Lebenslanges Lernen statt „Was Hänschen nicht…

Lebenslanges Lernen statt „Was Hänschen nicht…

Die alte Gretchefrage, ob nun das Sein das Bewußtsein bestimmt oder ob das Gegenteil nicht doch treffender ist, soll hier nicht geklärt werden. Aber „Sprüche“ und Volksweisheiten als Essenzen kolltektiver Annahmen oder Unterstellungen haben eine erstaunliche Lebensdauer. Und sie prägen mit Sicherheit Einstellungen zu verschiedenen Herausforderungen des Lebens. Die aktuelle Hochglanz-Formulierung vom „lebenslangen Lernen“ steht der noch immer tief in vielen Gemütern verankerte Annahme, Hans könne nicht mehr erlernen, was Hänschen nicht bereits gelernt hat, entgegen.

Die zunehmenden Nachfragen älterer und alter  Bürger nach Fernstudiengängen sind ein Beleg für die Aufweichung des alten „Glaubensbekenntnisses“. Früher hatten die sogenannten „Seniorenstudiengänge“ immer ein wenig den Beigeschmack der staatlich finanzierten Beschäftigungstherapie. Angesichts drohenden Fachkräftemangels und verlängerter Lebenszeiten sieht das heute ganz anders aus. Natürlich nicht für alle, aber die Zahl volkswirtschaftlich relevanter alter „Neustudenten“, die ihre Entscheidung mit Blick auf die Möglichkeiten des Arbeitsmarktes trifft, wird in den nächsten Jahren sicherlich erheblich zunehmen. Zwar ist die Studiengangswelt für diese Zielgruppe noch übersichtlicher als bei den Jungstudenten, aber das Angebot wird auch für die Alten immer größer. Womöglich kommen wir über kurz oder lang dahin, Seniorstudenten gar nicht mehr extra aufzuführen. Dann muesste sich niemeand mehr die Frage stellen, ob Seniorenstudiengängen nicht doch etwas Altersdiskriminierendes an sich haben. Aber gemach: die Zukunft braucht ihre Zeit. Im Bereich der Fernstudien gibt es jedenfalls heute eine beachtenswerte und hilfreiche Übersicht auf den Seiten der Initiative lebenslanges Lernen. Unter dem Reiter „Weiterbildung“: …“für Senioren“ finden sich hier ein paar wichtige Grundinformationen für all jene, die sich mit dem Gedanken tragen, der Hochglanzformulierung zumindest im eigenen Leben reale Bedeutung zu geben. Wobei auch die nicht-altenspezifischen Hinweise lesenswert erscheinen.

Sachsen-Anhalt als Laboratorium der Moderne

Sachsen-Anhalt als Laboratorium der Moderne

Zu hoch gegriffen, der Titel?  Wenn man sich die Fakten durch den Kopf gehen lässt, die das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung in seinem aktuellen Regional Titel 3/2010 „Herausforderungen des demografischen Wandels für den Arbeitsmarkt in Sachsen-Anhalt“ zur Verfügung stellt, denkt man das nicht mehr. Kein Bundesland hat mit Alterung und schwindender Bevölkerung so zu kämpfen wie Sachsen-Anhalt. Alles, was hier unter dem jetzt schon schwer lastenden Druck der Demografie und der nicht ausreichenden Fachqualifizierung kreativ zum Besseren gewendet werden wird, kann in wenigen Jahren auch den Bundesländern eine günstige Lehre sein, die sich jetzt noch bräsig im Bewusstsein bald erreichter Vollbeschäftigung dünken. Das Land hat nach einem Bevölkerungsschwund von 19,7 % in den Jahren 1990 bis 2010 nun bis zum Jahr 2025 einen weiteren Rückgang um 16,7 % oder 400.000 Bürger zu erwarten. Das Durchschnittsalter wird auf 54 Jahre steigen. Mehr harte Fakten lassen sich dem o.e. IAB-Bericht entnehmen.

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Der Staat muss also im Bereich Ausbildung und Qualifizierung mit Höchstleistungen aufwarten, die Arbeitgeber werden das Thema Attraktivität (Familienfreundlichkeit, individuelle Arbeitszeiten) wesentlich kreativer bearbeiten müssen als nur mit einem simplen „Plus-X-Faktor“ zu den Tarifgehältern. Vielleicht lohnt vor diesem Hintergrund hin und wieder ein Blick in die Mitteldeutsche Zeitung. Hier sollte Neues aus Deutschlands und vielleicht auch Europas am schnellsten alternder Region mit dem existentiellen Zwang zu kreativen Lösungen zu lesen sein.

Ansbach kann´s

Anlässlich eines Vortrags hatte ich die Chance, die Ansbacher Gesundheitstage kennen zu lernen. Blickt man in die Zeitung, hört man Radio, so gibt es eine unisono Information: die Kassen der Kommunen sind klamm, ganz klamm. Aber mit geschickter Einbindung von Privatmitteln (Hier wohl Sanitätshäuser und Krankenkassen) schafft es die fränkische Stadt ihre Bürger mit strategischen Überlegungen zum Älterwerden zu versorgen. Die örtliche Volkshochschule hat sich mit dem Gesundheitsamt zusammengetan und wohl auch noch Landesmittel frei geschaufelt. Das Ergebnis für die Bürger lässt sich jedenfalls sehen. Ich gestehe gern, beeindruckt zu sein.

Die Rentenmauer bröckelt

Im Sommer letzten Jahres fällte das Hamburger Arbeitsgericht ein Urteil, das vielleicht in die Geschichte eingeht: Ein Angestellter der Hamburger Hochbahn AG hatte gegen seine Zwangsverrentung mit 65 Jahren geklagt. Er hatte Spaß an der Arbeit und wollte einfach nicht so mir nichts dir nichts damit aufhören müssen. Aber der Arbeitsvertrag sah die automatische Vertragsbeendigung mit Vollendung des 65. Lebensjahres vor. Das Gericht gab dem Kläger unter Hinweis auf die implizite Altersdiskriminierung Recht und verklagte die Hochbahn auf Wiedereinstellung. Endgültig wird diese Causa wohl erst mit einem Entscheid des Europäischen Gerichtshofes entschieden. Aber die Zwangsverrentung wird kaum rehabilitiert werden können. Sie gehört zu einer Zeit, in der die Menschen am Ende ihres Arbeitslebens erschöpft, ausgelaugt und – ja, auch unproduktiv wurden. Aber für wen gilt das heute noch? Für wen erst wird das in 10 oder 20 Jahren noch gelten? Ich würde mich sehr freuen, wenn dieser Mann seine Arbeit, die ihm eben auch Spaß bereitet, wieder aufnehmen dürfte. Man muss nicht Großschauspieler, Maler oder Dirigent sein, um sich mit 65 Jahren nicht nach dem Rentenstillstand zu sehnen. Näheres zum Fall kann man u.a. in der aktuellen SPIEGEL-Ausgabe (Nr. 37) auf Seite 84 nachlesen.

Buchempfehlung

Wenn sich jemand tatsächlich sehr gründlich über die allermeisten Facetten dessen informieren möchte, was ich hier einmal „Neues Altern“ nennen möchte, dann kann man ihr oder ihm nur das neunbändige Werk Altern in Deutschland (Hg.: Jürgen Kocka und Ursula M. Staudinger) ganz nachhaltig ans Herz legen. Interdisziplinäre Forschergruppen haben alles Denkbare zum Thema zusammengetragen, um der Politik Handlungsempfehlungen geben zu können. Die Bände sind in der Hallensichen Reihe „Abhandlungen der Deutschen Akademie der Naturforscher Leopoldina“ 2009 erschienen und von der Wissenschaftlichen Verlagsgesellschaft zu Stuttgart veröffentlicht worden. Die Beiträge sind mehrheitlich trotz des wissenschaftlichen Herangehens gut lesbar und sensibilisieren einen für die ganze Breite von Handlungsfeldern, die mit  dem Thema in Kontakt stehen. Der neunte und letzte Band bildet die Quintessenz: Gewonnene Jahre – Empfehlungen der Akademiengruppe Altern in Deutschland. Wie schön wäre es, wenn die, die da zuhören und ableiten sollten, es auch tatsächlich täten…

Aber wenn  die zum Thema wohl inormierte Öffentlichkeit größer würde, wäre dies ja auch schon ein Gewinn. Die Erkenntnisbasis ist mit dieser Veröffentlichung jedenfalls gegeben!

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