Es wird besser

Fortschrittsreport „Altersgerechte Arbeitswelt“ – so benennt das Bundesministerium für Arbeit sein neuestes Periodikum. Alle sechs Monate soll eine frische Ausgabe auf den Seiten des Ministeriums  zum Herunterladen bereit liegen. Aber das Wichtigste steht bereits im Titel: Fortschrittsreport! Mach einer mag  das als Pfeifen in dunkler Gasse, als Selbstbestätigung ministeriellen Managements verstehen. Unbenommen. Aber deutlich wird durch die vorgestellten Forschungsergebnisse der letzten Jahre, dass das Paradigma der abnehmenden Leistungsfähigkeit älterer Arbeitnehmer falsch ist und beerdigt werden sollte. In allen Köpfen. Vor allem in den Personalabteilungen. Ausnahmen bestehen aber bei physisch stark fordernden Arbeitsprozessen und bei monotonen Arbeitsabläufen. Also: von alleine fällt den Unternehmen nicht der erfahrene, motivierte und leistungsfähige Mitarbeiter vor die Tür. Es gilt ihn/sie zu pflegen, Arbeitsprozesse neu zu durchdenken und die – ebenfalls in diesem Bericht belegten – Vorteile altersdurchmischter Arbeitsgruppen auf den Weg zu bringen. Das geht nicht von heute auf Morgen. Aber die Sollarbeitszeit wird in diesem Jahr auch mal gerade um einen Monat verlängert. Jedoch gilt mit Sicherheit, dass altengerechte Änderungen im Arbeitsleben auch den jungen Arbeitsmarktaspiranten zu Gute kommen. Wer diese Zielgruppe durch prozessuale Neulayouts von Arbeit (Teilzeit, Vertrauenszeit,  Heim-Büro etc.) umwerben will, wird automatisch etwas für den längeren Verbleib seiner älteren Arbeitnehmer geleistet haben. Und umgekehrt. Die Beschäftigtenquote der Über-60-Jährigen ist durch die kontinuierliche Verlängerung der Soll-Arbeitszeit aber nun kein verlässlicher Indikator für eine „altersgerechtere Arbeitswelt“ mehr. Der genaue Blick bleibt gefragt.

Europa versucht die geriatrische Forschung zu koordinieren

Europa versucht die geriatrische Forschung zu koordinieren

Es ist erstaunlich, welch Institutionen man findet, wenn man so durchs Internet streift. Mir war bislang die Existenz der „European Union Geriatric Medicine Society“ vollständig unbekannt. Dabei hat sie sich das hehre Zeil gesetzt, die geriatrische Forschung in allen Ländern der EU zu unterstützen. Durch Wissens-Austausch zwischen den entsprechendenden Universitätsinstituten. Drei davon möchte die Organisation mittelfristig aus jedem Land im Austauschzirkel vertreten sehen. Mit Sicherheit ist es kein Fehler, wenn auch hier Forschung effizient und arbeitsteilig organisiert wird. Noch – so mein Eindruck von den Seiten der EUGMS – ist das wohl nicht der Fall. Europa ist auch hier auf dem Weg, aber noch lange nicht angekommen.

EUGMS versucht das Fischen nach geriatrierelevantem Wissen europaweit zu koordinieren

 

 

67, 68, 69

Salamitaktik könnte man es nennen: nach dem beschlossenen Renteneinstiegsalter 67 Jahre haben die  fünf Wirtschaftsweisen heute empfohlen, ab dem Jahre 2049 den Renteneintritt auf 68 oder 69 Jahre anzuheben. Der Proteststurm dürfte ihnen sicher sein. Wer sich an unser Anfänger-Büchlein erinnert, weiß, dass wir mit Blick auf die Rostocker Demographieforschung von einem Einstiegsalter von 72 Jahren ausgegangen waren. Wer hier Recht hat, lässt sich nicht wirklich bestimmen, da die Faktoren Zuwanderung, Steigerung der Erwerbspersonen und Zuschuß zur Rentenkasse aus dem Bundeshaushalt Steuerungsgrößen der Poltik sind – wenn sie ihr Handwerk denn mit Blick auf die Notwendigkeiten ernst nimmt. Wir werden sehen…Unstrittig ist aber, dass das noch faktische Renteneintrittsalter von 62, 63 Jahren auf keinem Wege finanzierbar bleiben kann.

Wissenshungrige, auf nach Bonn!

Die rühmlich aktive Becker-Stiftung lädt für den 6. und 7. April zu einer Konferenz nach Bonn. Es geht um die Verbindung von Alter und Arbeit. Im Fokus steht hier zum einen die Frage, in wie weit das Selbstbild des Arbeitnehmers vom Alter seine Leistung und Motivation beeinflusst. Der zweite Fokus liegt auf der Frage nach den geeigneten Mitteln, mit denen Unternehmen sich in die Lage versetzen können, Mitarbeiter länger produktiv und motiviert im Unternehmen halten zu können. Es wird hier auch um das heikle Thema Gehalt gehen. Einerseits weiß eigentlich jeder, dass das Senioritätsprinzip bei der Gehaltsfindung ein Relikt darstellt, andererseits ist es für viele eben ein lieb gewonnenes Relikt. Aber man wird die Quote der Beschäftigten über 65 Jahre kaum anheben können, solange dieses Überbleibsel bleischwer ganz oben auf dem Bedingungsstapel der Mitarbeiter liegt. Flexibilität und frisches Denken sind hier gefordert.

Also eine spannende Veranstaltung. Schade, dass sie sich nur an Unternehmen und Universität/Lehre/Studenten wendet. Gerade beim ersten Thema geht es doch um die Befindlichkeit von älteren Arbeitnehmern. Manch empirisches Forschungsergebnis bekommt erst durch begleitende „oral history“ ein sprechendes Gesicht, eine Wirkung auch auf Kreise ausserhalb des Fachzirkels. Aber vielleicht ist bei der Becker-Stiftung dazu das letzte Wort auch noch nicht gesprochen.

Botschaft verstanden?

Wie weit hat sich  in der Mittte der Bevölkerung das Bewußtsein für die demografische Herausforderung der kommenden Jahre entwickelt? Exakt wird das niemand sagen können; einschlägige Untersuchungen sind mir nicht bekannt. Das gestern im ZDF gezeigte Doku-Drama „2030 – Aufstand der Jungen“ lässt an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig. Wer wissen möchte, kann hier zumindest Hinweise auf die Verschiebung des deutschen Altersdurchschnitt und die daraus resultierenden Folgen wahrnehmen. Aber zum einen gibt es ja  noch Möglichkeiten für kluge Kompromisse zwischen den Generationen, zum anderen kann der Film auch als Science-Fiction konsumiert werden: „hat nix mit mir und meinem Leben zu tun!“

Erfrischend positiv dagegen ein Beispiel aus den USA, das DIW-Präsident Zimmermann am Wochenende in der Süddeutschen Zeitung im Kontext „Die Zukunft der Arbeit“ brachte: „Im amerikanischen Boston gibt es ein Familienunternehmen, das ausschließlich ehemalige Lehrerinnen, Ingenieure, Designer oder Kellnerinnen beschäftigt. Das Durchschnittsalter liegt dort bei 71 Jahren. Dank der Verlässlichkeit der Mitarbeiter stieg der Umsatz in den letzten Jahren um 20 Prozent. Es ist nicht nötig,  Angst davor zu haben, dass die Belegschaften auch bei uns älter werden – wenn dieser Prozess gut gemanagt wird.“ Der Absender dieser frohen Botschaft ist eigentlich prominent genug, um Verhaltensänderungen in den Köpfen der verantwortlichen Personaler und Geschäftsführer auf den Weg zu bringen. Ich halte ihm die Daumen dafür! Aber vielleicht folgt das Gros der Deutschen doch lieber passiv den ZDF-Alarmisten als dem zur Eigeninitiative aufrufenden Zukunftsgestalter?

Noch schnell nach München

Die hier schon mehrfach positiv erwähnte Arbeitsgruppe der Leopoldina („Altern in Deutschland“) lädt morgen um 10.00 Uhr zu einem Symposion zum Thema Altern und Arbeitswelt ein. Der Arbeitstitel

Strategien zur Bewältigung des demografischen Wandels

lässt Platz für das Andocken verschiedenster Themen. Spannend wird es bestimmt. Zufall oder Vorsatz: Die Veranstaltung findet in der BMW-Welt statt. BMW hat sich unter den DAX-Unternehmen als DAS Unternehmen positioniert, dass am offensivsten und innovativsten mit der Herausforderung einer alternden Arbeitnehmerschaft umgeht. Also auch noch ein symbolisch aufgeladener Tagungsort. Näheres kann man hier nachsehen.

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