Hüftoperation, Teil 3

Hüftoperation, Teil 3

Essen

Bei fast allen unangenehmen Beschäftigungen wie Wandertag, Trauerfeier oder Arbeitsalltag schafft der Blick auf die nächste Mahlzeit Vorfreude und Entlastung. Das gilt fürs Krankenhaus in noch höherem Maß. Nur die Wenigsten genießen hier wirklich den Tagesablauf. Die Mittagsmahlzeiten, die man sich zuvor als noch nicht Operierter ausgesucht hat, entsprechen durchschnittlicher Kantinenkost, erzeugen also kurze Momente der Beglückung. Bei den kalten Randmahlzeiten am Morgen und Abend sieht es anders aus: Auf der Vorauswahlkarte hatte ich bei den Wurst- und Käsekästchen je eine 1 notiert. Ich ging dabei von Portion, nicht aber von Scheibe aus. Das Wenige, was ich nun hatte, sah wursttechnisch nicht unbedingt lecker aus. Die Käsescheibe – es war über die Tage hinweg immer die gleiche – erinnerte in ihrer Transparenz und mikrometergleichen Schichtung an feuchtes Pergamentpapier. Immerhin kam der Tee fast jeden zweiten Tag mit der bestellten Milch. Manchmal fehlten die gestanzten Vollkornbrotscheiben zum Brötchen. Manchmal aber auch nicht.
Morgens und abends wurde mir das Essen auf einem Tablett serviert, häufiger falsch als richtig herum. Ich buchte das unter dem Motto „fremde Länder, fremde Sitten“ ab. Ohne das Personal mit Migrationshintergrund hätte ich wohl nicht einmal halb so viel Aufmerksamkeit und Hilfe erfahren. Vielleicht trinkt man in einer jener Kulturen, aus denen die mich umsorgenden Pflegerinnen und Hilfskräfte stammen, den Tee vor Frühstück und Abendbrot? Auch hierzulande gab es ja eine Bewegung, die das Trinken zum Essen als magenunfreundlich skandalisierte. An meinem vorletzten Liegetag fasste ich mir dennoch ein Herz und versuchte einem der mich umsorgenden Geister zu erklären, dass es viel patientenfreundlicher wäre, den Teller vorne links vor sich zu haben, das Besteck rechts daneben und Kanne und Tasse dahinter. Leider konnte ich im Anschluss keinen Funken des Verstehens bei meinem Gegenüber erkennen. Ich erinnerte mich an eines der Grundgesetzte der Kommunikationswissenschaft: „Der Sender ist dafür verantwortlich, dass eine Nachricht ankommt.“ Also mein Fehler und mein Problem.

Erste Schritte

Am folgenden Tag schaffe ich das Aufstehen tatsächlich ganz alleine. Die erlernte Technik, das intakte Bein seinen Zwilling mit vom Bett schieben zu lassen, hilft. Aber vor allem hat der Genesungsprozess (oder wie auch immer man das nennen will) Fortschritte gemacht. Der Mensch isst, schläft, liest, dackelt vor sich hin, und der Körper übernimmt in aller Stille die großen Reparatur- und Anpassungsarbeiten. Danke, Körper!
Auch der umgekehrte Weg – vom Boden aufs Bett – ist nun machbar, da das gesunde Bein als Kran unter den Unterschenkel des frisch behandelten Beins greifen kann und die Last auf das Bett und dort auch noch Richtung Mitte zerren kann. Also ein Ausflug – vielleicht sogar aus dem Zimmer hinaus in die weite Welt der Krankenhausgänge.
Linke Krücke und rechtes Bein…rechte Krücke und..rech, nein. Nochmal von vorne: mein Blick fällt streng auf das Fußpaar. Also: rechtes Bein und linke Krücke, linkes Bein und rechte Krücke, rechtes Bei und…Ende Gelände. Das Bett steht im Weg. Vorbeikommen ist nur mit seitlichen Trippelschritten möglich. Eins, zwei, eins. Eine Krücke fällt mit Gepolter zu Boden. Mist. Mit einer Hand am Bett festhalten, die andere Krücke umdrehen und nach dem verlorenen Stock angeln. OK. Rechtes Bein und linke Krücke, linkes Bein und rechte Krücke. Rechtes Bein,..wie jetzt? So schwer ist es doch nicht. Aber die Pillen zeigen ihre Nebenwirkung. Das hübsche Schächtelchen mit den vier Abteilungen morgens, mittags, abends, nachts kommt jeden Morgen mit zwölf Pillen im Modus vier, drei, drei, zwei vor dem Frühstück auf das Behelfstischchen. Sie schlichten das Schmerzaufkommen, reduzieren die Entzündungen im Körper und schonen die Magenwand. Aber sie machen auch müde und senken die koordinativen Fähigkeiten. Jede Münze hat zwei Seiten. Auf die Schmerzen verzichtet man gerne. Das Denken wird sich ja hoffentlich wieder erholen. Linke Krücke, rechtes Bein, rechte Krücke, linkes Bein, rechtes Bein und linke Krücke: die Morgenrunde um die Krankenstation kann starten. Nein, halt! Ich hab die Maske vergessen. Zurück auf Anfang.

Mann blickt mit geöffneten Armen aufs Meer

   Ach Welt, was bist Du schön!                                                                                  Bild von Pexels auf Pixabay

Hoch hinaus

Lässig drücke ich mit dem Krückenende auf das Tastenfeld des Fahrstuhles. Die Dachterrasse ist ein Traum. Unten gleitet der Fluss in dezenter Entfernung langsam von links nach rechts hinten vorbei. Man krückt über schwarze Marmorplatten, die ein großes Feld von dunklem, asiatischem Holz (oder dessen überzeugendem Imitat) umranden. Hochbeete mit Steppen- oder Tundrapflanzen – wer kann das bei der herrschenden Trockenheit schon unterscheiden? – geben dem Blick einen Zwischenhalt. Die Terrasse wird von grosszügigen Glaselementen umspannt, bekränzt von einer dünnen Metallleiste. Inseln im Fluss mit müßigen Booten zwischen ihnen und Windräder am Horizont malen ein hübsches Bühnenbild aus friedfertigem Miteinander von Natur und Kultur. Buchen und Akazien fingern von unten gen Terrasse, ohne ihre Majestät gefährden zu können. Jedoch verdecken sie an einigen Stellen den geraden Süd-Blick auf den Fluss. Mensch mit Implantat, wo magst Du Dich regenerieren, wenn nicht hier?
Doch wo nehm´ ich Platz? Dreierlei Gestühl verrät den edlen Geschmack des Dachterrassenausstatters: Stühle mit Lochmuster, die metallen erscheinen und in drei dezenten Farbtönen das Setting beleben. Dreiviertelkugeln aus Weidengeflecht und schwere, weiße Parksessel streiten darum, wer den tieferen Einstieg bietet. Aber hier ist kein Fahrertreff von Sportwagenfanatikern. Als Frischoperierter kann man nur stehen und staunen: bis ich in diesen Augenschmeichlern wieder Platz nehmen kann, werden Tage, wenn nicht Wochen vergehen.
Schade eigentlich. Aber Bewegung ist ja ohnehin für Neuimplantatbesitzer gesünder als elegantes Rumsitzen.

Entlassungstag

Das Paralleluniversum Krankenhaus hat beschlossen, dass es Zeit für mich ist, die Station zu verlassen. Und das sehr schnell.
Um 07.05 Uhr werde ich geweckt. Ein Pfleger bringt mir meine Tagesration von zwölf Pillen. Im Frühstücksfach liegen wie gewohnt vier. „Kann ich die anderen in einer Schachtel mitnehmen?“
„Selbstverständlich. Nehmen Sie sich doch gleich die Schale mit, dann können Sie besser Ihre Portionen aufteilen.“
„Wie nett von Ihnen!“
Durch die offene Zimmertür kommt eine Pflegekraft:
„Guten Morgen! Ihr Frühstück ist da.“
Zum letzten Mal blicke ich durch die Käsescheibe hinaus in den schon gleissend hellen Morgen.
Ich habe noch nicht einmal meine erste Brotscheibe mit Butter versehen, da kommt der Assistenzarzt mit seinem Geschenkbeutel: Entlassungsbericht und Medikamente für die nächsten Tage sowie ein letzter Pflasterwechsel mit aufmunterndem Kommentar: „Na, das sieht ja richtig gut aus. Die Thromboseprophylaxe müssen Sie noch einen Monat lang nehmen. Ansonsten ist bei Ihnen alles klar. Sollten Sie wider Erwarten Probleme mit der Naht bekommen, melden Sie sich bitte bei uns. Andere können das natürlich auch, aber wir würden die notwendige Wundspülung schon lieber selber machen.“
Ich bin froh, dass hier Verantwortung offensichtlich nachhaltig interpretiert wird, „Gerne, mach ich.“
Ich frühstücke zu Ende und packe meine Sachen. Eine nette Schwesternhelferin bringt mir meinen Kram nach unten, während ich mich, Krücken zum Gruß erhoben, von den guten Geistern des Hauses verabschiede. Der Fahrstuhl surrt mit mir nach unten. Ein letzter langer Gang, rechtes Bein, linke Krücke, rechtes Bein, linke Krücke. Dann stöcker ich am Empfang vorbei durch die Drehtür nach draußen. „Welt, Du hast mich zurück!“

Hüft-Operation, Teil 2

Hüft-Operation, Teil 2

Kleine Freuden

Jegliche Arbeit am eigenen Körper dauert in den ersten Tagen nach der Operation fünfmal so lange wie gewohnt. Das hat immerhin den Vorteil, dass sich die leere Zeit, in der der Körper Genesungsarbeit zu leisten hat, der Restmensch aber nicht weiter gefragt ist, verkürzt.
Im Bad ist mir nach dem Duschen das Pflaster vom Injektionszugang auf dem Unterarm runtergefallen. In keinem Fall 90 Grad oder mehr mit dem Oberkörper nach unten beugen! Bücken bis in diese tiefe Regionen ist weder erlaubt noch möglich. Aber wenn man die beiden Krückenfüße wie Baggerzangen aufeinander zubewegt, kann man das zusammengeklebte Pflaster aufheben und sogar in dem kleinen Kippdeckelmülleimer verstauen. Die Freude über Idee und Geschicklichkeit lockt mir ein Lächeln ist Gesicht.
Man kann auch die langen Gardinen am Fester mit der Universalgreifzange packen und auf- und zuziehen. Das übe ich doch mit Vergnügen gleich zwei-, dreimal.
Mein Gott, wie bescheiden einen ein solcher Beschnitt der eigenen Fähigkeiten machen kann!

Ein paar Gehhilfen

      Leider unerlässlich: die Krücken                                          Bild von Bruno auf Pixabay

Zusatzversichert

Seit Jugendtagen habe ich eine Zusatzversicherung für Ein- oder Zwei-Bettzimmer und Chefarztbehandlung. Vor allem wegen der Aversion, Zimmer und Bad mit Fremden teilen zu müssen. Das habe ich während zweier Bundeswehrjahre hinreichend erlebt. Auf die Chefarztbehandlung würde ich sogar eher verzichten wollen. Zwar kann man so sicher sein, jemanden mit Hammer und Feile an sich rumarbeiten zu lassen, der diesen Akt wohl schon ein paar hundert Mal hinter sich gebracht hat. Aber die Erfahrung aus dem Arbeitsleben zeigt, dass Routiniers auch gerne mal zum Schnell-Schnell neigen, da sie ja aus ihrer Erfahrung wissen, wie die Dinge laufen. Ein weniger erfahrener Oberarzt wird mehr als alle erforderliche Aufmerksamkeit in die Operationssituation einbringen, um ja keinen Fehler zu machen. Denke ich. Nun, ich hatte Glück. Der Chefarzt hat – soweit ich das beurteilen kann – trefflich gehämmert, gefeilt und genäht. Sein Besuch am Folgetag der Operation gehört wahrscheinlich zu den ältesten Ritualen des ärztlichen Gewerbes. Der Arzt ahnt wie es dem Patienten geht. Hundert Mal gesehen, hundert mal gefragt. So ist es eher eine ritualisierte Geste als ein Erkenntnisbegehren, das ihn an mein Bett führt. Im Halbrausch des Schmerzmittelcocktails bin ich auch kein ernstzunehmender Gesprächspartner. Mein Hinweis auf die just durchlebte schwärzeste Nacht meines Lebens quittiert er mit angedeutet weisem Kopfnicken und dem Hinweis, ich möge um noch mehr Schmerzmittel bitten. „Alles Gute weiterhin“ und schon schließt sich die Tür sanft hinter ihm. Später notiere ich auf der Habenseite, dass ich nicht zum Objekt einer Visite mit wundgierigen Ärzten im Praktikum geworden bin und dass er nicht gefragt hat, wie „es uns denn heute geht“.
Der Satus des Zusatzversicherten hält noch weitere Features für mich bereit, über die ich mir gar nicht im Klaren war: jeden Tag kommt eine lokale Tageszeitung an mein Bett. Am ersten Tag dachte ich, mein Vorgänger hätte sie liegen gelassen. Ich habe diese Zeitung schon vor Jahrzehnten wegen ihrer dümmlichen Biederkeit gehasst und nur unter Not in Wartezimmern von Zahnärzten durchgeblättert. Weiterhin schwebte an einem Tag ein Wesen freudestrahlend fragend an mein Bett: „Möchten Sie Kekse oder einen Obstteller? Ich hätte täglich Anspruch darauf. „Nun, Obstteller wäre schön!“ Das in Weiß und Rosa gehüllte Wesen kehrte umgehend mit einem Obstteller zurück. Trotz meines innigen Dankes habe ich es nie wieder gesehen. Einen Obstteller auch nicht. Auf der Essensliste wären noch Extras wie Räucherfisch oder Leberwurst ankreuzbar gewesen. Da mich zuvor niemand aufgeklärt hatte und ich annahm, dass es sich um kostenpflichtige Extras handeln würde, hatte ich davon Abstand genommen. Kalorientechnisch betrachtet wahrscheinlich eine kluge Entscheidung.

Fortsetzung folgt

Deutschlands Demographie und die Folgen für die Alterspflege

Deutschlands Demographie und die Folgen für die Alterspflege

Die Deutschen werden immer älter und bekommen zu wenig Kinder. Das ist bekannt. Aber was bedeutet das für die Pflegebedürftigen von heute und morgen? Kurz gesagt: potentielle Armut. Die Pflegeversicherung wurde 1995 eingeführt. Das heißt, dass viele der jetzt Pflegebedürftigen wenig oder gar nichts in diese Versicherung eingezahlt haben. Das ohnehin unterfinanzierte System blutet jetzt bereits aus. Es verlangt nach Reformen.

Die shz beruft sich auf den Pflege- und Finanzexperten Bernd Raffelhüschen. Dieser meint, dass sich das Verhältnis von häuslicher und stationärer Pflege drastisch ändern werde: heute werden acht von zehn Pflegebedürftigen zuhause gepflegt. Lediglich zwei in einer Einrichtung. Die Tendenz ginge – so Raffelhüschen – Richtung halbe/halbe. Die Durchschnittsrente beträgt heute 1.500€. Dem stehen durchschnittliche Heimpflegekosten von 2.600 € gegenüber. Die Schere wird weiter auseinandergehen. Wo soll das Geld herkommen?

Zwei Hände und ein leeres Portemonnaie

Foto von Emil Kalibradov auf Unsplash

Die Rechtslage

Angespartes Vermögen wird zur stationären Pflege hinzugezogen, wenn die Rente nicht ausreicht. Ein gesetzlich garantierter Schonbetrag ausgenommen. Dann ist – falls gegeben – der Verkauf von Wohnung oder Haus fällig. Es sei denn, der Partner oder die Partnerin wohnt noch dort. Eine vorzeitige Überschreibung an das Kind oder die Kinder ist nur dann hilfreich, wenn diese mindestens 10 Jahre vor der Pflegefälligkeit getätigt wurde. Sonst tritt eine „Schenkungsrückforderung“ in Kraft. Wer also gespart hat und sich seinen Klein-Häuschen-Traum erfüllt hat, wird genauso zur Kasse gebeten wie ein Immobilienmogul. Wer Sparen für überflüssig oder nicht nötig oder möglich gehalten hat, bekommt hingegen Unterstützung aus der staatlichen Sozialkasse. So undifferenziert scheint mir dies nicht das Maximum an möglicher Gerechtigkeit zu sein.

Aber weiter:

Kinder, die mehr als 100.000 € Jahreseinkommen beziehen (§ 94 Abs. 1a SGB XII), werden seit 2020 zur Deckung der Lücke verpflichtet. Wie immer, gibt es auch hier gesetzliche Ausnahmen. So ist z.B. ihr möglicher Immobilienbesitz davon aber nicht betroffen.

Und nun?

Die häusliche Pflege ist für die Angehörigen mit Verlust von Karrieremöglichkeiten, also langfristigem Gehaltsverlust verbunden. Die Option, Pfleger oder Pflegerinnen ins Haus zu holen, wird – mangels Unterbringungsmöglichkeit auf der einen Seite, mangels Personal auf der anderen Seite – immer schwieriger.
Wenn wir uns möglichst viel Mühe geben, körperlich, sozial und geistig fit zu bleiben, löst dies nicht das Problem, aber es wird ein bisschen überschaubarer. Die Hoffnung, dass der Staat sich der Sache annehmen wird, läuft ins Leere. Schon jetzt belaufen sich die Zahlungen des Bundeshaushaltes in das marode Rentensystem auf rund ein Viertel des Gesamtetats. Alles nicht so rosig!

 

 

Eine Hüftoperation unter vielen

Eine Hüftoperation unter vielen

Laut Statistik wurden 2021 in Deutschland knapp 300,8 Implantationen künstlicher Hüftgelenke je 100.000 Einwohner durchgeführt. Das ergibt in Summe rund 256.000 neue Hüftimplantate. Auch hier ist Deutschland fast Weltmeister. Lediglich die Schweizer sind uns voraus. Im prozentualen Durchschnitt der OECD-Länder wurden im selben Jahr nicht einmal halb so viele Hüften ersetzt.
Das sind bloße Zahlen. Wie aber erlebt der Einzelne seinen Krankenhausaufenthalt bei diesem häufigsten chirurgischen Eingriff in unserem Land? Eindrücke eines Patienten.

In der Anästhesie

Mein Zimmer habe ich bezogen: Kulturtasche ins Bad, Bücher auf das Beistelltischchen, Handy in die Schublade. Trotz Aufregung war mein Nachtschlaf ganz passabel. Jetzt habe ich nur noch ein zeitlos hässliches Krankenhaushemdchen am Körper. Zur Frühstückszeit werde ich abgeholt. Ein Mitarbeiter in vornehm dunkelrotem Kittel schiebt mein Bett und damit auch mich aus dem Zimmer. Linksherum, geradeaus, rechtsherum und rein in den Fahrstuhl. Unten dann In einer Art Vorraum, der mich an den Verkaufsraum unserer Fleischerei erinnert. Vielleicht wegen der Kacheln. Ich werde umgebettet. Das Wägelchen, auf dem ich zum Liegen komme, scheint so schmal zu sein, dass ich Angst habe runterzufallen.
„Geht es Ihnen gut?“
„Och, eigentlich schon.“
„Ist das Ihre erste OP?“
„Nö, eigentlich nicht.“
„Ahh, deswegen sind Sie so gefasst.“
Alter Schmeichler.
„Ist Ihnen kalt?“
„Ja, ein bisschen schon.“
„Das haben wir gleich.“ Die Stimme gehört einem weiteren Dunkelrotgewandeten. Er hat die freundliche Stimme und das Gehabe eines Lufthansa-Flugbegleiters, der einen für den Interkontinentalflug in der Businessclass vorbereitet.
Ganz schnell wird es unter mir warm.
„Gut so?“
„Hmm, geht auch ein bisschen weniger?“
„Kein Problem. Wir haben jetzt 39 Grad, ich dreh mal runter auf 38.“
Dann bekomme ich eine halbtransparente Maske aufgesetzt und bin fast im selben Moment – wohin? – entschwunden.

Liegend im Krankenhaus

Im Krankenhausbett

Erstes Aufstehen

Nach der ersten Nacht, die keine Nacht, sondern ein Alptraum aus Bewegungslosigkeit, Hitze und Nicht-Entfliehen-Können war, fordert die resolute Schwester, man möge die Beine auf den Boden stellen. Nur, das frisch operierte Bein macht keinerlei Anstalten, der Anweisung aus der Zentrale Folge zu leisten.
„Ich schaff das nicht“, fleht die gequälte Kreatur.
„Sie müssen!“
„Könnten Sie mir vielleicht helfen?“
„Nein, SIE müssen das üben. Sie haben kräftige Muskeln. Vom Joggen?“
„Nein, vielleicht vom Fahrradfahren, aber das reicht nicht. Helfen Sie mir bitte.“
„Grummel, grummel.“
Die Beine sind am Boden. Ich richte mich vorsichtig auf – und stehe zum ersten Mal mit dem Implantat im Bein aufrecht – für vielleicht fünf Sekunden.
„Sehen Sie: es geht doch. Das reicht für heute. Sie können sich wieder hinlegen.“
„Alte Hexe“, denke ich.

Fortsetzung folgt

Altern ist ein Verfallsprozess. Vielleicht traurig, aber wahr.

Altern ist ein Verfallsprozess. Vielleicht traurig, aber wahr.

Die körperliche Leistungsfähigkeit schwindet ebenso wie die geistige. Dass der körperliche Verfall durch geeignete Mittel wie Bewegung und bewusste Ernährung erheblich gestreckt werden kann, ist hier in unterschiedlichen Varianten schon oft Thema gewesen. Zum Abschmelzen der Gehirnfähigkeiten gab es aber hier bislang weniger Informationen.

Tatsächlich verringert sich die graue Hirnsubstanz mit zunehmendem Alter. Beim einen schneller, beim anderen langsamer. Dies wurde in Einzeluntersuchungen immer wieder nachgewiesen. Nun ist aber in dem Online-Magazin Medscape Neues zu lesen: Eine Forschergruppe des Alzheimer-Zentrums der Königin-Sofia-Stiftung in Madrid arbeitete (wohl erstmals) an einer systematischen Vergleichsstudie. Das Forscherteam um Marta Garo-Pascual kommt zu dem Schluss, dass neben den genetischen Anlagen Beweglichkeit und psychische Gesundheit die entscheidenden Unterscheidungsmerkmale zwischen der Kontrollgruppe und der beforschten Gruppe der Superdenker (dämlicher Weise „Superager“ genannt) darstellen.

Die Teilnehmer beider Gruppen waren 80 Jahre und älter. Die – in meiner Lesart – Superdenker schnitten bei einem Gedächtnistest mindestens ebenso gut ab wie 30 Jahre jüngere Menschen gleichen Bildungsstands. Die Kontrollgruppe wartete dagegen mit durchschnittlichen Leistungen für ihr Alter und ihren Bildungsstand auf. Die Untersuchung erstreckte sich über sechs Jahre.

MRT-Untersuchungen bestätigten: Bei den Superagern war die graue Hirnsubstanz in Regionen, die für das Gedächtnis verantwortlich sind, weniger atrophiert als bei der Vergleichsgruppe. Auch nahm das Volumen der grauen Hirnsubstanz in diesen Regionen bei den Superdenkern langsamer ab als bei den „Normalos“.

Zwei schematische Köpfe; einer mit aufsteigenden Fragezeichen, der andere mit aufsteigenden Leuchten

Noch immer rätselbehaftet: unser Gehirn.         (Bild von nugroho dwi hartawan auf Pixabay)

Die Frage für die Forscher war nun: „Warum ist das so?“

Von 89 verschiedenen demografischen, Lebensstil- oder klinischen Faktoren, die in den Algorithmus der Untersuchung einflossen, waren es zwei, die für die Klassifikation am wichtigsten waren: die Bewegungsfähigkeit und die psychische Gesundheit.

Auch diese Studie belegt – wir wissen es bereits – dass körperliche Aktivität sehr wichtig für die kognitive Funktion ist. „Diese Menschen waren über 80 Jahre alt – dass sie sich hinsichtlich des Aktivitätslevels nicht unterschieden, ist nicht verwunderlich. Die Frage ist vielmehr, wie man dort hinkommt, sprich: wie aktiv man im Alter von 40, 50 und 60 Jahren ist“, betont Prof. Dr. Alessandro Cellerino vom Leibniz-Institut für Alternsforschung.

Auch bei Tests der psychischen Gesundheit schnitten die Superdenker besser ab als die Kontrollgruppe: Sie klagten deutlich seltener über Depressionen und Angststörungen. Aktivität ist also im gesamten Lebensverlauf wichtig! Auch Treppensteigen und Spazierengehen ist viel besser als das Sofa zu wärmen.

Beide Gruppen unterschieden sich nicht in Bezug auf das Vorkommen von genetischen Risikofaktoren für Alzheimer. Aber bezüglich der normalen Degeneration, die durch Biomarker angezeigt wird, zeigten die Superdenker niedrigere Werte. Die Warum-Frage ist nicht endgültig gelöst, aber die Hinweise deuten darauf hin, dass bekannte positive Verhaltensmuster auch hier ihre abmildernde Wirkung zeigen. Allerdings bleibt offen, was darüber hinaus noch relevante Faktoren sein könnten. In jedem Fall spielen wohl genetische Unterschiede eine Rolle. Wie groß diese ist, bleibt noch zu erforschen.

„Die Untersuchung bestätigt aber – so Cellerino -, dass die physische und psychische Funktion eng miteinander verbunden sind und dass wir beide erhalten müssen, um gesund zu altern“.

Einmal mehr haben wir die Chance, selbst etwas für uns zu tun…

Was ChatGPT zum vernünftigen Altern meint

Die künstliche Intelligenz ist in aller Munde. Nicht zu Unrecht. Denn auf eine nicht allzu schwere Frage antwortet sie durchaus so, dass man zu den allermeisten Anregungen nur zustimmend nicken kann.

Ein Beispiel: ich habe ChatGPT gefragt, was man als über 60jähriger Mann für die kommenden Jahre bedenken sollte. Hier die Antwort der KI:

Als Mann über 60 gibt es einige wichtige Aspekte, die du in den kommenden Jahren besonders beherzigen solltest, um deine Gesundheit, dein Wohlbefinden und deine Lebensqualität zu erhalten. Hier sind einige Empfehlungen:

  1. Regelmäßige Gesundheitschecks: Sorge für regelmäßige Untersuchungen und Gesundheitschecks, um potenzielle Probleme frühzeitig zu erkennen und zu behandeln.
  2. Gesunde Ernährung: Achte auf eine ausgewogene Ernährung, die reich an Obst, Gemüse, Vollkornprodukten und magerem Protein ist. Begrenze den Konsum von verarbeiteten Lebensmitteln, Zucker und gesättigten Fetten.
  3. Aktive Lebensweise: Bewegung ist entscheidend für die Gesundheit im Alter. Finde eine Form der Bewegung, die dir Spaß macht und die du regelmäßig ausüben kannst. Es kann Wandern, Radfahren, Schwimmen oder Yoga sein – Hauptsache, es hält dich aktiv.
  4. Gewicht im Blick behalten: Ein gesundes Körpergewicht kann das Risiko für verschiedene altersbedingte Erkrankungen reduzieren. Achte darauf, dass du ein angemessenes Gewicht beibehältst.
  5. Soziale Kontakte pflegen: Halte den Kontakt zu Freunden, Familie und anderen sozialen Gruppen aufrecht. Soziale Interaktion ist wichtig, um Einsamkeit zu vermeiden und geistig fit zu bleiben.
  6. Stressbewältigung: Finde Wege, um Stress zu reduzieren, sei es durch Meditation, Hobbys, Spaziergänge in der Natur oder andere Entspannungstechniken.
  7. Rauchen und Alkoholkonsum reduzieren: Wenn du rauchst, solltest du versuchen aufzuhören, da Rauchen mit vielen gesundheitlichen Risiken verbunden ist. Begrenze auch den Alkoholkonsum, um Leberproblemen und anderen gesundheitlichen Komplikationen vorzubeugen.
  8. Regelmäßige Augen- und Ohrenuntersuchungen: Die Sinnesorgane spielen eine wichtige Rolle für deine Lebensqualität. Lass deine Augen und Ohren regelmäßig untersuchen und kümmere dich um eventuelle Probleme.
  9. Geistige Fitness: Halte dein Gehirn aktiv, indem du Rätsel löst, liest, neue Fähigkeiten lernst oder geistig anspruchsvolle Aktivitäten durchführst.
  10. Gesunde Schlafgewohnheiten: Sorge für ausreichend Schlaf und versuche, einen regelmäßigen Schlafrhythmus einzuhalten.
  11. Vorsorgeuntersuchungen: Nimm die empfohlenen Vorsorgeuntersuchungen wahr, wie etwa Darmkrebs- oder Prostatauntersuchungen.
  12. Sich Hilfe suchen: Wenn du gesundheitliche Bedenken hast oder Fragen zu deiner Lebenssituation auftauchen, zögere nicht, professionelle Hilfe oder Beratung in Anspruch zu nehmen.

Letztendlich ist es wichtig, dass du auf deinen Körper hörst, deine Bedürfnisse ernst nimmst und dich um deine Gesundheit und dein Wohlbefinden kümmerst. Mit einem gesunden Lebensstil und regelmäßiger Vorsorge kannst du die kommenden Jahre bestmöglich genießen.

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