Auch Cannes wird älter

Die 64. Filmfestspiele in Cannes sind just eröffnet worden. Präsident der Jury ist in diesem Jahr Robert de Niro, der in drei Monaten 68 wird. Und der Eröffnungsfilm stammt von Woody Allen. Diese Großmacht des Independant Kinos hat bereits 75 Jahre auf dem Buckel. Man sieht es ihm nicht an. Ob die Filme bei so viel Lebeserfahrung besser sind, sei dahin gestellt. In jedem Falle ist Alter kein Handycap, um auf dem roten Teppich ganz vorne mit dabei sein zu dürfen. Gut so!

Die komische Sache mit der Wahrnehmung

Folgender Witz wurde mir dieser Tage mal wieder erzählt:

Ein Mann mit akuten Bauchschmerzen entschliesst sich nach langen Jahren mal wieder zum Arzt zu gehen. Unter Internisten findet er im Telefonbuch in seiner Nähe den Eintrag „Dr. Retzmann„. Retzmann? Ob das der alte Alfred aus meiner Parallelklasse ist? Neugierig begibt sich der Mann in die Sprechstunde  von Dr. Retzmann. Tatächlich: der Arzt hat eine gewisse Ähnlichkeit mit seinem Bekannten aus der Schhulzeit. Aber mit den schlohweißen Haaren? Er ist gewiß einiges älter; vielleicht der große Bruder? denkt er sich. „Sagen Sie, Doktor, kann es sein, dass Sie auf dem Heuß-Gymnasium waren?“ „Ja, ja, da haben Sie Recht„, antwortet der Arzt. „Ich auch“ erwidert der Patient kopfnickend. „So?“ antwortet der Arzt ihn fragend betrachtend: „und was für Fächer haben Sie unterrichtet?

Wie ich finde, immer noch ein wunderbares Beispiel für den Satz „Alt werden nur die anderen!“

 

 

Lebenslanges Lernen statt „Was Hänschen nicht…

Lebenslanges Lernen statt „Was Hänschen nicht…

Die alte Gretchefrage, ob nun das Sein das Bewußtsein bestimmt oder ob das Gegenteil nicht doch treffender ist, soll hier nicht geklärt werden. Aber „Sprüche“ und Volksweisheiten als Essenzen kolltektiver Annahmen oder Unterstellungen haben eine erstaunliche Lebensdauer. Und sie prägen mit Sicherheit Einstellungen zu verschiedenen Herausforderungen des Lebens. Die aktuelle Hochglanz-Formulierung vom „lebenslangen Lernen“ steht der noch immer tief in vielen Gemütern verankerte Annahme, Hans könne nicht mehr erlernen, was Hänschen nicht bereits gelernt hat, entgegen.

Die zunehmenden Nachfragen älterer und alter  Bürger nach Fernstudiengängen sind ein Beleg für die Aufweichung des alten „Glaubensbekenntnisses“. Früher hatten die sogenannten „Seniorenstudiengänge“ immer ein wenig den Beigeschmack der staatlich finanzierten Beschäftigungstherapie. Angesichts drohenden Fachkräftemangels und verlängerter Lebenszeiten sieht das heute ganz anders aus. Natürlich nicht für alle, aber die Zahl volkswirtschaftlich relevanter alter „Neustudenten“, die ihre Entscheidung mit Blick auf die Möglichkeiten des Arbeitsmarktes trifft, wird in den nächsten Jahren sicherlich erheblich zunehmen. Zwar ist die Studiengangswelt für diese Zielgruppe noch übersichtlicher als bei den Jungstudenten, aber das Angebot wird auch für die Alten immer größer. Womöglich kommen wir über kurz oder lang dahin, Seniorstudenten gar nicht mehr extra aufzuführen. Dann muesste sich niemeand mehr die Frage stellen, ob Seniorenstudiengängen nicht doch etwas Altersdiskriminierendes an sich haben. Aber gemach: die Zukunft braucht ihre Zeit. Im Bereich der Fernstudien gibt es jedenfalls heute eine beachtenswerte und hilfreiche Übersicht auf den Seiten der Initiative lebenslanges Lernen. Unter dem Reiter „Weiterbildung“: …“für Senioren“ finden sich hier ein paar wichtige Grundinformationen für all jene, die sich mit dem Gedanken tragen, der Hochglanzformulierung zumindest im eigenen Leben reale Bedeutung zu geben. Wobei auch die nicht-altenspezifischen Hinweise lesenswert erscheinen.

Haltung

In einem Interview mit dem ZEIT-MAGAZIn (Nr. 8 vom 17. 2. 2011) antwortet Armin Mueller-Stahl auf die Frage, was er denn machen werde, wenn er 80 ist, mit dem Satz: „Dann beschäftige ich mich mit meiner Zukunft.“
Das nenne ich Haltung!

Schlaganfall – und dann?

Schlaganfall – und dann?

Schlaganfälle sind die dritthäufigste Todesursache in Deutschland. Das Spektrum an Folgeerscheinungen ist denkbar weit gefasst. Erläuterungen dazu bleiben fast zwangsläufig irgendwie abstrakt. Es ist für die Betroffenen selbst, aber auch für ihre Angehörigen nicht immer leicht, sich auf einen so unbekannten Gegner (die Krankheit) mit so unterschiedlichen Gesichtern einzulassen. Erfahrungen helfen, das eigene Vertändnis für befremdliche Situationen oder Reaktionen wachsen zu lassen. Informationsblätter aus Praxen oder Kliniken springen hier meist zu kurz.

absturz

Das Buch „Absturz!?“ von Helena Dindas schafft hier tatsächlich Abhilfe. Es vermittelt Erfahrung. Die Autorin berichtet von dem Schlaganfall, der sie als 42jährige traf. Der Leser erfährt zwar nichts über die potentiellen Vorbelastungen, aber viel über den Aufenthalt im Krankenhaus, in der Reha-Klinik und die Fährnisse, mit denen sie sich im Umgang mit sich selber, aber eben auch mit Familie, Freunden und Arbeitswelt konfrontiert sieht. Das Buch erhebt keinen literarischen Anspruch; es ist vielmehr die Chronologie eines Kampfes. Das Schreiben mag hierbei durchaus Erleichterung verschafft haben. Aber der Anspruch der Autorin ist ein deutlich anderer: „Ob mir die Veröffnetlichung meiner Erlebnisse gelingen wird, weiß ich nicht, aber es würde mich überaus freuen. Denn ich möchte anderen Mut machen und ihnen helfen, unverzagt und geduldig nach vorne zu schauen und niemals aufzugeben! (S. 218) Neben diesem Appell zur dauernden Selbstaktivierung wird deutlich, wie wichtig eine intakte Partnerschaft für die Bewältigung einer solchen Langzeitschädigung ist. Allein – so drängt sich der Verdacht auf – hätte Helena sich nicht so weit ihrem gesundheitlichen status quo ante annähern können. Daher vermittelt dies Buch bewegende Momente; vielleicht auch gerade weil die Autorin von jeglicher Poetisierung Abstand genommen hat. Es bleiben Sprachschrullen (wie „Mopped“ für „Motorrad“), die mal als ärgerlich empfinden mag. Aber als Vademecum für den Fall der Fälle (der allein im Jahre 2006 65.133 Todesfälle in Deutschland verursachte) ist es allemal eine Empfehlung wert!

Helena Dindas: Absturz!? Vom Schlaganfall und einem neuen Anfang. Aachen: Shaker media. ISBN 978-3-86858-402-8, 220 Seiten, 14,90 EUR, Deutsch, Paperback, 12,5 x 20,5 cm.

Wissenshungrige, auf nach Bonn!

Die rühmlich aktive Becker-Stiftung lädt für den 6. und 7. April zu einer Konferenz nach Bonn. Es geht um die Verbindung von Alter und Arbeit. Im Fokus steht hier zum einen die Frage, in wie weit das Selbstbild des Arbeitnehmers vom Alter seine Leistung und Motivation beeinflusst. Der zweite Fokus liegt auf der Frage nach den geeigneten Mitteln, mit denen Unternehmen sich in die Lage versetzen können, Mitarbeiter länger produktiv und motiviert im Unternehmen halten zu können. Es wird hier auch um das heikle Thema Gehalt gehen. Einerseits weiß eigentlich jeder, dass das Senioritätsprinzip bei der Gehaltsfindung ein Relikt darstellt, andererseits ist es für viele eben ein lieb gewonnenes Relikt. Aber man wird die Quote der Beschäftigten über 65 Jahre kaum anheben können, solange dieses Überbleibsel bleischwer ganz oben auf dem Bedingungsstapel der Mitarbeiter liegt. Flexibilität und frisches Denken sind hier gefordert.

Also eine spannende Veranstaltung. Schade, dass sie sich nur an Unternehmen und Universität/Lehre/Studenten wendet. Gerade beim ersten Thema geht es doch um die Befindlichkeit von älteren Arbeitnehmern. Manch empirisches Forschungsergebnis bekommt erst durch begleitende „oral history“ ein sprechendes Gesicht, eine Wirkung auch auf Kreise ausserhalb des Fachzirkels. Aber vielleicht ist bei der Becker-Stiftung dazu das letzte Wort auch noch nicht gesprochen.

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