Generation „Erfahrung“ statt Generation „Sorge“

Wenn man sich mit dem Thema Altern beschäftigt, kann man nicht in Abrede stellen, dass auch die Politik die Brisanz des Themenkomplexes erkannt hat und vielfältige Initiativen fördert oder selbst ins Leben ruft. Da hier primär volkswirtschaftliche Interessen im Vordergrund stehen, muss man auch nicht gleich den Gedanken an Zielgruppenmarketing vertiefen – wobei das ja auch per se nicht schlimm wäre. Bei der Initiative Alter schafft Neues geht es um ehrenamtliche Arbeit. Natürlich muss der Staat, der im Zuge finanzieller Engpässe immer mehr Stellen gestrichen hat und damit wohl auch noch nicht zu Ende ist, Aufgaben möglichst kostengünstig auslagern. Aber das ist nur die halbe Wahrheit: Vielen Älteren (ich denke auch an meine eigene Familie) gehen mit dem Ende des Berufslebens Lebenssinn und Herausforderung verloren. Wer anderen hilft, hilft tatsächlich auch sich selbst. Insofern sind Freiwilligenbörsen, die Arbeits- und damit auch Sinnangebote machen, sehr zu begrüßen.

Milliadäre arbeiten länger

Die Frankfurter Finanzwelt geriet in ungewohnte Erregung: dieser Tage gab Warren Buffett, der neuerdings reichste Mann der Erde, eine Audienz. Ziel der Veranstaltung: „Ruft mich an“ war sein Aufruf an mittelständische Unternehmen. Und er meinte vor allem die deutschen. Er sucht nun in Europa die eine oder andere Anlagemöglichkeit, die den Schatz der 76 Unternehmen, die seine Berkshire Hathaway-Holding führt, noch erweitern könnte. Nicht weiter erstaunlich? Doch! Warren Buffett ist 76 Jahre alt und hat genug Geld auf seiner Mount Everest-hohen Kante, um nie wieder einen Finger rühren zu müssen. Und warum tut er es trotzdem? Warum tut er sich den Tort einer Interkontinentalreise an? Weil keine dämliche Zwangsverrentung ihn vom Sinnstrom seiner Existenz abnabelt! Es geht ihm wohl kaum um ein paar Millionen mehr, sondern darum, das zu tun, was er seit Jahrzehnten erfolgrich betreibt. Tot ist man ohnehin lange genug. Egal, ob arm oder reich. Bis dahin sollte man nach Möglichkeit das weiter machen, was man gut kann. Milliardäre können durchaus schlau sein.

Und noch ein Blatt mehr

Wie schön: wieder eine neue Zeitschrift mehr, die die Angebotsvielfalt für älterer Leser angenehm erweitert! „TENGO – Lust auf später“ hält, was der originelle Titel verspricht: ein bunter Kessel Themen- und Meinungsvielfalt, liebevoll bebildert und modern layoutet. Also kein Blatt für´s Nähstübchen. Nach einigen aktuellen Häppchen – oft auch durch Promi-Befragung angereichert – geht es inhaltlich u.a. um Altersteilzeit, Sex, Nervkram, Flow und eine BILD-Sichtung. Der Themen-Reigen macht deutlich, dass hier kein feinsinnig gegliedertes Marketingjournal möglichst viele Werbeseiten unterzubringen versucht, sondern dass man dem eigenen Anspruch durchaus gerecht wird, „ein Autorenheft, das keine Ratschläge erteilt, sondern einer mündigen Leserschaft gedankliche Angebote macht, die sich mit der Freiheit verbinden, sie weiterzudenken oder zu verwerfen…“.

Herausgeber ist der PARITÄTISCHE Gesamtverband. Mutig für eine Sozialinstitution, erfreulich, dass damit wohl nicht ganz kurzfristig über das Bleiben oder Gehen vom Zeitschriftenmarkt entschieden werden wird. Ein Manko: TENGO erscheint nur zweimal pro Jahr und ist auch in den größeren Kiosken nur drei Monate nach Erscheinen gegen 6,50 Euro zu erwerben. Es gibt auch einen – leider noch etwas bieder geratenen – Online-Ableger, bei dem man die Printausgabe direkt beim Verlag ordern kann. Lassen Sie sich aber nicht verdriessen, die Analogausgabe hat durchaus das Potential zum Lieblingsjournal – wenn sie denn öfter erschiene.

Auf dem Weg in die gespaltene Gesellschaft?

Im Augenblick ist der Medienraum erfüllt das Echo vielstimmiger Gesänge rund um Wohl und Wehe der Alten: Ex-Präsident Herzog warnt vor einer Ausbeutung der jüngeren Generationen durch die Alten. NRW-Landesoberhaupt Rüttgers beklagt dagegen die Zunahme von Altersarmut. Wie passt das zusammen? Wer führt die Wahrheit am Nasenring durchs Medienland? Es haben wohl beide Recht: einerseits gibt es jetzt in Summe und pauschal eine Seniorengeneration, die eine historisch nie dagewesene Kaufkraft besitzt. Die immer weniger werdende jüngere Generation zahlt aber immer mehr in den Umlagetopf, um die Renten finanzieren zu können. Direkt und indirekt über Steuern, die dann wieder als Bundeszuschuss in den Etat der Rentenkasse eingehen – zig Milliarden pro Jahr! Die eigene Altersvorsorge der Jüngeren ist aber extrem gefährdet, da Adenauers Generationenvertrag von einer wachsenden Population ausging. Die jetzige deutsche schwindet jedoch. Den Jungen wird unverhältnismässig in die Tasche gegriffen.

Auf der anderen Seite spiegeln sich die Löcher in den Erwerbsbiographien schon heute in manch dürftiger Rente wider. Frauen – mit in der Regel kleineren Einkommen – bekommen auch die kleineren Renten. Von den gut 370.000 Bürgern über 65 Jahren, die von der Sozialhilfe leben, sind fast 2/3 Frauen.

Blickt man in die Zukunft, so ist es keine Denksportleistung zu erkennen, dass sich das Auseinanderdriften der (Einkommens-)Mitte bei den künftigen Rentnergenerationen – durch die demografische Entwicklung verschäft – noch pointierter in mehr wohlhabenden und mehr armen Alten niederschlagen wird.

Wird dieser gesellschaftliche Hiatus durch eine neue Form von Intragenerationssolidarität abgefedert werden?

Neue Zielgruppenzeitschrift

Frisch auf dem Markt ist jetzt „invivo“. Eine weitere Zeitschrift, die es gezielt auf die Leserschaft der 50 bis 65-Jährigen abgesehen hat. Erstaunlich an dem Projekt ist, dass sich das Magazin zunächst rein aus der Webung finanziert. Ledglich 20.000 der angegebenen Auflage von 100.000 wird an Bahnhofs- oder Flughafenkiosken für 6 € verkauft. Der Rest geht als Schnupperabonnement direkt an Interessierte. Ist das waghalsig? Interesant scheint mir, dass die Werbewirtschaft offensichtlich einen Paradigmenwechsel vollzieht: bislang galt das Alterssegment der 14- bis 49-Jährigen als einzige Zielgruppe. Jenseits der 50 herrschte werbliches Brachland – wenn man von ein paar Gehhilfen, Bandagen und Treppenliften absah. Und jetzt finanziert die Werbng ein ganzes Zeitungsprojekt. „Da brate mir einer einen Storch!“ könnte man dazu sagen. Oder mit Befriedigung feststellen, dass die trendsetzende Werbewirtschaft der Generation 50+ den Ritterschlag als satisfaktionsfähige Zielgruppe erteilt hat.

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