. Die schöpferische Phase war abgeschlossen. Hodgson und Supertramp gingen getrennte Wege, verwalteten parallel den kreativen Kernbestand ihrer früheren Jahre.
Immer mal wieder eine alte Platte aufzulegen, macht Spaß – egal ob Bach, Miles Davis oder eben Supertramp. Aber jemanden live zu betrachten, der nun seit gut 30 Jahren seine früheren Ideen vorführt? Weniger Vorfreude als Unwohlsein bestimmt meine Gefühlswelt beim Eintritt in den schüsselhaften Saal. Ein musikalischer Hamster im Rad? Ein Zombie, der die Schöpfungskraft seiner ersten 30 Jahre immer wieder neu gegen die Anfeindungen der Zeitläufte in Stellung bringt? Ein idealistischer Meister, der sich und sein Publikum mit musikalisch beliebig reproduzierbaren Jugendgefühlen die Tür in eine stets bessere Welt öffnet? Der Abend wird es erweisen. Vielleicht.
Ein übersichtliches, fast bescheidenes Bühnenarrangement: zwei bambusähnliche Hecken im Hintergrund von wechselnden Lutschbonbonfarben beleuchtet. So stellt man sich den Innenraum eines Thai-Massagesalons in Unna oder Bad Schandau vor. Hinten – schön symmetrisch – Keyborder und Drummer, zentral vor ihnen der E-Bass, vorne links an der Bühnenrampe der Holzbläser mit Saxophonen, Piccoloflöte und anderem. Vorne rechts ein kleines, mit weißem Hemd und Weste bekleidetes Männchen mit irisierenden Bewegungen am ebenfalls weißen Keybord: Roger Hodgson. Die blonde Struwelmähne, die dünnen Beinchen, ja die ganze zarte Gestalt und der jungenhafte Schwung seiner Bewegungen zeigen auch hier, wie alterslos die Bühne einen halten kann. Ich habe kein Opernglas zur Hand, aber wie 65 sieht er wirklich nicht aus. Es folgen warme, freundliche Worte über Frankfurt und das deutsche Publikum als solchem. Roger ruft Vornamen auf, die ihm im Vorfeld ihre Musikwünsche zugemailt haben. „Oh, you are so shy“, bedauert er, wenn sich keiner meldet. Liebenswert. Das Publikum dankt ihm jede Erläuterung, warum gerade jetzt einer der „Kernbestandsongs“ zu spielen sei. School. Viele stehen auf. In den ersten Reihen gehen die Arme nach oben. Vor mir wiegt sich eine weiße, kurzärmelige Bluse im Takt. Neben ihr schlägt sich – nach einer gewissen Anlauffrist – der zugehörige Partner ohne jedes Rhythmusgefühl die Hände gegen die bejeansten Oberschenkel. Aktivität scheint gefragt. Hat man ja früher doch auch so gemacht. Der Klang von der Bühne ist voll und angenehm laut. Nicht zu viel des Guten. Gleiches gilt für den Scheinwerfereinsatz. Kaum Stroboskop, keine Nebelmaschine. Kein Chichi. Dreamer. Die Smartphonebildschirme wiegen sich im Takt. Feuerzeuge braucht man ja nicht mehr dafür. Die weiße Bluse vor mir ist wieder aufgestanden. Der Partner bleibt sitzen. Man kann es ja auch übertreiben. Nach zwei Stunden Programm und 15 Minuten Zugaben ist der Traum vorbei. Die Stimmung steigt bis ins gediegen Frenetische. Beim abschließenden Ausatmen und Entleeren des Saals sieht man viele Pärchen noch eine Weile in inniger Umarmung verweilen. Die Musik hat sie glücklich gemacht oder sie mit Glücksmomenten in der Vergangenheit kurzgeschlossen. Beseelte Gesichter laufen auf den Stufen abwärts. Der Realität entgegen. Roger Hodgson hat erfolgreich den Peter Pan gegeben. Er, der nicht alternde Junge, hat den allermeisten Besuchern für gut 140 Minuten einen herrlichen Besuch in ihrem persönlichen Neverland ermöglicht. Dafür sollte man eigentlich dankbar sein. Der Gedanke an Kitsch scheint wohl nur bei jenen auf, für die Supertramp noch nie eine Tür ins Zauberland geöffnet hat.