Den Tod mitdenken

Der ehemalige Präsident der Max-Planck-Gesellschaft Hubert Markl ruft uns in seinem Beitrag im aktuellen Merkur in Erinnerung, dass der Tod zum Leben dazu gehört. Und dass unsere aktuelle Verdrängungskultur ihm ausweicht – zu unser aller Nachteil. Denn der Tod kommt trotzdem und dann unangenehm überraschend. Dies ist ein Nachteil, der nicht der westlichen Welt per se anhängt und ihren Vorsprung gegenüber wirtschaftlich schwächeren Kulturen in dieser Frage tatsächlich in Frage stellt. Wir haben es in den letzten Jahrzehnten geschaftt, das Sterben aus dem Leben wegzudenken. Man blättere durch die großen Roman des 19. Jahrhinderts: immer wieder versammeln sich die Sippen – oft aus ganz anderen europäischen Ländern kommend – am Sterbebett der oder des Altvorderen. Einübung ins Sterbegeschehen für die nachrückenden Generationen. Aber auch: oft opulent inszeniertes Abschiednehmen als integraler Bestandteil des Lebens als solchem. Wir haben mit unserer verdrucksten Wegschaukultur noch eine ganze Menge wieder neu zu lernen. Dabei konnten wir Europäer es doch schon so viel besser… Mit Markl gesprochen „Erlernen des Lebens, Erziehung zum Leben kann daher immer nur zugleich bedeuten, das sichere Ende mitzudenken, zu bejahen und ins Leben einzubeziehen.“(Merkur 696, S. 317)

Altern jetzt messewürdig

In der heutigen Ausgabe der Süddeutschen Zeitung (leider online nur gegen Geld einsehbar) schreibt Titus Arnu über die grösste Seniorenmesse Deutschlands. Senta Berger als Frontfrau in Sachen Athritis, Krabbelkäfer für Entspannung im Nackenbereich und Mobilität zwischen den Supermarktregalen: das Bild wandelt sich. Selbst eine „Altenmesse“ ist nicht mehr das was sie war – wenn es sie im nennenswerten Umfang denn überhaupt früher schon geggeben hat. Zitat: „Die Senioren von heute sind nicht nur viel fitter als vergleichbare alte Menschen früherer Generationen, sie sind auch aktiver und kosumfreudigern, sie reisen mehr und sind zunehmend an Produkten der Unternhaltungselektronik interessiert.“ Wollen wir dabei etwas bekritteln? Ja: Drei Tage Messe sind etwas dürftig.

Der Boxer als Wiedergänger

Ist das ein Zufall? Im Kino ist just Rocki Balboa gelaufen, Sylvester Stallones Spätwerk, das auf ungeahnt sensible Weise das Thema des alten Boxers, der doch wieder in den Ring muss, thematisiert. Und nun zog es Henry Maske mit 43 Jahren nach zehn Jahren Boxabstinenz wie Balboa ebenfalls zurück zwischen die Seile. Balboa ist älter, aber immerhin lässt Stallone ihn den Kampf nicht gewinnen. Maske hat – wider alle Erwartungen – einstimmig nach Punkten gewonnen. Seiner Frau versprach er, dass dies der einzige Auftritt im Ring bleiben werde. Ging es ihm ums Geld? Um die Selbstdarstellung? Um die Gewissheit, nicht zum alten Boxeisen zu gehören? In jedem Fall kann man ihm zu der Selbstüberwindungsdisziplin gratulieren, die den Fight überhaupt erst möglich gemacht hat – egal, ob man nun für Boxästhetik schwärmt oder nicht. Eines aber sollte man aber nicht vergessen: sein Gegner Virgil Hill zählt ebenfalls bereits 43 Lenze.

Dreht sich der Arbeitsmarkt?

In der heutigen Ausgabe des Hamburger Abendblattes gibt es Hinweise für eine Tendenzwende, die auch „ältere Arbeitnehmer“ – wo fängt „älter“ eigentlich an? – wieder hoffnungsvoller auf den Arbeitsmarkt blicken läßt.

Im Gespräch

Anläßlich eines Netzwerktreffens sprach ich gestern mit einem etwas älteren Soziologen, der im ländlich-kommunalen Bereich unter anderem für die Kapazitätsplanung von Altenheimen zuständig ist. Er wartete mit der These auf, dass die Sterbetafeln bald wieder korrigiert werden müssten – nach unten! Seiner Ansicht nach ist die statistische Single-Generation der Babyboomer nicht in der Lage, familienähnliche Verbände zu gründen, um der Altersvereinsamung und -depression entgegenzuarbeiten. Traurig und vereinsamt werden sie statistisch früher von dieser Erde scheiden als ihre Vorgänger. Ich halte dagegen unsere Generation – im statistischen Mittel – für schlau genug, um beizeiten aus dem Lebensvorbild der Elterngeneration die nötigen Schlüsse zu ziehen: wo man nicht im Familiekontext älter werden kann, wird man es im Zusammenspiel mit Freunden schaffen müssen. Denn das Bild des Altenheimbewohners wird kaum an Attraktivität gewinnen.

Wer mit der Zeit geht…

Mit 90 anderen Skifahrern in einer Gondel. Nur ein Paar andere Skier ist länger als die meinen. Der Rest fährt mittlerweile Carver. „Ist viel einfacher“ „Macht viel mehr Spaß!“ Bin ich ein Fossil? Rückständig? Dem Neuen abgewandt? Nein! Auch gute Carver kommen an die Eleganz geübter Skifahrer nicht heran. Viele – nicht nur Jugendliche – carven viel zu schnell über die Pisten und gefährden sich und andere mehr als dies angetrunkene Skifahrer früher taten. Rasen zu können ohne sich aufs Bremsen zu verstehen fällt dem Carver leichter als dem Skifahrer.
Ich glaube, es macht Spaß und ist richtig, sich hin und wieder auf der Basis durchdachter Argumente einem Trend nicht anzuschliessen und schlichtweg beim Alten zu bleiben. Immer nur Mitzumachen hält nicht jung! Ausserdem: Irgendwann wird die Industrie fast jedem einen Carver angedreht haben und dann ohnehin die langen Latten wieder ins Programm hieven. Schließlich werden ja auch zunehmend wieder Vinylschallplatten gepreßt.

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