15.09.2010 | Arbeitswelt, Gesellschaft, Rente, Staat
Im Sommer letzten Jahres fällte das Hamburger Arbeitsgericht ein Urteil, das vielleicht in die Geschichte eingeht: Ein Angestellter der Hamburger Hochbahn AG hatte gegen seine Zwangsverrentung mit 65 Jahren geklagt. Er hatte Spaß an der Arbeit und wollte einfach nicht so mir nichts dir nichts damit aufhören müssen. Aber der Arbeitsvertrag sah die automatische Vertragsbeendigung mit Vollendung des 65. Lebensjahres vor. Das Gericht gab dem Kläger unter Hinweis auf die implizite Altersdiskriminierung Recht und verklagte die Hochbahn auf Wiedereinstellung. Endgültig wird diese Causa wohl erst mit einem Entscheid des Europäischen Gerichtshofes entschieden. Aber die Zwangsverrentung wird kaum rehabilitiert werden können. Sie gehört zu einer Zeit, in der die Menschen am Ende ihres Arbeitslebens erschöpft, ausgelaugt und – ja, auch unproduktiv wurden. Aber für wen gilt das heute noch? Für wen erst wird das in 10 oder 20 Jahren noch gelten? Ich würde mich sehr freuen, wenn dieser Mann seine Arbeit, die ihm eben auch Spaß bereitet, wieder aufnehmen dürfte. Man muss nicht Großschauspieler, Maler oder Dirigent sein, um sich mit 65 Jahren nicht nach dem Rentenstillstand zu sehnen. Näheres zum Fall kann man u.a. in der aktuellen SPIEGEL-Ausgabe (Nr. 37) auf Seite 84 nachlesen.
13.04.2010 | Allgemein, Arbeitswelt, Demographie, Gesellschaft, Gesundheit, Staat, Wissenschaft, Wohlbefinden
Noch vor Jahresfrist stiess man eher zufällig im Internet auf Initiativen, die sich irgendwie mit dem Thema Älterwerden beschäftigten; heutzutage wird man auch in der analogen Welt immer mal wieder mit einem Flyer oder einer Werbeanzeige zum Thema konfrontiert. Das heisst: langsam sickert die Erkenntnis des demografischen Wandels und der älteren bundesrepublikanischen Arbeitsplatzbelegschaft auch in die Allgemeinheit durch. Diesmal wurde ich auf die Inqa (Initiative Neue Qualität der Arbeit) aufmerksam. Eine Initiative, die von der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin unter Einbezug des politisch korrekten Umfeldes (Gewerkschaften, Ortskrankenkasse, Länderministerien etc.)begründet wurde. Wenn ich es recht verstehe, geht es um die Bekämpfung von Vorurteilen gegenüber älteren Arbeitnehmern und die Unterstützung von Unternehmen, um mit ihrer alternden Belegschaft medizinisch wie psychologisch richtig umzugehen. Eine ganze Reihe von Flyern stehen zum kostenfreien Download bereit. Lokale Netzwerkpartner werden genannt. Arbeitgeber, die das Gefühl haben, sie muessten etwas tun, da sich auch in ihrem Haus das Durchschnittsalter der Belegschaft immer weiter gen 50 fortentwickelt, bekommen hier Anknüpfungspunkte en gros. Nur machen muss man selber. Jedenfalls schadet es nicht, auch den eigenen Arbeitgeber auf diesen Verbund hinzuweisen.
09.02.2010 | Arbeitswelt, Demographie
Als wir in unserem Buche vom „demographischen Tsunami“ sprachen, klang das in manchem Ohr zu alarmistisch. Nun stellt The Economist – ein für seine britische Unaufgeregtheit bekanntes Magazin – einen Beitrag über die alternde Arbeitnehmerschaft in vielen Ländern unter den Titel „The silver tsunami“ (Vgl. The Economist, Feb.6th, 2010, S. 64). Die Zeitschrift beklagt, dass sich nur die wenigsten Unternehmen mit der Herausforderung einer alternden Belegschaft kreativ auseinandergesetzt hätten. Es gibt auch Ausnahmen: Netto, die dänische Einzelhandelsgruppe, experimentiert mit Läden deren Belegschaft grundsätzlich 45 Jahre und älter ist. Schwedens Elmhults Konstruktions und das niederländische Unternehmen Hazenberg Brew haben Mentoring-Systeme eingeführt, um jungen Mitarbeitern die Chance zu geben, von ihren Vorgängern kompetent eingearbeitet zu werden. BMW wird als Vorreiter im Produktionssektor ausdrücklich erwähnt. Aber aufs Ganze gesehen muesste viel mehr passieren. Das Magazin geht so weit, dies zu einer Überlebensfrage für viele Unternehmen zu machen. Mal sehen, ob, wo und wann dies fruchtet.
16.09.2009 | Allgemein, Arbeitswelt, Demographie, Gesellschaft, Politik
Dieser Tage war – ich weiss nicht mehr wo – zu lesen, dass die Linke mit einem Durchschnittsalter ihres Parteivolkes von über 62 Jahren wenigstens hier eine Spitzenposition einnimmt. Ein Gutteil davon dürfte auch schon Mitglied der Vorläuferpartei PDS gewesen sein. Platz zwei geht an die SPD mit 58 Jahren Durchschnittsalter. Die Grünen bilden mit 49 Jahren Altersdurchschnitt die „Yougster-Partei“. Tja, so ist die Jugend in die Jahre gekommen…
Nun könnte man einen beleidigten Diskurs über die Politikmüdigkeit der Jugend anfachen. Oder das Gegenteil: wenn die Jugend weder Zeit noch Engagement zu besitzen scheint, um sich parteipolitisch zu engagieren, dann macht dies doch das Feld für ältere Durchstarter frei. Das Thema „Was mache ich (nach den Ferien), wenn ich in Rente bin?“, bleibt eine aktuelle Frage. Nichts gegen Töpferkurse und Nordic-walking-Ausflüge, aber warum nicht die eigenen Erfahrungen und Ideen fruchtbar machen und die Parteienlandschaft von Innen heraus erneuern? Dass Innovation kein Jugendfach ist, ist auf diesen Seiten oft genug belegt worden. Also: auf in die Politik! Sie kann nur besser werden!
15.08.2009 | Allgemein, Arbeitswelt, Design, Konsum
Die Werbung ist – so sagt man – den gesellschaftlichen Trends stets ein wenig voraus. Was die Verschiebung der Kaufkraft in immer ältere Hände in Deutschland angeht, so kann man zumindest bei dieser Agentur, die sich gänzlich auf die Zielgruppe 50 + spezialisiert hat, festhalten, dass sie tatsächlich up-to-date zu sein scheint. Aber: erkennen wir uns in den dortigen Bildern wieder? Wollen wir so angesprochen werden? Was fehlt uns? Dies ist natürlich für Werbetreibende, aber auch für den Einzelnen, eine ganz interessante Frage: „Für welche Werbung und welche Produkte kann ich bei mir noch eine gewisse Werbeaffinität zugestehen?“
22.07.2009 | Allgemein, Arbeitswelt, Demographie, Gesellschaft, Politik, Staat
Wahlzeit ist Vorweihnachtszeit: Geschenke für alle! Jeder, der in diesen Wochen zum Verzicht ermahnt oder Unbezahlbarkeit anmerkt, wird von der politischen Klasse geohrfeigt und abgekanzelt. Es ist die Zeit vollmundiger Wahlversprechen! Keine Steuererhöhung! Steuererleichterungen! Mehr Geld für diese oder jene Klientel. Und: „die Rente ist sicher“. In der aktualisierten Fassung heißt das dann in etwas: An den Renten wird es keine Abstriche geben, was immer auch passiert. Kurz und gut: Es ist wieder Märchenzeit in Deutschland. Und das Wahlvolk scheint zwischen Sommerferien und Vorfreude auf die Wahlgeschnke den Bezug zur Realität zu verlieren. Selbst wenn eine ernst zu nehmende Institution wie die Bundesbank ihre Stimmer erhebt, um Warnendes zu sagen, bilden die Parteischwadroneure schnell eine Phalanx der vermeintlichen Gemeinwohlverteidiger. Konkret hat die Bundesbank die Verschiebung des Renteneintrittsalters auf 69 Jahre vorgeschlagen. Allerdings erst ab ca. 2060. Anstatt diesen Gedanken als Aufruf zu verstehen, in eine Diskussion über flexibilisierte Arbeitszeitmodelle – nicht fur für die Älteren, aber eben auch für sie – einzutreten, verwahren sich die Klientelschützer gegen jede Infragestellung des status quo. Und das bei einem Schuldenstand der öffentlichen Hand von ca. 1,7 Billionen Euro. Eine Sternstunde politischer Wahrhaftigkeit ist das heute gewiss nicht!
Natürlich: Die Rente war sicher, ist sicher und wird es immer bleiben. Ein Narr, wer hier zu diskutieren beginnt.